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Olympia 2012: Turner Marcel Nguyen und der Wettkampf seines Lebens

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Nguyen und der beste Wettkampf seines Lebens

02.08.2012, 08:53 Uhr | t-online.de

Olympia 2012: Turner Marcel Nguyen und der Wettkampf seines Lebens. Riesenfreude: Turner Marcel Nguyen gewinnt sensationell Silber bei Olympia - seine Tätowierung versteckte er vorsorglich. (Fotos: dpa, imago) (Quelle: dpa)

Riesenfreude: Turner Marcel Nguyen gewinnt sensationell Silber bei Olympia - seine Tätowierung versteckte er vorsorglich. (Fotos: dpa, imago) (Quelle: dpa)

Aus London berichtet Julian Moering

Er konnte es selbst kaum glauben. Immer wieder nahm Marcel Nguyen in den Katakomben der North Greenwich Arena seine Silbermedaille in die Hand, so als wolle er sich ständig versichern, ob sie auch wirklich da ist. Minuten zuvor hatte der Außenseiter mit dem überschminkten Brust-Tattoo im olympischen Mehrkampf-Finale die gesamte Turnwelt überrascht und sensationell den zweiten Platz belegt. Alle Entscheidungen des Tages im finden Sie im t-online.de-Live-Ticker

"Wenn mir das jemand vorher gesagt hätte, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt", sagte ein vollkommen überwältigter Nguyen. "Darauf muss man erstmal klarkommen. Ich werde es erst glauben, wenn die Medaille morgen immer noch da ist."

Willenskraft und Selbstvertrauen

Tatsächlich hatte den Mann mit dem unaussprechlichen Namen niemand auf der Rechnung. Zu stark schien die Konkurrenz um den Top-Favoriten und späteren Sieger Kohei Uchimura aus Japan. Doch Nguyen lieferte nicht weniger als den besten Wettkampf seines Lebens ab, und das ausgerechnet bei den olympischen Spielen. Nie zuvor hatte er die 90-Punkte-Marke geknackt, in London standen am Ende 91,031 Zähler auf der Anzeigetafel. Ein Produkt aus Willenskraft und großem Selbstvertrauen.

Auch sein persönlicher Trainer Valeri Belenki musste das eben Erlebte erst einmal sacken lassen: "Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich nicht dran geglaubt. Ich musste lange Überzeugungsarbeit leisten, dass er überhaupt beim Mehrkampf mitmacht." Belenkis Ausdauer wurde belohnt, und dafür ist ihm sein Schützling sehr dankbar: "Er hat mich immer getreten und wird mich auch in Zukunft treten müssen", sagte Nguyen. "Dafür werde ich ihn auf jeden Fall zum Essen einladen."

"Pain ist temporary, pride is forever"

Sein übergroßes Brust-Tattoo, das zuvor für unnötige Aufregung im deutschen Olympia-Team gesorgt hatte, hatte Nguyen vorsichtshalber überschminkt, um nicht Ärger mit dem Internationalen Olympischen Komitee IOC zu bekommen. "Pain ist temporary, pride is forever" (Die Qualen gehen vorüber, der Ruhm ist für immer) lautet seit Anfang Mai die Aufschrift auf seiner Brust.

Gemeinsam mit der Teamleitung hatte Nguyen entschieden, das Tattoo aus ästhetischen Gründen unkenntlich zu machen. "Ich habe mir extra Camouflage Theaterschminke besorgt. Die hält auch beim Schwitzen“, sagte der Turn-Star. Verboten ist es allerdings nicht. "Wir haben uns beim IOC noch einmal erkundigt. Verboten sind nur religiöse und politische Botschaften, nicht Tattoos im Allgemeinen", sagte Sprecher Christian Klaue.

Momente des bangen Wartens

In den letzten Minuten des Wettkampfs war die Spannung regelrecht mit den Händen zu greifen. Während der Japaner Uchimura und der US-Amerikaner Danell Leyva schon ihre Medaillen feierten, musste Nguyen als letzter Turner des Abends noch seine Übung am Boden absolvieren. Als dann nach Momenten bangen Wartens die Wertung 15.300 auf der Videoleinwand eingeblendet wurde und klar war, es reicht für Silber, gab es beim 24-Jährigen und dem Trainerteam kein Halten mehr. "Das war ein überwältigendes Gefühl", beschrieb Nguyen hinterher diesen Moment.

Auf der Tribüne fielen sich Freundin und die Teamkollegen, die zum Anfeuern gekommen waren, um den Hals. Dabei sah es anfangs gar nicht nach einem Happy End aus. Nach dem ersten von sechs Geräten lag Nguyen sogar auf dem 24. und damit letzten Platz. "Das Pferd war nichts. Aber dann bin ich von Gerät zu Gerät besser in den Wettkampf gekommen", analysierte Nguyen seine eigene Vorstellung. Es wurde eine sensationelle Aufholjagd.

Erste deutsche Mehrkampf-Medaille seit 1936

Am Barren erzielte er sogar die beste Wertung des Abends, was Hoffnung für das kommende Finale auf diesem Gerät macht. Am Ende konnte er sich über die erste deutsche Mehrkampf-Medaille der Männer seit den Spielen in Berlin 1936 freuen. Damals war es ein gewisser Alfred Schwarzmann, der Gold gewann.

Hambüchen fällt bei der Jury durch

Dabei war eigentlich ein ganz anderer für Edelmetall vorgesehen. Doch für Fabian Hambüchen war der Wettkampf quasi schon nach zwei Geräten vorbei. Der deutsche Vorzeigeturner hatte seine Übung am ungeliebten Pferd ganz ordentlich hinter sich gebracht, doch die Jury sah das anders und gab eine extrem niedrige Wertung. Nachdem der Einspruch der Deutschen abgelehnt wurde, war die Luft irgendwie raus, auch wenn er das anders sah. "Nein, der Ärger am Pferd hat mich nicht nachträglich belastet", sagte ein sichtlich angefressener und frustrierter Hambüchen.

Seine Darbietungen an den restlichen vier Geräten lassen aber Gegenteiliges vermuten. Beim Sprung patzte er bei der Landung, an seinem Paradegerät, dem Reck, griff er sogar daneben. Am Ende reichte es gerade einmal zu einem enttäuschenden 15. Platz. Aber die Spiele sind für den 24-Jährigen ja noch nicht vorbei. "Das ist nicht das Ende hier. Ich schaue jetzt nach vorne und konzentriere mich voll auf das Finale am Reck." Dort, so ist sich auch Bundestrainer Andreas Hirsch sicher, wird "Fabi zeigen, was er kann".

Großes Lob für den Kollegen

Trotz des für ihn bitteren Abends fand Hambüchen noch anerkennende Worte für die Leistung seines Kollegen. "Es freut mich sehr, dass er für diese fantastische Leistung belohnt wurde. Für uns Turner ist diese Silbermedaille natürlich grandios." Vielleicht nimmt die erste Medaille der deutschen Turner bei diesen Spielen ja etwas den Druck von Hambüchen und es klappt auch für ihn noch mit dem heiß ersehnten Edelmetall.

Das hat Nguyen jetzt schon sicher. Und nun steht erst einmal "ein Tag Wellness" auf dem Programm, wie er am Abend geschafft aber glücklich auf der Bühne im Deutschen Haus verkündete. Auf das Feierabendpils wollte er aber verzichten, schließlich stehen noch die Finals am Barren und auf dem Boden an. Und da würde Nguyen gerne wieder die besten Wettkämpfe seines Lebens zeigen.

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