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Ein rätselhafter Patient: Wie die Liebe eines Dreijährigen gefährlich wurde

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Ein rätselhafter Patient  

Wie die Liebe eines Dreijährigen gefährlich wurde

15.09.2014, 14:10 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Wie die Liebe eines Dreijährigen gefährlich wurde. Eine Kinderhand mit Infusion. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine Kinderhand mit Infusion. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Durchfall und Erbrechen ihres 21 Monate alten Sohnes führen die Eltern mit ihrem Kind in die Notaufnahme. Der Kleine trinkt nicht mehr ausreichend. Die Ärzte dort tippen auf eine Entzündung der Magen-Darm-Schleimhaut, sie verabreichen dem Kleinkind Flüssigkeit über einen Tropf und ein Mittel gegen Übelkeit, worauf sich sein Zustand deutlich bessert. Eltern und Sohn können die Klinik wieder verlassen, sie sollen am darauffolgenden Tag einen Kinderarzt aufsuchen, um das Kind noch einmal kontrollieren zu lassen.

Noch am selben Abend fällt den Eltern auf, dass ihr Sohn beim Atmen merkwürdige Geräusche von sich gibt. Er scheint schwer arbeiten zu müssen, um Luft in seine Lunge pumpen zu können. Außerdem wirkt er abwesend, er will auch nicht trinken, in seiner Windel landet kein Stuhl mehr. Als die Eltern ihren Sohn am folgenden Morgen wecken wollen, gelingt das nur unter großen Mühen. Er erbricht erneut, mittlerweile bleibt die Windel fast ganz leer.

Die Atmung ist hektisch, der Bauch geschwollen

Als die Eltern das Kind wie angeordnet zum Kinderarzt bringen, wirkt ihr Sohn teilnahmslos, er atmet hektisch. Das Praxisteam verständigt den Rettungsdienst, der das Kleinkind umgehend in die Notaufnahme des Bostoner Massachusetts General Hospital bringt. Der Kreislauf des Kindes ist noch stabil, die Atmung zu schnell, der Bauch wirkt geschwollen, als Jean Klig und Kollegen den Patienten zum ersten Mal sehen, wie sie im "New England Journal of Medicine" berichten.

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Die Eltern erzählen, der Junge sei nach einer normal langen Schwangerschaft ohne Komplikationen gesund zur Welt gekommen und seitdem gesund gewesen. Er ist geimpft, bekommt keine Medikamente und lebt gemeinsam mit seinem dreijährigen Bruder bei den Eltern. Der habe vor Kurzem ähnliche Symptome gehabt, allerdings weniger schwer. Sie wissen von keinen Krankheiten im Umfeld der Familie, ihr Sohn könne auch nichts verschluckt haben. Zwar gebe es im Haus einige Medikamente, die seien aber alle kindersicher verwahrt, betonen Mutter und Vater.

Erhöhte Temperatur, Elektrolyte aus dem Gleichgewicht

Bei der Untersuchung stöhnt der kleine Patient, reagiert aber nicht gezielt auf die Ärzte. Seine Temperatur ist mit 38,2 Grad Celsius erhöht, nach wie vor atmet er zu schnell. Der Bauch ist geschwollen und schmerzt offenbar, die Darmgeräusche sind seltener als üblich zu hören. Noch kann der Junge seinen Kreislauf aufrechterhalten, allerdings finden die Mediziner Hinweise, dass es dem Körper bereits schwerfällt.

Um den Kreislauf zu unterstützen, geben die Ärzte dem Jungen intravenös Flüssigkeit. In einer Blutuntersuchung fällt neben Hinweisen auf Stress und eine mögliche Infektion auf, dass die Elektrolyte aus dem Gleichgewicht geraten sind. Zudem kann der Körper nur unter großen Mühen den pH-Wert des Blutes aufrechterhalten. Irgendetwas bringt also den Säure-Basen-Haushalt des Patienten durcheinander, der in engen Grenzen reguliert wird, weil von ihm nahezu alle Körperfunktionen abhängen.

Zunächst geben die Ärzte ihrem Patienten ein Antibiotikum, falls er an einer Infektion leidet, zudem ein Mittel gegen Übelkeit, ein Schmerzmittel und ein Beruhigungsmittel. Gleichzeitig suchen sie weiter nach der Ursache der Beschwerden und der auffälligen Blutwerte. In einer Röntgenaufnahme des Bauchs sehen sie zwar den geblähten Darm, aber keinen Hinweis auf zum Beispiel einen Darmverschluss.

Die Ärzte befragen die Eltern noch einmal

Die Medikamente bessern die Beschwerden des Jungen nicht. Wegen der Darmblähung bekommt der Patient eine Magensonde, aus der die Ärzte kaffeesatzartigen Inhalt zutage fördern. Sie haben einen Verdacht, was die Beschwerden verursacht, bestimmen einen weiteren Laborwert und befragen die Familie des Jungen erneut.

Bei dieser zweiten Befragung erzählt der dreijährige Bruder des Patienten schließlich, dass er dem Kleinkind mehrere Tabletten gegeben hat - wirklich kindersicher wurden sie also nicht aufbewahrt.

Der Bruder des Jungen liefert die Lösung

Infrage kommen zwei Medikamente, doch aufgrund der Symptome sind die Ärzte sich sicher, dass ihr Patient mehrere Tabletten Acetylsalicylsäure (ASS) geschluckt hat. Dies bestätigt die Laborkontrolle. Bereits zuvor hatten die Ärzte wegen ihres Verdachts begonnen, Medikamente zu geben, die die Ausschleusung des ASS aus dem Körper erleichtern, der Junge wird außerdem auf die Intensivstation aufgenommen.

Die ASS-Vergiftung erklärt die Symptome des Jungen. Auf die richtige Fährte haben die Ärzte vor allem der nur mühsam aufrechterhaltene pH-Wert in Verbindung mit der erhöhten Temperatur gebracht - eine Überdosis ASS kann dies im Unterschied zu einer Vielzahl anderer Medikamente auslösen.

Jetzt bekommt der Patient Medikamente, die gleichzeitig das ASS aus dem Körper schwemmen und verhindern sollen, dass das Gehirn weiter in Mitleidenschaft gezogen wird - eine der schwersten Komplikationen bei einer ASS-Vergiftung. Eine Dialyse soll die Nieren dabei unterstützen, die giftige Dosis ASS loszuwerden. Nach der Blutwäsche bessern sich nicht nur die Laborwerte, sondern auch der Zustand des Patienten. Fünf Tage später kann der kleine Patient mit seinen Eltern die Klinik verlassen.

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