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Schreiambulanz: Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien

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Baby  

Brüllende Verzweiflung: letzter Ausweg Schreiambulanz

28.02.2014, 15:14 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Schreiambulanz: Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien. Schreibaby: Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien - eine Mischung aus Überforderung, Wut und Schuldgefühlen belastet viele der betroffenen Eltern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien: Eine Mischung aus Überforderung, Wut und Schuldgefühlen belastet viele der betroffenen Eltern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein Baby, das oft weint und fast nie zur Ruhe kommt, kann Eltern an ihre physischen und psychischen Grenzen bringen: Permanenter Schlafentzug, Überforderung, Aggressionen, Hilflosigkeit und Schuldgefühle führen in einen Teufelskreis, aus dem junge Familien mit ihrem Säugling nicht mehr allein herausfinden. In solchen Fällen bieten Schreiambulanzen Hilfe. Die Schreiambulanz in Darmstadt ist die einzige bundesweit, die kontinuierlich vom Jugendamt unterstützt wird.

Ein rotes Gesichtchen, geballte Fäuste, strampelnde, vor Anstrengung zitternde Beinchen und eine schrille verzweifelte Babystimme, die durch Mark und Bein geht und partout nicht aufhören will. Und mit dabei: Eltern, die tagein, tagaus stundenlang durch ihre Wohnung wandeln und versuchen ihr brüllendes Kind zu beruhigen - ohne Erfolg zu haben und selbst zur Ruhe zu kommen.

"Ich hatte eine ohnmächtige Wut auf mein Kind"

Genau das musste auch Bea (Name von der Redaktion geändert) durchmachen. Ihre heute zwölfjährige Tochter hatte in den ersten Lebenswochen fast pausenlos geschrien und fast nie geschlafen.

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"Das war eine echte Tortur - vor allem der Schlafentzug, auch weil mein Mann mich in dieser Zeit nur wenig unterstützen konnte", erzählt Bea. "Ich war so erschöpft und ferngesteuert. Nur beim Stillen kehrte Ruhe ein. Und das Erschreckende war: Ich hatte irgendwann eine ohnmächtige Wut auf mein Kind, hätte fast alles dafür getan, um das Brüllen abzustellen, wünschte mir manchmal sogar, dass es besser wäre, wenn die Kleine gar nicht da wäre." Zum Glück bekam Bea damals Unterstützung von ihrer Mutter und Schwester, die das Baby öfter tagsüber nahmen, und damit Bea ein wenig Schlaf nachholen und Kraft tanken konnte.

Schreiambulanz arbeitet mit dem Jugendamt zusammen

Nicht alle frischgebackenen Eltern können in solchen schwierigen Lebenslagen auf ihre Familie oder auf Freunde zurückgreifen und selbst wenn, ist das nicht unbedingt Garant für eine dauerhafte Entspannung der Situation. Dann besteht für sie jedoch die Möglichkeit, sich in Schreiambulanzen, die es mittlerweile in vielen Städten gibt, professionell helfen zu lassen: Eine davon ist die Schreiambulanz in Darmstadt-Kranichstein, deren Träger der Verein "Menschenskinder- Werkstatt für Familienkultur" ist und die als einzige Anlaufstelle dieser Art in Deutschland schon seit einigen Jahren vom Jugendamt unterstützt wird.

"Das Jugendamt der Stadt steht uns im Rahmen der 'Frühen Hilfen' als Kooperationspartner zur Seite und kann durch drei Sozialarbeiter, mit denen wir in engem Kontakt stehen, jederzeit Unterstützung für betroffene Familien installieren", berichtet Charlotte Weidenhammer, die Leiterin der Ambulanz. Die Körperpsychotherapeutin begleitet seit Jahren Eltern von Schreibabys und weiß, wie hoch der Leidensdruck dann häufig ist: "So ein Schreibaby birgt ein großes Krisenpotenzial. Die Eltern, die dann bei uns Hilfe suchen und übrigens aus allen sozialen Schichten kommen, sind nämlich häufig so übermüdet und überfordert, dass sie nicht selten Gewaltfantasien gegen ihr Kind entwickeln, es regelrecht als Feind wahrnehmen. Dann besteht unter Umständen die Gefahr, dass sie die Kontrolle verlieren und im Affekt etwas Unüberlegtes tun."

So war es auch bei einer Darmstädterin, die im Februar dieses Jahres zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde, weil sie ihr vier Monate altes Baby so stark geschüttelt hatte, dass es Behinderungen davon trug. Doch glücklicherweise sind die Folgen nur selten so tragisch. Dreimal musste Charlotte Weidenhammer bislang das Jugendamt um Unterstützung bitten und nur einmal war eine Inobhutnahme unvermeidlich.

Raus aus dem "Dunstkreis aus Stress, Panik und Überforderung"

Für die meisten Eltern, die nicht mehr weiter wissen, ist die Schreiambulanz der rettende Strohhalm. Bis zu 16 Termine nimmt Charlotte Weidenhammer pro Woche wahr. Untergebracht ist die Ambulanz in der "Familienwerkstatt" des Vereins, in einem Raum, wo man es sich auf Matratzen und bunten Kissen bequem machen kann. "Wir versuchen hier eine neutrale und gemütliche Atmosphäre zu schaffen, einen sicheren Ort, der Eltern vielleicht auch hilft, eine neue Perspektive zu finden und sie aus dem Dunstkreis aus Stress, Panik und Überforderung befreit."

Die Ursachen der Ruhelosigkeit liegen oft in der Schwangerschaft

Im Fokus der Hilfe steht zunächst das Gespräch, in dem die übermüdeten Mütter und Väter ihre persönliche Geschichte erzählen und erklären, warum es ihnen so schlecht geht: "Das ist häufig auch für die Eltern eine erste Gelegenheit zu verstehen, wie es zu der schwierigen Situation gekommen ist und ihnen zu zeigen, dass sie ohne Zweifel ihr Bestes geben und gegeben haben und dass wir nun gemeinsam schauen, wie wir die Situation im Sinne aller und auf Augenhöhe in eine gute Richtung wenden", erklärt Weidenhammer.

Oft stellt sich dann durch das Erzählen der Eltern heraus, dass die eigene Verzweiflung und die Ruhelosigkeit des Babys ihre Ursache bereits vor der Geburt hatte. "Das kann zum Beispiel der Fall sein", berichtet Weidenhammer, "wenn die Mutter zuvor schon einmal eine Fehlgeburt hatte oder eine riskante Schwangerschaft durchlebt hat, so permanent in Angst war und unter Strom stand. Diese Daueranspannung kann sich dann sowohl physisch als auch psychisch auf das Ungeborene übertragen, so dass es dem Kind möglicherweise auch nach der Entbindung schwer fällt, zur Ruhe zu finden."

Babyschreien lässt sich nicht vermeiden

Ein anderer Grund für solche Krisen können auch eigene Kindheitserlebnisse sein, etwa wenn die Mutter früher selbst vernachlässigt wurde oder sogar Gewalt erfuhr - Erfahrungen, die tief sitzen und vielleicht nicht verarbeitet werden konnten. Mit der Geburt des eigenen Kindes fände dann möglicherweise eine Reaktivierung der eigenen Geschichte statt, weiß Charlotte Weidenhammer. "Frauen, die so etwas selbst erlebt haben, wollen um jeden Preis vermeiden, dass ihr Kind weint, denn Babyschreien ist für sie in jeder Hinsicht bedrohlich und konfrontierend. Doch der Versuch eine perfekte Mama zu sein mit einem Kind, das nie weint, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Säuglinge drücken ihre Gefühle, weil ihnen nichts anderes zur Verfügung steht, zunächst immer wieder durch lautstarkes Schreien aus. Die eigenen Ressourcen gehen dann bei solchen aussichtslosen Versuchen flöten. Ein gefährlicher Cocktail aus Schuldgefühlen, Aggressionen und Hilflosigkeit kann dann entstehen."

Ein überdrehtes Baby beruhigt sich, wenn die Eltern entspannt sind

Die Krisenbegleiterin der Schreiambulanz hat aber nicht nur ein offenes Ohr für die jeweiligen Lebensgeschichten, sondern leistet auch Hilfestellung, indem sie Eltern versucht Zuversicht zu geben und ihnen begreiflich macht, dass die Situation, in der sie stecken, eine vorübergehende ist und dass sie dazu beitragen können, sie zu verändern. Dabei sollte einer der ersten Schritte zum Erfolg sein, dass Eltern mit Schreibabys rechtzeitig Hilfe einfordern, familiäre und freundschaftliche Netzwerke aktivieren und Arbeitsteilungen neu organisieren, mit der Chance Freiräume für Ruhe und Schlaf zu schaffen, auch wenn es nur ein Nickerchen am Nachmittag ist.

Eine weitere wichtige Erfahrung, die Eltern in der Schreiambulanz mitnehmen können, ist sich selbst zu entspannen und bewusst wahrzunehmen: "Das ist ein entscheidender Schlüssel, den Stresskreislauf zu unterbrechen", erläutert die Therapeutin. "Damit sich ein überdrehtes, übermüdetes Baby überhaupt beruhigt und entkrampft, braucht es eine Umgebung, in der auch Eltern in sich selbst Entspannung suchen und für sich selbst sorgen. So schwer das oft fällt: Kinder brauchen uns Erwachsene als Vorbilder - auch was Entspannung betrifft."

Enger Körperkontakt, die Atmung der Eltern und sanfte Massagen können Schreibabys helfen

Um das zu erreichen, spielt die Atmung von Mama beziehungsweise Papa eine zentrale Rolle: Je unaufgeregter sie nämlich ist, desto mehr spiegelt sich das im Verhalten des Babys wieder und es schafft dann meist früher oder später einzuschlafen. Besonders gut erfahrbar ist dies für die Säuglinge, wenn sie in einer für die Eltern gemütlichen Position gut und geborgen und ohne große Veränderungen gehalten werden, so die Empfehlung von Charlotte Weidenhammer. Dieser Aufbau eines "Haltesystems", bei dem die Eltern dem Kind und gleichzeitig die Therapeutin den Eltern Sicherheit und Zuversicht vermitteln, spielt hierbei eine wichtige Rolle.

Zur Entspannung beitragen können Eltern auch durch einfache Massagen, die die Expertin häufig zuerst an den Vätern und Müttern vorführt und diese dann die wohltuenden Bewegungen wiederum bei ihren Babys anwenden.

Die Darmstädter Schreiambulanz ist also keine Einrichtung, wo auf die Schnelle "erste Hilfe" geleistet wird: Ein Besuch bei Krisenbegleiterin Weidenhammer dauert etwa 60 bis 90 Minuten. Bis zu sieben Termine über mehrere Wochen verteilt nehmen die betroffenen Familien in der Regel wahr. Dann hat sich die Situation bei den meisten wieder entspannt.

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