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Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit

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Psychologie im Alltag  

Wie ein Marshmallow die Zukunft vorhersagen kann

18.03.2015, 17:14 Uhr | Maria M. Held, t-online.de

Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit.  Der Marsmallow-Test verrät viel über die Persönlichkeit.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Der Marsmallow-Test verrät viel über die Persönlichkeit. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wollen Sie mal Psychologe spielen? Dann setzen Sie Ihr Kind an einen Tisch, stellen Sie seine Lieblingssüßigkeit davor und verlassen Sie den Raum für 15 Minuten. Erklären Sie ihm zuvor, dass es eine zweite Süßigkeit bekommt, wenn es warten kann, dass es aber bei dem einen bleibt, wenn es sich nicht beherrschen kann und den einen sofort verputzt. Dann lernen Sie - und Ihr Kind - etwas über Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit.

Das ist das Prinzip des legendären Marshmallow-Tests, den der Psychologe Walter MIschel vor mehr als 40 Jahren mit Kindern zwischen vier und sechs Jahren durchgeführt hat. Der Versuch ist simpel, Mischels Ableitungen genial. Es ist eines der berühmtesten Experimente der Psychologie. Mischel beleuchtet damit die Frage: Was bedeutet es für das spätere Leben, eine Belohnung aufschieben zu können? Denn irgendwann wird aus dem verlockenden Marshmallow die sichere Altersvorsorge.

Der Psychologe legt in seinem Buch "Der Marshmallow-Test" dar, wie Willensstärke und Selbstkontrolle die Persönlichkeit und das Leben prägen. Regeln, Vorsätze und Wenn-dann-Pläne unterstützen uns dabei, aber auch ein bisschen, sich etwas vorzugaukeln oder selbst zu belügen.

Der Marshmallow-Test - das berühmteste Psychologie-Experiment

Als der international renommierte Psychologe Walter Mischel vor mehr als vierzig Jahren vier- bis sechsjährige Kinder erstmals zum Marshmallow-Test bat, wollte er schlicht herausfinden, wie Menschen auf Verlockungen reagieren, wie stark ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle ist.

Drei Jahre lang hat er mit seinen eigenen Töchtern den Versuch optimiert. Deren Kindergartenfreunde wurden zu Probanden. Zwischen 1968 bis 1974 führte er mit etwa vier Jahre alten Kindern aus der Vorschule des Stanford Campus seine berühmten Experimente zum Belohnungsaufschub durch. Durchschnittlich hielten die Kinder in verschiedenen Varianten des Experiments sechs bis zehn Minuten durch, wobei die Wartezeiten aber stark streuten.

Jahre später stellte er im Gespräch mit seinen Kindern beim Abendessen weitreichende Zusammenhänge fest: Die Ungeduldigen von damals hatten es im Leben nicht so leicht, bei den Disziplinierten dagegen lief es ziemlich rund.

Statt Süßigkeiten: gute Noten und Karriere

Eher durch Zufall entdeckte er also, dass genau diese Fähigkeit der Kinder zum Belohnungsaufschub beeinflusste, wie sie später ihr Leben meistern würden. Je besser es ihnen gelang, sich zu beherrschen, desto eher entwickelten sie Selbstvertrauen, Stressresistenz und soziale Kompetenz.

Für die High Delayer läuft es gut im Leben

Er untersuchte diese Ergebnisse systematisch, das verblüffende Ergebnis: Die High Delayer - Mischels Begriff für die Disziplinierten, die 15 Minuten warten konnten - besaßen zehn Jahre später eine höhere Konzentrationsfähigkeit und konnten besser mit Frustrationen umgehen als diejenigen, die die Süßigkeit sofort genossen haben.

Die Folge: Sie waren besser in der Schule und selbstbewusster. Ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle hatte ihnen 20 Jahre später meist einen Uni-Abschluss eingebracht, sie nahmen seltener Drogen, waren schlanker und hatten stabilere Beziehungen als die Low Delayer. Sie konnten ihr Potenzial ausschöpfen.

Die Unterschiede hielten sich über die Jahrzehnte und erstreckten sich auf alle Lebensbereiche. Für immer festgelegt ist aber laut Mischel die Persönlichkeit eines Menschen nicht, allerdings spielen Gene, Erziehung, die Umwelt, Stress und Erlebnisse eine Rolle. Beispiel: Ein Kind, das in instabilen Verhältnissen aufwächst, wird größere Schwierigkeiten haben sich zu konzentrieren, als ein Kind aus einer intakten Familie.

"Heißes Denken" prägt nach Mischel das reflexartige und unmittelbare Verhalten. Beispiel: Man hört einen Schuss und duckt sich. Das kühle Denken reflektiert und löst Probleme.

Der Marshmallow-Test (Quelle: Siedler)Der Marshmallow-Test (Quelle: Siedler) Wie aber kommt es, dass manche Menschen offenbar über stärkere Willenskraft verfügen als andere? Und, noch wichtiger: Ist diese Fähigkeit genetisch veranlagt oder kann man sie lernen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Mischel seit mehr als vierzig Jahren. In seinem Buch "Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit" präsentiert er seine Erkenntnisse so, dass auch Laien daraus Nutzen ziehen können.

Damit meint Mischel aber nicht Selbstkasteiung. Die Selbstkontrolle hat ihre Grenzen: "Zu viel Selbstkontrolle lässt unser Leben ebenso unerfüllt erscheinen, wie zu wenig."

Dabei geht es nicht nur um Kinder. Der New Yorker Psychologe verrät, wie man diese Erkenntnisse im Alltag nutzen kann: in der Kindererziehung, der Raucherentwöhnung, bei Liebeskummer oder beim Abnehmen. Seine Überlegungen können wichtig sein, wenn es darum geht, unkluge Entscheidungen zu vermeiden oder schwere Schicksalsprüfungen zu bestehen, aber auch, wenn neue Mitarbeiter eingestellt werden sollen oder darüber nachgedacht wird, wie eine Reform des Bildungswesens aussehen könnte.

Erwartungen spielen eine große Rolle: Wer sich klar macht, welche Folgen sein Tun oder Lassen hat, wird anders reagieren, als jemand, der dies nicht reflektiert. Ebenso beeinflussen persönliche Werte das Handeln.

Strategien für den Alltag

Aus seinen Beobachtungen lassen sich mentale Strategien ableiten, um den inneren Schweinehund zu überlisten. Wer hundemüde ist, will in sein Bett fallen und schlafen, aber nicht mehr Zähneputzen. Ein Reflex. Wer aber reflektiert, bezieht eine Wenn-dann-Überlegung und putzt doch die Zähne, damit sie gesund bleiben. Gewohnheiten, Regeln, Belohnungen helfen zum Erfolg.

Dabei darf man sich schon mal selbst ein bisschen austricksen. Kinder, die weggeguckt haben oder sich vorgestellt haben, der Marshmallow sei nur ein Wattebausch oder eine Attrappe konnten länger durchhalten.

Erwachsene Diabetiker, die sich klarmachen, ein Kuchen ist nicht lecker, sondern Gift für sie, können auf mentaler Ebene besser mit der Krankheit zurechtkommen.

Mit diesen Strategien lassen sich Noten verbessern, Übergewicht bekämpfen oder die Symptome von ADHS und ihre problematischen Verhaltensweisen schwächen. Konzentrationsübungen, auch Meditation verringerten in Tests psychische und physische Stressreaktionen und linderten Erschöpfung.

Mischels Fazit ist, dass Selbstdisziplin schon im Kindergarten gefördert, und mentale Strategien auf spielerische Weise vermittelt werden sollten. So kam es schließlich auch zu der Zusammenarbeit mit der "Sesamstraße" und der Folge, in der das Krümelmonster lernt, einem Keks zu widerstehen. Der Psychologe Walter Mischel ist der Vater des Marshmallow-Tests. (Quelle: Random House/ Michele Tolela Myers)Der Psychologe Walter Mischel. (Quelle: Random House/ Michele Tolela Myers)

Walter Mischel selbst kann nur schlecht warten

Übrigens: Der renommierte und erfolgreiche Wissenschaftler Walter Mischel gibt zu, dass er selbst ungeduldig ist und nur schlecht warten kann, beispielsweise auf Forschungsergebnisse. Da kann es schon mal sein, dass er nachts um drei seine Studenten anruft. Auch beim Essen ist er kein Genießer, sondern meist als erster fertig.

Buchtipp: Walter Mischel, "Der Marshmallow-Test", 2015




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