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Intersexualität: Trend in USA - Weg von übereilten Operationen

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Intersex-Kinder  

Pidgeon wurde durch eine Operation in ein Mädchen verwandelt

20.04.2015, 15:04 Uhr | Lindsey Tanner, AP

Nicht Junge, nicht Mädchen: Eltern intersexueller Kinder stehen vor einer schweren Entscheidung. Sollen sie ihren Sprössling operieren lassen, möglichst schon in jungen Jahren? In den USA raten immer mehr Experten von einer übereilten, drastischen Behandlung ab.

Sie kam als Tochter eines Ehepaares im amerikanischen Chicago zur Welt, erhielt den Namen Jennifer und wuchs zu einem hübschen Kind heran, mit langen Wimpern und welligem dunklen Haar. Und mit der Sehnsucht, wie alle anderen Mädchen zu sein. Das war sie nicht. Als erstes fielen Ärzten die leicht vergrößerten Genitalien auf, dann entdeckten sie, dass sie Hoden im Unterkörper hatte und männliche Chromosomen aufwies. Damit begann eine Serie von Operationen, um "die Dinge zu richten".

Weder weiblich noch männlich

Jennifer Pagonis wurde als intersexuell geboren. Das ist ein Überbegriff für mehrere ungewöhnliche körperliche Gegebenheiten, die es nicht möglich machen, die Fortpflanzungsanatomie eines Kindes nach üblichen Standards als männlich oder weiblich zu definieren. Die physischen Auswirkungen können subtil oder auch sehr offensichtlich sein.

UMFRAGE
Sollte es auch in Deutschland ein "drittes Geschlecht" geben?

Im Kindesalter operiert - mit lebenslangen Folgen

Vor einem Jahrhundert waren intersexuelle Erwachsene so etwas wie eine Zirkussensation. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die chirurgischen Techniken zur Behandlung nicht eindeutiger Genitalien immer weiter. Ärzte begannen damit, betroffene Kleinkinder zu operieren und ermunterten Eltern dazu, ihren Nachwuchs in dem Geschlecht aufzuziehen, dem es äußerlich ähnelte. Viele Familien hielten das Problem geheim, aus Scham und Furcht vor Stigma.

Jennifers Eltern wussten nichts über Intersexualität, auch nicht über die Risiken der Operationen, darunter eine spätere Beeinträchtigung der sexuellen Funktion und Befriedigung sowie psychische Probleme.

"Wahrscheinlich nicht der beste Weg"

Heute gibt es Bestrebungen, die Behandlung intersexueller Kinder zu ändern. "So, wie wir in der Vergangenheit damit verfahren sind, als es eine Menge Geheimhaltung gab, im Kleinkindalter operiert wurde und mit möglicherweise unumkehrbaren Ergebnissen, das ist wahrscheinlich nicht der beste Weg", sagt der Arzt Earl Cheng.

Intersex-Aktivisten raten von Operationen ab

Er leitet am Ann & Robert H. Lurie-Kinderkrankenhaus in Chicago ein zwei Jahre altes Programm zur Behandlung sexueller Entwicklungsstörungen. Es ist eines von mehreren US-weiten Projekten, an denen Teams aus Chirurgen, Hormon- und Genetikexperten, Psychologen und Ethikern beteiligt sind. Sie helfen Familien zu prüfen, ob überhaupt operiert werden soll. Intersex-Aktivisten raten davon ab und rufen zur Toleranz gegenüber betroffenen Kindern auf.

Fortpflanzungsorgane sind betroffen

Intersexualität wird oft mit Fragen der Geschlechtsidentität verwechselt. Aber das sind zwei Paar Schuhe. Geschlechtliche Orientierung bezieht sich darauf, ob sich jemand als weiblich, männlich oder etwas anderes identifiziert. Bei der Intersexualität ist die Fortpflanzungsanatomie involviert. Manche betroffene Kinder haben eindeutig männliche oder weibliche Chromosomen, aber im Mutterleib beginnende genetische Störungen und hormonelle Probleme führen zur Bildung von Genitalien, die dem gegenteiligen Geschlecht gleichen. Andere haben eine Mischung aus männlichen und weiblichen Fortpflanzungsorganen.

Häufigkeit von Intersexualität

Schätzungen über die Verbreitung von Intersexualität schwanken. Sie reichen von mehr als einem Fall unter 1000 Neugeborenen, was auch schwach atypische Genitalien einschließt, bis zu einem unter 5000 bei offensichtlicheren Merkmalen. Experten zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass die Zahl der Fälle zunimmt. Allerdings hat wachsendes Bewusstsein mehr Familien dazu gebracht, sich an Ärzte zu wenden.

Keine übereilten Operationen mehr

Der neue Ansatz bei der Behandlung geht auf eine gemeinsame Erklärung von amerikanischen und europäischen Spezialisten aus dem Jahr 2006 zurück, die von übereilten Operationen abrieten und dafür warben, ältere Patienten in Entscheidungen einzubeziehen. Im selben Jahr verabschiedete sich die American Academy of Pediatrics von einem alten, auf Operationen konzentrierten Kurs.

"Ich wollte nicht, dass andere es wissen"

Aber Unsicherheit spielt weiter eine große Rolle. Nach wie vor entscheiden sich manche Eltern für eine Operation, weil sie fürchten, dass ihr Kind andernfalls als "Freak" gebrandmarkt werden könnte. "Ich habe damals keinen außer meiner Mutter babysitten, die Windeln meiner Tochter wechseln lassen", sagte eine Mutter in Chicago, die anonym blieben wollte, der Associated Press. "Ich wollte nicht, dass andere Leute es wissen." Die heute achtjährige Tochter kam mit jungenhaft aussehenden Genitalien zur Welt. Die Eltern entschlossen sich, die Kleine operieren zu lassen. "Ich glaube nach wie vor, dass wir richtig entschieden haben", so die Mutter. "Die Zeit wird es zeigen."

Auch Pidgeon wurde als Kind operiert

Wie die Tochter dieser Frau hat auch Pagonis eine Klitorisvorhaut-Reduktion hinter sich, außerdem eine Reihe anderer Operationen, so zur Entfernung der Hoden, da Hodenhochstand zur Entwicklung von Krebs führen kann. Mittlerweile meinen aber manche Ärzte, dass es reicht, betroffene Kinder unter Beobachtung zu halten. Pagonis kam ohne Gebärmutter und mit einer nur zum Teil entwickelten Vagina zur Welt, die Ärzte später verlängerten, damit sie als Erwachsene vielleicht normalen Sexualverkehr haben könne. Aber Pagonis sagt, dass sie als Teenager herausgefunden habe, dass das fast unmöglich sei.

"Liebt sie einfach so, wie sie sind"

Sie wusste nach eigenen Angaben, dass ihr Köper "anders" war, aber erfuhr die volle Wahrheit erst später, als ein College-Dozent das Hormon-Syndrom beschrieb, das ihrer Intersexualität zugrunde liegt. Sie litt unter Depression und Angst, bis sie junge intersexuelle Erwachsene traf, die es akzeptieren, dass sie "anders" sind. Pagonis benutzt jetzt den Vornamen "Pidgeon", identifiziert sich nicht als weiblich oder männlich und arbeitet als Künstlerin sowie Intersex-Aktivistin gegen Operationen. Ihr Rat für Eltern mit betroffenen Kindern? "Nehmt sie nach Hause und liebt sie...einfach so, wie sie sind."

Situation in Deutschland

In Deutschland ist es seit 2013 möglich, im Geburtenregister als Geschlecht "ungeklärt" eintragen zu lassen, wenn sich nicht zweifelsfrei klären lässt, ob das Kind männlich oder weiblich ist. Die Schaffung einer dritten, eigenständigen Geschlechtskategorie wurde bei der Neureglung des Personenstandsgesetzes nicht eingeführt.

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