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Wochenbettdepression: Fünf Frauen erzählen ihre Erfahrungen

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Postnatale Depression  

Fünf Frauen erzählen von ihrer Wochenbettdepression

16.09.2014, 11:02 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Wochenbettdepression: Fünf Frauen erzählen ihre Erfahrungen. Jede fünfte Mutter leidet unter einer Wochenbettdepression - nicht jede bekommt Hilfe.  (Quelle: Archiv)

Jede fünfte Mutter leidet unter einer Wochenbettdepression - nicht jede bekommt Hilfe. (Quelle: Archiv)

Spätestens nach ein paar Tagen ist der so genannte Babyblues für gewöhnlich vorbei und man kann sein Leben mit Baby genießen. Hält der Zustand, der eine Folge der hormonellen und psychischen Umstellung ist, jedoch mehr als zwei Wochen an, kann das ein Hinweis auf eine Wochenbettdepression sein. Eine Krankheit, von der eine ernsthafte Gefahr für das Kind und die Mutter ausgehen kann und die häufig viel zu spät erkannt wird - manchmal sogar gar nicht. Fünf betroffene Frauen haben der Elternredaktion von t-online.de von ihren Erfahrungen berichtet.

Haben Sie den Verdacht, selbst an einer postnatalen Depression zu leiden? Hier können Sie es testen

Etwa zwanzig Prozent aller Mütter sind von einer Wochenbettdepression betroffen - in den unterschiedlichsten emotionalen Abstufungen. Diese Mütter sind nicht schlecht, sie sind verzweifelt. Sie brauchen dringend Hilfe, damit ihnen und dem Baby nichts zustößt. Manche hatten bereits eine schwere Schwangerschaft oder eine schwer zu verarbeitende Geburt. Bei einigen liegen Depressionen in der Familie, andere leiden schon immer überdurchschnittlich stark unter Hormonschwankungen und wieder andere trifft es wie der Blitz aus heiterem Himmel. Keine Frau, die ein Baby bekommt, kann sicher sein, von einer Wochenbettdepression verschont zu bleiben.

Ina und Juliane litten unter Angstzuständen

Mütter, die unter einer Wochenbettdepression leiden, sind ständig total erschöpft und haben das Gefühl, ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein. Sie reagieren schnell aggressiv und plagen sich mit Selbstvorwürfen. Sie glauben zu versagen, werfen sich vor, ihr Kind nicht so zu lieben, wie sie es selbst und ihr Umfeld von ihnen erwartet. Sie schämen sich, sind überfordert, fühlen Schuld gegenüber dem Baby und entwickeln aus diesen Gefühlen heraus extreme Ängste. "Ich hatte Angst vor mir selbst", so fasst es Ina kurz und knapp zusammen. Juliane ging es ähnlich: "Angst vor dem Alleinsein, Angst, wenn das Kind schreit, Angst, eine schlechte Mutter zu sein - mein Tag war bestimmt von Weinen, Kraftlosigkeit und Angst."

Britta erlebte eine Notoperation nach der Entbindung

Auch Britta kam aus dem seelischen Gleichgewicht. Die Weichen dafür wurden bereits direkt bei der Geburt ihres Sohnes gestellt. Zunächst lief alles normal, doch dann musste das kleine Wunschkind in die Kinderklinik und Britta musste operiert werden. Man entfernte ihr bei einer Not-OP die Gebärmutter. Drei Tage lang kämpfte sie auf der Intensivstation mit dem Tod, erst nach weiteren zwei Tagen bekam sie ihren Sohn zum ersten Mal zu Gesicht. Britta und ihr Mann hatten sich immer eine große Familie gewünscht, doch sobald sie Trauer über die Situation zeigte, wurde sie zurechtgewiesen.

"Seien Sie doch froh, dass Ihr Kind gesund ist!"

Frauenarzt, Hebamme und Hausarzt - alle sind der gleichen Meinung und wiederholen den Satz, den die meisten betroffenen Frauen irgendwann einmal zu hören bekommen: Sie können doch froh sein, dass es Ihnen und Ihrem Kind gutgeht. Vom Kopf her betrachtet mag das sein, aber die Psyche reagiert nun mal nicht auf Argumente. "In den schlechten Zeiten schlief ich nachts kaum, träumte von der Geburt, hatte Todesangst, bekam Albträume." Und die junge Mutter kämpfte mit der dauernden Angst, ihr Kind zu verlieren. "Ich war immer sehr müde, alles strengte mich an, aber ich konnte Lukas nicht abgeben. Ich wollte um alles in der Welt bei meinem Sohn sein."

Für Olga wurde das Baby zum Störenfried

Ein Gefühl, das bei einer Wochenbettdepression nicht selbstverständlich ist. Viele Mütter reagieren gar mit Ablehnung auf ihr Baby, selbst dann, wenn es vorher ein absolutes Wunschkind war. "Ich wollte mein Baby nicht, dachte immer: Sie überfordert mich nur. Wollte sie weg von mir haben." Für Ina waren diese Gefühle sehr schlimm. Hinzu kamen Panikattacken und Selbstmordgedanken.

"Mein Baby wurde zum Störenfried, zum Grund für mein Unglücklichsein, zur ewigen, unentrinnbaren Verpflichtung, zum Verursacher meiner Abhängigkeit, denn wie gut das Stillen auch klappte, so war ich dadurch unersetzlich", erinnert sich Olga. Auch sie hat ihr Kind nie vernachlässigt, es immer versorgt. "Aber jede kleine Aufgabe wurde zur Qual und bedurfte einer Selbstüberwindung. Ich war nicht mehr fähig, Prioritäten zu setzen. Alles war belastend und bedrohlich. Ich dachte, ich hätte mich selbst verloren, meine Werte wurden verdrängt, lösten sich regelrecht auf."

Daniela: "Es hätte jedes x-beliebige Kind sein können!"

Daniela ging es ähnlich und auch sie konnte nicht einordnen, was mit ihr passierte. Sie war 19, als ihr erstes Kind zur Welt kam und sie war sicher, all ihre Probleme, ihr seltsames Empfinden seien Gefühle, die alle Mütter haben. Nur dass die anderen es besser in den Griff bekommen. Daniela suchte den Fehler bei sich, wie so viele Frauen, die unter Wochenbettdepressionen leiden und deren Leiden noch keinen Namen hat. "Ich habe einfach weitergemacht, mich gezwungen, das absolut Notwendige zu tun. Mir war nur wichtig, dass ich ihn stillen kann, damit ich wenigstens den Sinn des Nahrunggebens erfülle. Heute habe ich Gott sei Dank eine gute Beziehung zu meinem Sohn, aber damals hätte es, wenn ich ehrlich bin, jedes x-beliebige Kind sein können. Ich habe einfach irgendwie funktioniert."

Alles ist grau in grau

Daniela war sicher, dass sie eben einfach nicht die geborene Mutter sei, worunter sie sehr litt. Niemand hat ihr damals davon erzählt, dass es so etwas wie eine Wochenbettdepression geben kann. Und sie selbst hat sich nicht getraut, über ihre Gefühle zu reden. "Es war einfach alles grau in grau. Alles war so anstrengend." Als zehn Jahre später das zweite Kind zur Welt kam, fing die ganze Sache von vorne an. Der Auslöser war ein bevorstehender beruflicher Auslandsaufenthalt ihres Mannes und damit die Angst, es alleine nicht zu schaffen. "Diesmal kam aber sehr schnell der körperliche Einbruch, den ich bei unserem Sohn nicht hatte." Und damit die Hilfe.

Medikamentöse Behandlung ist bei postpartaler Depression oft notwendig

Viele Frauen, die eine Wochenbettdepression am eigenen Leib erfahren haben, haben Angst vor einer erneuten Schwangerschaft, denn nicht selten kehrt das Problem zurück. Es kann aber, wenn es bereits einmal diagnostiziert wurde, medikamentös behandelt werden. "Bei meinem zweiten Kind habe ich die ganze Schwangerschaft über Tabletten genommen", so Ina. "Daher habe ich bei ihm nie mit dem Stillen angefangen, was ich sehr schade finde!"

"Gegen akute Panikzustände und fehlenden Lebenswillen sind Baldrian, gutes Zureden oder autogenes Training wirkungslos", so fasst es Olga kurz zusammen. Sie fuhr mit ihrem Mann von Klinik zu Klinik. Bis sie jemanden fand, der ihr half. "Psychologische Betreuung gab es kaum. Aber die Tiefenpsychologie war auch nicht das Richtige für mich - ich hatte eine glückliche Kindheit, gute Eltern, einen Traummann, einen sicheren Job, ein gutes Einkommen, war sozial eingebunden, körperlich gesund und sportlich. Das Problem schien eine Stoffwechselstörung im Gehirn zu sein, die durch die Schwangerschaft beziehungsweise die Geburt ausgelöst wurde."

Tatsächlich fanden Wissenschaftler bereits heraus, dass nach einer Geburt ein bestimmtes Enzym ansteigt, das die natürlichen Stimmungsaufheller abbaut. Ein normaler Vorgang, der sich aber unter bestimmten Voraussetzungen von der Melancholie zur Depression ausweiten kann.

Manchmal rebelliert nicht nur die Seele, sondern auch der Körper

Für Juliane kam all das ebenfalls völlig überraschend. "Als die Kleine, ein echtes Wunschkind, etwa vier Wochen alt war, ging es los. Ich war super erschöpft, konnte nicht mehr schlafen, mir war ständig übel und ich hatte Durchfälle." Der Zustand steigerte sich so sehr, dass sich Jule jedes Mal, wenn ihr Kind zu weinen begann, der Magen umdrehte: "Ich hielt in der einen Hand die Flasche und in der anderen den Eimer. Manchmal fing ich schon an zu brechen, wenn ich wusste, dass das Kind demnächst Hunger haben müsste." War ihr Mann da, besserte sich der Zustand. Wenn er wieder zur Arbeit musste, überrollten die Ängste die junge Frau. Das war so schlimm, dass sie irgendwann das Bett gar nicht mehr verlassen konnte: "Mein Tag war bestimmt von Schlafen, Kotzen und Heulen. Da wurde mir klar, dass mit mir etwas nicht stimmt, dass das kein Baby-Blues ist. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr richtig im Kopf zu sein. Meine Hausärztin gab mir Beruhigungsmittel, meine Frauenärztin Antidepressiva und erst bei der Familienhilfe fiel zum ersten Mal der Begriff Wochenbettdepression."

Die Psychiatrie als letzter Ausweg

Jule informierte sich im Netz und stieß auf die Seite von Schatten und Licht e.V., einem weltweiten Netzwerk zum Thema. "Natürlich ist es für depressive Menschen sehr schwer, sich Hilfe zu suchen, aber das Gesprächsangebot einer Selbsthilfeorganisation ist sehr niedrigschwellig und wird daher von den Müttern meist als erstes angenommen", erklärt Sabine Surholt, die erste Vorsitzende von "Schatten und Licht". In einem Beratungsgespräch werden die Symptome abgeklärt und mögliche Ursachen herausgearbeitet. "Dann werden die Bedürfnisse der Mütter erfragt und ganz individuell angepasste Hilfsmaßnahmen vorgeschlagen. Dazu können alternative Behandlungsmethoden, Homöopathie, Körpertherapien, Gesprächstherapien, Psychopharmakabehandlungen oder stationäre Therapieangebote gehören. Die Beraterin verweist dann auf die nächstgelegenen und zu empfehlenden Fachleute."

Es braucht mehr als ein paar Wochen Klinikaufenthalt

Schnell wurde Juliane klar, dass sie schon sehr tief in der Misere steckte und sie beschloss, gemeinsam mit ihrem Mann, eine Klinik aufzusuchen. Ab ihrer siebten Lebenswoche wohnte die kleine Emily mit ihrer Mutter in der Psychiatrie auf einer Mutter-Kind-Station. Diagnose: schwere Form der postpartalen Depression. "Ich lernte dort, dass das Brechen für mich dazugehört, dass mein Körper so den Stress durch das Baby verarbeitet. Und ich lernte, dass ich eine gute Mutter für mein Kind bin, auch dann, wenn mal etwas nicht so ganz hundertprozentig klappt." Die Therapie war der Schritt in die richtige Richtung. "Aber natürlich ist eine Wochenbettdepression nicht nach ein paar Wochen Klinikaufenthalt geheilt."

Auch in der Zeit danach brauchte Juliane Unterstützung. Sie machte eine Psychotherapie und begann, ihren Alltag mit dem Baby zu strukturieren. Doch es dauerte noch Monate, bis die junge Mutter sich geheilt fühlte. Emily ist heute fünf Jahre alt, leidet wie viele der Kinder unter starker Trennungs- und Verlustangst, hat sich aber abgesehen davon wunderbar entwickelt. "Und das bekommen wir auch noch hin. Wir halten zusammen!"

Auch für die Männer eine schwere Zeit

Der Zusammenhalt ist das, was all die Frauen als das Wichtigste empfunden haben. Sie hatten Glück mit ihren Männern, die zwar teilweise selbst völlig überfordert waren, aber zu ihnen hielten. Keine Selbstverständlichkeit, denn nicht selten zerbricht das frische Familienglück an dem Problem. "Das Erstaunliche dabei war, dass mein Mann früher keine Schwächen akzeptieren konnte und so leistungsorientiert ist, dass ich dieses Verständnis gar nicht von ihm erwartet habe", so Olga. "Auch fünf Jahre später wundere ich mich immer noch, wie viel Geduld mein Mann aufgebracht hat." Jule bezeichnet ihren Mann als "ihren Fels" und genau wie die anderen Frauen ist sie ihm dankbar, dass er zu ihr gestanden hat.

Hilfe bei eine Krise rund um die Geburt finden betroffene Frauen und Menschen, die den Verdacht haben, dass sie selbst oder jemand aus ihrem Umfeld unter einer postpartalen Depression leidet bei der Initiative "Schatten & Licht e.V.". Hier gibt es Adressen, Informationen und Literaturhinweise, auch einen Austausch unter Betroffenen.

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