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Mädchen und Mathematik: Studie widerlegt Mythen

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Studie  

Studie widerlegt Mythen über Mädchen und Mathematik

14.12.2011, 16:32 Uhr | Holger Dambeck, Spiegel Online

Mädchen und Mathematik: Studie widerlegt Mythen. Mädchen und Mathe: Von wegen "lieber schön als schlau"!  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mädchen und Mathe: Von wegen "lieber schön als schlau"! (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Jungs können gut rechnen, Mädchen sind eher Sprachtalente - stimmen diese Klischees wirklich? Eine neue Analyse zeigt, dass die angeblich typisch weiblichen Probleme mit Mathematik weniger mit dem Geschlecht als mit dem kulturellen Hintergrund zu tun haben.

Frauen und Mathematik

Die Zahlen sprechen für sich: 52 Wissenschaftler wurden seit 1936 mit der begehrten Fields-Medaille ausgezeichnet, dem inoffiziellen Mathematik-Nobelpreis. Doch unter diesen 52 Mathematikern befindet sich keine einzige Frau. Das weibliche Geschlecht, so scheint es, hat mit der Welt der Zahlen und Dreiecke so seine Probleme.

Das bestätigt auch der Blick in die deutsche Pisa-Statistik. Jungen schneiden dort immer etwas besser ab als Mädchen. Das weibliche Gehirn tickt offenbar anders - und das glaubt auch mancher Lehrer und manche Lehrerin in der Schule. Der Mythos von den mathematisch minderbemittelten Mädchen und Frauen lebt.

Kulturelle Fakten sind schuld

Janet Mertz von der University of Wisconsin-Madison hat nun gemeinsam mit ihrem Kollegen Jonathan Kane mehrere der Hypothesen über die angebliche weibliche Unterlegenheit untersucht - mit einem nach Meinung der Forscher eindeutigen Ergebnis: "Die Statistiken bestätigen diese Theorien nicht", erklärt Mertz. Entscheidend seien vielmehr soziale und kulturelle Faktoren.

An der Schwankungsbreite liegt es nicht

Eine dieser Theorien zum Leistungsvermögen in Mathematik besagt, dass die Schwankungsbreite bei Jungen und Männern größer ist als bei Frauen und Mädchen. Anders ausgedrückt: Es gibt beim männlichen Geschlecht mehr mathematisch Unbegabte - dafür aber auch mehr Spitzentalente. Und die besten davon bekommen dann irgendwann eine Fields-Medaille.

Mertz und Kane werteten Daten der Pisa-Studie 2009 und der allein auf Mathematik fokussierten Timss-Studie von 2007 aus. Dabei zeigte sich, dass die Leistungsstärke bei Jungen zwar in den meisten Ländern etwas stärker variiert als bei Mädchen. In Ländern wie Marokko, den Niederlanden oder Armenien bestehen jedoch keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und in Indonesien ist die Varianz bei Mädchen im Teenageralter sogar größer als bei Jungen, gleiches gilt für Tunesien.

Religionsunterricht sorgt für Defizite bei Jungen

In den USA seien die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden, berichtet Mertz. In den siebziger Jahren sei bei mathematisch Hochbegabten 13-Jährigen in den USA auf 13 Jungen nur ein Mädchen gekommen - heute liege das Verhältnis bei drei zu eins. Der Anteil der Frauen bei Absolventen im Studienfach Mathematik habe sich binnen 50 Jahren von 5 auf mehr als 30 Prozent erhöht. Wenn Jungen in Sachen Mathematik tatsächlich einen biologischen Vorteil hätten, dann wäre diese Entwicklung kaum möglich, konstatiert die US-Forscherin.

"Seit Jahren schon schauen wir uns die weltweiten Daten an", sagte Mertz. "Neu ist, dass immer mehr nichtwestliche Länder an den Studien teilnehmen, dadurch können wir das Phänomen kulturübergreifend analysieren." Überraschungen erlebten die Forscher beispielsweise in orientalischen Ländern wie Bahrain und Oman. "Die Mädchen dort haben in den Tests nicht besonders gut abgeschnitten", erklärte Kane, doch die Jungs seien noch schlechter. Eine mögliche Erklärung dafür sei der stark religiös fokussierte Unterricht der Jungen, in dem Mathematik kaum vorkomme.

Gleichberechtigte Kinder rechnen besser

Die Forscher untersuchten auch die Hypothese, dass Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen mit sozialer und kultureller Ungleichheit der Geschlechter zusammenhängen. Als Maß für die Gleichberechtigung diente ein sogenannter International Gender Gap Index, der Einkommen, Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe berücksichtigt. Dabei zeigte sich, dass sowohl Mädchen als auch Jungen umso bessere Leistungen in Mathematik erreichen, je gleichberechtigter eine Gesellschaft ist.

"Es ist gut, wenn Frauen gut ausgebildet sind und gut verdienen", sagt Mertz, "die Mathe-Leistungen ihrer Kinder gleich welchen Geschlechts sind dann besser." Viele würden jedoch nach wie vor glauben, Gleichberechtigung sei ein Nullsummenspiel: Wenn Frauen gewinnen, verlieren die Männer. "Unsere Daten zeigen, dass Gleichberechtigung zumindest in der Mathematik eine Win-Win-Situation ist."

Dass es in westlichen Ländern nach wie vor nur relativ wenige Mathe-Professorinnen gibt, führt Mertz auch auf den Mangel an Kita- und Hortplätzen zurück. "Es ist so gut wie unmöglich, Spitzenforschung in Teilzeit zu betreiben." In den USA habe das Fach Mathematik zudem ein schlechtes Image. Im Internet würden Mädchen-Shirts mit dem Aufdruck "Ich bin zu hübsch für Mathe" verkauft. Zudem sei die Ansicht weit verbreitet, dass jemand, der Spaß an Mathe habe, entweder asiatischer Abstammung sei, wo das Fach traditionell einen hohen Status hat, oder ein Nerd - also ein sonderbarer Außenseiter.

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