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Postpartale Depression: Auch junge Väter bekommen Baby-Blues

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Postpartale Depression  

Auch Väter bekommen den Baby-Blues

15.06.2016, 21:13 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Postpartale Depression: Auch junge Väter bekommen Baby-Blues. Postpartale Depression trifft auch Väter (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Von wegen Babyglück – etwa jeder zehnte Vater durchlebt nach der Geburt des ersten Kindes eine seelische Krise. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nicht nur Mütter können nach der Geburt ihres Babys in ein seelisches Tief abrutschen. Auch frischgebackene Väter werden vom Baby-Blues heimgesucht. Nur macht sich die postpartale Depression bei ihnen anders bemerkbar.  Wir nennen typische Symptome.

Marc hatte sich sehr auf die Geburt seines Sohnes gefreut. Doch in den ersten Lebenswochen war das Baby häufig unruhig. Es schrie oft und wurde deshalb nachts von den Eltern stundenlang herumgetragen. Mehrere Stunden Schlaf am Stück waren selten möglich.

Trotzdem musste Marc eine 40-Stunden-Woche im Büro ableisten. Kam er dann abends gerädert nach Hause, war Arbeitsteilung mit seiner Frau gefordert. Es gab keine Mußestunden und keine Selbstbestimmung mehr, weil das Kind den Alltagsrhythmus bestimmte.

So hatte sich Marc seine Vaterschaft nicht vorgestellt. "Das zehrte ganz schön an meinen Nerven", erzählt er. "Meine anfängliche Euphorie war bald verflogen."

Baby-Blues der Männer wurde lange verkannt

Wie Marc ergeht es auch vielen anderen Männern nach der Geburt des ersten Kindes. Doch väterliche Gemütszustände dieser Art, die sich auch zu einer postpartalen Depression (PPD) entwickeln können, wurden von Wissenschaftlern lange nicht zur Kenntnis genommen.

Sie betrachteten fast ausschließlich die seelischen Befindlichkeiten von jungen Müttern, von denen etwa 30 Prozent in den ersten Tagen und Wochen nach der Entbindung unter Wochenbettdepressionen leiden. Bei ihnen spielt dabei auch die hormonelle Umstellung eine Rolle.

Postpartalen Depression bei jedem zehnten Vater

Erst vor wenigen Jahren werteten Forscher in den USA im Rahmen einer Metastudie 43 internationale Untersuchungen mit Daten von rund 28.000 Eltern aus. Das Ergebnis: Durchschnittlich zehn Prozent der Väter leiden während der Schwangerschaft der Partnerin und im ersten Lebensjahr ihres Kinder ebenfalls an Depressionen. Der Anteil ist doppelt so hoch wie in der restlichen männlichen Bevölkerung.

Auffällig war, dass die höchsten Depressionsraten mit etwa 25 Prozent zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat des Kindes auftraten. Das ist eine Phase, in der sich die Psyche der Mütter üblicherweise wieder stabilisiert hat und sie sich an das neue Leben mit Baby einigermaßen gewöhnt haben.

Überfordert von der neuen Vaterrolle

Welche Auslöser das psychische Gleichgewicht von Baby-Vätern ins ins Wanken bringen, zeigte eine Studie kanadischer Psychologen. Sie analysierten die Daten von 205 "Neu-Vätern". Danach ist das Risiko für eine postpartale Depression vor allem dann groß, wenn auch die Partnerin vorher unter Wochenbettdepressionen litt.

Ein weiterer Leidensfaktor für Väter ist die enge Mutter-Kind-Bindung nach der Geburt. Besonders wenn es sich um das erste Kind handelt und es außerdem gestillt wird, fühlt der Mann sich schnell ausgeschlossen.

Der seelische Stress kann sich durch den eigenen Erwartungsdruck verschlimmern, wenn Männer zu hohe Ansprüche an ihre neue Rolle als moderner Familienvater stellen.

Verantwortungsdruck und Versagensängste befeuern die Depression

Belastend empfinden viele Väter außerdem die große finanzielle Verantwortung als Hauptverdiener. "Obwohl ich wusste, dass meine Frau zuhause und bei der Versorgung unseres Sohnes den Löwenanteil übernahm, fühlte ich mich in diesen Monaten, in der auch der ständige Schlafmangel an mir gezehrt hat, dem Ganzen nicht gewachsen. Die Furcht war erdrückend, das neue, aufregende Leben mit Kind plus Beruf nicht unter einen Hut zu bekommen", erinnert sich Marc.

Symptome der postpartalen Depression bei Männern

Da sich Depressionen in einem längeren, schleichenden Prozess auf die Seele legen, ist es nicht leicht, sie eindeutig zu diagnostizieren. Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Ängstlichkeit und Hoffnungslosigkeit begleitet von einem Gefühl der Überforderung sind typische Symptome.

Auch Reizbarkeit, Aggressivität oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Kind oder der Partnerin können auf eine postpartale psychische Krise bei Vätern hindeuten.

Flucht vor den eigenen Gefühlen

Eine weitere Erkenntnis der Studien zum Baby-Blues bei Männern ist, dass sie sich in ablenkende Aktivitäten flüchten, zum Beispiel mit Kumpels losziehen und Hobbys ihrer Junggesellenzeit aufleben lassen.  

Diese Tendenz zur Kompensation sei eher eine maskuline Verhaltensweise in Lebenskrisen, weiß der Psychotherapeut Egon Garstick. In seinem Buch "Junge Väter in seelischen Krisen" hat er sich mit der Problematik auseinandergesetzt. "Sie fliehen vor den eigenen Gefühlen, arbeiten mehr, gehen eher fremd, entziehen sich der Auseinandersetzung mit der Partnerin", erklärt der Experte beim schweizerischen Beraterportal "Beobachter". Er fügt hinzu, dass Männern oft Vorbilder fehlten, "die ehrlich darüber reden, dass Vatersein schwierig sein kann."

Nicht verschweigen, sondern reden

Angesichts solcher Verdrängungsmechanismen suchen Betroffene selten Hilfe. Eine mutige Offenbarung fällt vielen Vätern aber auch deshalb so schwer, weil die Geburt eines Babys als Inbegriff des größten Glücks gilt. 

Marc hat sich aus dem emotionalen Strudel herausgekämpft, indem er sich überwand, mit seiner Frau, seinen Eltern und seinen Freunden über die seelische Krise zu reden. "Das hat schon Erleichterung gebracht, weil ich dann offener mit meinen Ängsten und Gefühlen umgehen konnte."

Heute, anderthalb Jahre nach der Geburt seines Sohnes, geht es Marc wieder gut. Dazu trägt auch bei, dass die Nächte wieder ruhiger sind. "Ich habe einfach einige Monate gebraucht, um mich an das Leben zu dritt zu gewöhnen", meint Marc.

Wenn Gespräche mit vertrauten Menschen nicht ausreichen, um die seelische Balance wieder herzustellen, sollten depressive Väter sich dem Hausarzt anvertrauen. Er kann den Betroffenen nötigenfalls an einen Therapeuten überweisen. Eine Anlaufstelle für Väter und Mütter mit psychischen Problemen rund um die Geburt ihres Kindes bietet außerdem die Selbsthilfeorganisation "Schatten und Licht".

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