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Ultra-Triathlet Tristan Vinzent ist einer der extremsten Sportler Deutschlands

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"Wettkämpfe sind mein Urlaub"  

Tristan Vinzent ist einer der extremsten Sportler Deutschlands

24.12.2014, 10:46 Uhr | t-online.de

Ultra-Triathlet Tristan Vinzent ist einer der extremsten Sportler Deutschlands. Tristan Vinzent fährt bei Ultra-Distanzen auf dem Rad einen Schnitt von rund 30 Stundenkilometern. (Quelle: Tristan Vinzent)

Tristan Vinzent fährt bei Ultra-Distanzen auf dem Rad einen Schnitt von rund 30 Stundenkilometern. (Quelle: Tristan Vinzent)

Von Johann Schicklinski

Ironman-Finisher gelten als die Könige der Athleten, weil sie 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer radfahren und dann noch 42,195 Kilometer laufen – am Stück, in einem Wettkampf. Eine Grenzerfahrung für Geist und Körper, über die Tristan Vinzent nur lächelt. Der 51-Jährige startete Ende Oktober beim "Deca Ultra Tria" in Mexiko und absolvierte an zehn aufeinanderfolgenden Tagen zehn Ultratriathlons. Das bedeutet insgesamt 38 Kilometer Schwimmen, 1800 Kilometer Radfahren und über 420 Kilometer Laufen.

Vinzent ist erst der zweite Deutsche überhaupt, der diesen Wettkampf ins Ziel gebracht hat. Er hat dafür 146 Stunden, 13 Minuten und zwei Sekunden gebraucht – deutscher Rekord. Pro Ironman sind das knapp 14 Stunden und 35 Minuten – hervorragende Zeiten, die ihn am Ende auf Rang fünf katapultierten. Gesamtsieger des Deca-Ironman wurde der Tscheche Kamil Suran, der mit einer Zeit von 107:00:36 einen neuen Weltrekord hinlegte.

Während bei der Tortur im mexikanischen Leon von 17 Startern sieben Teilnehmer vorzeitig aufgeben mussten, absolvierte Vinzent die zehn aufeinanderfolgenden Wettkämpfe gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Für die 3,8 Kilometer Schwimmen brauchte er immer knapp 1:20 Stunden, auf dem Rad fuhr er konstant mit rund 30 Stundenkilometern. Beim Laufen spulte der in Wörrstadt lebende Musiklehrer seine Kilometer mit einem Schnitt von 5:30 Minuten ab. "Bei den zehn Ironman hintereinander lief ich fast immer den gleichen Schnitt", erzählt Vinzent im Gespräch mit t-online.de.

Widrigkeiten ab Tag sechs

Der Rheinhesse hatte sogar Spaß an der Qual. "Die ersten fünf Tage gingen so schnell rum, dass ich dachte, wie geil ist das denn", so Vinzent. Dabei hatte er sich vorab auf Widrigkeiten eingestellt: "Im Jahr zuvor hatte ich erstmals einen fünffachen Ironman absolviert – danach war ich komplett bedient. Ich hatte damals echt zu kämpfen."

In Mexiko lief es ab Tag sechs dann auch nicht mehr reibungslos: "Da bin ich mit dem Rad gestürzt, weil mir jemand reingelaufen ist. Da dachte ich schon, das war es. Am siebten Tag hat der Magen aufgrund der Anstrengung komplett rebelliert, ich musste 15 bis 16 Mal auf die Toilette. Das war ein hartes Ringen mit mir selbst."

"Ich kann Schmerzen wegdenken"

Doch er biss sich durch – denn auf diesem Niveau ist vieles Kopfsache. "Ich kann Schmerzen wegdenken", gesteht Vinzent. So vergingen der achte und neunte Wettkampftag "hauptsächlich mit Essen und Trinken", so der Athlet weiter, der am vorletzten Wettkampftag auch noch von einer Wespe in den Mund gestochen wurde. Augen zu und durch, so seine Devise, so dass es schließlich zum heiß ersehnten Ende kam: "Den letzten Tag habe ich komplett genießen können. Meine Platzierung war schon klar, so dass ich es nicht mehr ganz so eilig hatte. Ins Ziel zu kommen, war wirklich ein einmaliges Gefühl."

Im Anschluss hat er sich selbst für seine Leistung  - pro Ironman verbrennt ein Sportler über 12.000 Kalorien - belohnt: "Am Tag nach dem Wettkampf ist dort immer eine große Party für die Athleten. Da hieß es, Essen und Trinken was geht. Nach den Wettkämpfen habe ich immer einen Heißhunger, da könnte ich den ganzen Tag nur essen."

Ernährung muss man trainieren

Eine angenehme Abwechslung nach zehn Tage mit Wettkampfkost. "Ich ernähre mich anders als die anderen Ultra-Athleten. In Mexiko habe ich jeden Morgen mein eigenes Frischkornmüsli gegessen, dass mir mein Betreuer zubereitet hat. Im Wettkampf nehme ich vor allem einen speziellen Powerdrink zu mir, eine Eigenkreation", so Vinzent. "Das stelle ich selbst aus gemahlenem Einkorn, Wasser und purer Sahne her und nehme es hauptsächlich auf dem Rad zu mir. Dazu kommt dann noch viel Obst. Am Abend nach dem Wettkampf habe ich dann Linsen, Kartoffeln und Gemüse gegessen, wenig Fleisch." Ernährung, erklärt Vinzent, müsse man ebenso trainieren wie den Sport an sich. "Wenn der Magen nicht mitspielt, geht sonst gar nichts mehr."

Er hat seine Erfolgsformel offensichtlich gefunden: "Ich habe die ersten fünf Ironman in Mexiko rumgekriegt, ohne auf die Toilette gehen zu müssen. Das soll mir erst einmal jemand nachmachen." Von den bei Ausdauersportlern beliebten isotonischen Nahrungsergänzungsmitteln hält er indes nichts: "Wenn ich sehe, was sich da alles reingeworfen wird an Energieriegeln und Gels – das geht auf einer Ultradistanz gar nicht. Da rebelliert irgendwann der Magen."

Auch im Alltag ernährt Vinzent sich sehr speziell. So isst der Sohn einer Ernährungsberaterin meist nur einmal in der Woche warm und hält sich ansonsten an Speisen, die ihm auch durch seine extremen Wettkämpfe helfen. Auf seinem Speiseplan steht dabei sehr oft Sauerkraut, auch wenn er klarstellt: "Ich bin kein Vegetarier, esse auch einmal oder zweimal im Jahr ein Steak.“

Extreme Umfänge auch im Training

Die gesunde Ernährung ist für Vinzent sehr wichtig, schließlich ist sein Trainingspensum bemerkenswert. "Aktuell, so knapp zwei Monate nach Mexiko, mache ich ungefähr 20 bis 25 Stunden Sport in der Woche", so der 51-Jährige. "In der heißen Phase der Vorbereitung waren es bis zu 45 Stunden. Aber das dann wirklich nur über maximal drei Wochen. Über 30 Stunden sind es im Sommer aber konstant."

Dazu kommen extreme Ausreißer, um die Distanzen eines Ultra-Wettkampfes zu simulieren. "Es kam schon vor, dass ich zu meiner Mutter gelaufen bin. Die wohnt im Saarland, etwa 140 Kilometer weit weg. Oder ich habe meinen Bruder in der Schweiz besucht und bin die 550 Kilometer dorthin mit dem Rad gefahren", sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken: "Natürlich ohne Pause."

Ohne ein solches Pensum wären manche Wettkämpfe für ihn gar nicht zu stemmen. So hat er bereits mehrfach Dreifach-Ironmans ins Ziel gebracht. Diese werden am Stück durchgeführt, das heißt rund 42 Stunden Sport, kein Schlaf. Immerhin: Eine Auszeit gönnt auch er sich manchmal: "Montags ist prinzipiell Ruhetag", führt der Rheinhesse aus und ergänzt mit einem Augenzwinkern: "Es sei denn, ich fühle mich so gut, dass ich durchtrainiere."

Sport als Beziehungskiller

Angesichts dieses Pensums drängt sich die Frage auf, ob eine Partnerin das alles mitmacht. "Ich war mal verheiratet, bin aber schon seit 1997 geschieden. Im Anschluss habe ich erst so richtig mit dem Laufen längerer Distanzen begonnen", sagt Vinzent, der seit letztem Jahr von seiner Freundin getrennt lebt.  Er gibt zu, dass sein Leben hauptsächlich aus "Arbeit, Sport, Essen und Schlafen" besteht. Mit dem enorm hohen Trainingsaufwand, so erzählt er weiter, sei es eher schwierig, eine Beziehung zu führen: "Speziell das Laufen war immer ein Reizthema."

Eine weiteres wichtiges Thema für Vinzent ist die Finanzierung seiner Wettkämpfe, schließlich fallen  - unabhängig von Ausrüstung, Verpflegung und vielem mehr - enorm hohe Reisekosten an. Leicht fällt es nicht, die Ausgaben zu stemmen. "Das kostet alles ein Schweinegeld. Allein der zehnfache Ironman in Mexiko hat mich fast 6000 Euro gekostet, da ich ja auch einen Betreuer mitnehmen musste", erklärt er. Vinzent hofft deshalb auf Sponsoren. "Dadurch, dass ich ja ein bisschen Erfolg hatte und den deutschen Rekord gebrochen habe, gibt es zumindest Anfragen."

Wäre er seinem ersten Sport, dem Fußball treu geblieben, hätte er es sicher leichter gehabt, Geld damit verdienen zu können. Vinzent war nämlich durchaus talentiert. "In der Jugend habe ich mal 136 Tore erzielt und auch in der saarländischen Auswahl gespielt", sagt er. Im Aktivenbereich hat er es sogar auf Einsätze in der Amateur-Oberliga geschafft. Als 15-Jähriger lag ihm sogar ein Angebot des 1. FC Saarbrücken vor, doch sein Vater war gegen eine "Fußballkarriere".

"Wettkämpfe sind mein Urlaub"

So kam er als 28-Jähriger über eine Wette zu seinem ersten Marathon, 1990 in Berlin. Bei einem Volkstriathlon ein paar Jahre später infizierte er sich mit dem Virus für den Ausdauersport, der erste Ironman ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Heute ist er wohl einer der extremsten Sportler Deutschlands. Und auch nachdem er sich mit dem zehnfachen Ironman einen Wunschtraum erfüllt hat, will er nicht kürzertreten.

"Nächstes Jahr will ich bei sieben Mehrfach-Ultrawettkämpfen mitmachen", kündigt Vinzent, der den Sieg im Gesamtweltcup der Ultratriathleten als Ziel hat, bereits an. Erholung oder Ferien brauche er nicht, sagt er mit einem Augenzwinkern: "Ich brauche keine Kreuzfahrten. Wettkämpfe sind mein Urlaub."

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