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Das Leben in einer Regenbogenfamilie

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Mama, Mami, Kind: Das Leben in einer Regenbogenfamilie

08.11.2010, 14:46 Uhr | Julia Troesser, Spiegel Online

Das Leben in einer Regenbogenfamilie. Der Weg zum Wunschkind ist für homosexuelle Paare gerade in Deutschland schwierig. (Montage: t-online.de)

Der Weg zum Wunschkind ist für homosexuelle Paare gerade in Deutschland schwierig. (Montage: t-online.de)

Kathrin und Linda K. wünschten sich ein Kind - doch wie bekommt ein lesbisches Paar Nachwuchs? Im Internet suchten die Frauen einen Erzeuger. Nun ist Hugo auf der Welt. Die Geschichte einer modernen Familie.

"Er ist es." Das war Linda sofort klar, als sie Thomas* zum ersten Mal sah. Dieser Mann sollte der Vater ihrer Kinder sein. Linda blickte zu Kathrin hinüber. Auch sie war von Thomas angetan. Die beiden Frauen hatten endlich den Richtigen gefunden - den richtigen Samenspender für ihr Wunschkind.

Der schwierige Weg zum Wunschkind

Linda, 29, und Kathrin K., 35, sind seit viereinhalb Jahren ein Paar. Sie haben eine Altbauwohnung in Köln und ihre Beziehung als Lebenspartnerschaft standesamtlich eintragen lassen. "Irgendwann wussten wir, dass wir ein Baby wollen", sagt Linda. "Und dann war da die große Frage: Wie machen wir das?"

In Deutschland ist das Kinderkriegen für gleichgeschlechtliche Paare schwierig. Die gemeinsame Adoption eines fremden Kindes ist nicht erlaubt - im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern wie Belgien, Schweden, Spanien und den Niederlanden. Einige deutsche Politiker setzen sich für das Adoptionsrecht homosexueller Paare ein, aber ohne Erfolg. Auch in Sachen künstliche Befruchtung verhält sich die Bundesrepublik vergleichsweise konservativ. Laut Richtlinien der Bundesärztekammer dürfen Ärzte eine "assistierte Reproduktion" nur bei Frauen durchführen, die verheiratet sind oder - im Ausnahmefall - bei solchen, die in einer heterosexuellen Beziehung leben.

"Den Gynäkologen wird davon abgeraten, weil die Mütter später theoretisch Unterhaltsforderungen stellen könnten", sagt Renate Rapf vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). "Schließlich war der Arzt der einzige Mann, der bei der Zeugung des Kindes anwesend war." Einige Landesärztekammern wie die Berliner übernehmen diese Vorschrift zwar nicht, trotzdem ist die künstliche Befruchtung homosexueller Frauen unter Gynäkologen umstritten. Viele lesbische Paare wenden sich deshalb an Kliniken im Ausland.

"Die Gefahr ist schon groß, dass das ein Perverser ist"

Linda und Kathrin wollten das nicht. Einerseits wegen der hohen Kosten durch Reisen und Befruchtung. Andererseits, weil sie dort nur einen Samenspender gefunden hätten - und keinen Vater. "Wir wollten aber einen Papa für das Baby", sagt Kathrin. "Deshalb war klar, dass wir einen finden müssen, der das mit uns durchzieht."

Weil sie im Bekanntenkreis keinen Mann fanden, der in Frage kam, wählten die Frauen mit gebotener Skepsis den Weg ins Internet. "Wir haben der Sache erst nicht so richtig getraut, wollten es aber einfach mal versuchen", sagt Linda. Im virtuellen Schaufenster stießen die Frauen auf Thomas*: schwul, attraktiv, sportlich, er lebt in Köln.

Linda und Kathrin vereinbarten ein Treffen mit Thomas, obwohl sie noch immer Bedenken hatten. "Ein Mann, der sich auf einer Website anmeldet, um ein Lesbenpaar kennenzulernen - da ist die Gefahr schon groß, dass das ein Perverser ist", sagt Linda. Das erste Treffen in einem Café lief jedoch gut, weitere folgten. Die Frauen lernten Thomas besser kennen. "Wir haben aber bewusst entschieden, seine Hobbys oder Talente und solche Dinge nicht zu Auswahlkriterien zu machen", sagt Linda. Sie und Kathrin wollten keine "retortenmäßige" Selektion betreiben oder "möglichst perfekte Gene" für das Kind suchen. Wichtig war, dass Thomas keine Krankheiten hat, deshalb ließ er sich vor der Samenspende auf HIV und Hepatitis testen.

Die drei entschieden sich, miteinander eine Familie zu gründen. Die Frauen wünschten sich einen Mann, der dem Baby ein Vater ist, es jedoch trotzdem zur Adoption freigibt und somit jeglichen rechtlichen Anspruch verliert. Und der bereit ist, auch ein zweites Kind mit ihnen zu zeugen, denn die Familie soll noch größer werden. Thomas war angetan von der Idee, mit einem Baby etwas von sich selbst weiterzugeben, ohne sein Leben radikal ändern zu müssen.

7000 bis 9000 Kinder leben in Regenbogenfamilien

Nach Schätzungen des LSVD leben in der Bundesrepublik etwa 7000 bis 9000 Kinder in sogenannten Regenbogenfamilien, also bei homosexuellen Eltern. Die meisten Kinder stammen aus früheren heterosexuellen Partnerschaften, aber immer mehr gleichgeschlechtliche Paare gründen eine eigene Familie. Frauen greifen dabei auch auf künstliche Befruchtung zurück, genaue Zahlen dazu gibt es nicht.

Ein Baby wird gezeugt - per Anleitung aus dem Internet

Als es um die Frage ging, welche der beiden Frauen sich befruchten lassen und das Baby austragen würde, fiel die Wahl auf Kathrin. Sie ist bereits 35, sechs Jahre älter als ihre Partnerin. Als der Ovulationstest Kathrin im April 2009 anzeigte, dass sie nun fruchtbar ist, rief sie Thomas an: "Es ist soweit, kannst du in den nächsten 24 Stunden herkommen?" Spätabends kam Thomas bei den Frauen zu Hause vorbei, um den ersten Versuch zu starten. Mit einem leeren Becher verschwand er im Nebenzimmer, mit vollem Becher und rotem Kopf kam er wieder hinaus. Dann ging er schnell wieder, er hatte seinen Teil der Abmachung erfüllt.

Den Rest erledigten Linda und Kathrin allein. Mit einer Spritze und der zugehörigen Anleitung aus dem Internet. Der erste Versuch blieb erfolglos, Thomas kam in den beiden folgenden Monaten erneut vorbei. Nach dem dritten Versuch dann die gute Nachricht: Kathrin war schwanger.

Die Schwangerschaft verlief normal - Geburtsvorbereitungskurs besuchen, Kinderzimmer einrichten, Arzttermine wahrnehmen. Thomas hielt sich im Hintergrund. "Der kann mit den ganzen Kinderthemen nicht so viel anfangen", sagt Linda. "Einmal war er mit im Babymarkt, aber mehr aus praktischen Gründen."

Kathrin ist "Mama", Linda ist "Mami"

Bei der Geburt war Thomas nicht dabei. "Als wir uns in der Klinik vorgestellt haben, haben die Pfleger zuerst gefragt, ob wir Schwestern seien", erzählt Kathrin. "Ich habe dann jedes Mal gesagt, Linda sei meine Lebenspartnerin, und dann war alles klar." Wenige Monate später führt die Kölner Regenbogenfamilie ein typisches Familienleben mit Baby: Linda kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause und findet, dass Hugo im T-Shirt auf dem Boden liegen kann, Kathrin meint, so sei es zu kalt und holt eine Decke. "Ich bin eben eher eine Glucke, immer übervorsichtig", sagt sie.

Damit Hugo bei zwei Müttern nicht durcheinander kommt, ist Kathrin "Mama", Linda ist "Mami", "das machen alle lesbischen Paare mit Kindern so, die wir kennen", sagt Kathrin. Thomas wird Papa genannt. Der kommt ab und zu vorbei und bringt Hugo Geschenke mit. Er hat aber noch nie die Windeln seines Sohnes gewechselt oder allein auf ihn aufgepasst. Das muss er auch gar nicht, finden die beiden Mütter. "Wir wollen eine männliche Bezugsperson für Hugo, einen Halli-Galli-Wochenend-Papa", sagt Linda. "Der soll ab und zu kommen und Blödsinn mit ihm machen. Und eine Vaterfigur für ihn sein."

"Wir bewerten das Kindeswohl, alles andere ist unwichtig"

Linda findet, sie sei lockerer im Umgang mit dem Kind als Kathrin. Bei Elterntreffen unterhält sie sich meistens mit den Vätern über die zu besorgten Mütter. Sie habe eine andere Beziehung zu Hugo als die leibliche Mutter Kathrin, sagt sie. "Ihr fällt es natürlich auch viel leichter, ihn zu beruhigen. Aber das ist eben so." Das zweite Kind des Paares wird Linda austragen.

Bevor die Frauen offiziell die Eltern des kleinen Hugo werden können, kommt die Bürokratie. Kathrin ist als leibliche Mutter des Jungen eingetragen, Thomas als Vater. Er hat seinen Sohn zu Adoption freigegeben, damit Linda ihn nun adoptieren kann. Das Jugendamt entscheidet, ob ihr Antrag auf "Stiefkindadoption" durchgeht. Die Chancen dafür stehen gut. Bei homosexuellen Elternpaaren werden "selbstverständlich" die gleichen Maßstäbe angelegt wie bei heterosexuellen, sagt Klaus-Peter Völlmecke vom Jugendamt Köln. "Wir bewerten immer das Kindeswohl, alles andere ist unwichtig."

Problematisch könne es bei Regenbogenfamilien nur werden, wenn die Rollen nicht eindeutig geklärt seien. Gibt es beispielsweise zwei Mütter und zwei Väter, die als Erziehungsberechtigte fungieren wollen, erheben die Amtsmitarbeiter Bedenken. Ein Kind müsse wissen, "wer seine Mutter und wer sein Vater ist", welche Elternteile für die Erziehung zuständig sind, sagt Völlmecke. "Wir gucken dann: Kann das Kind durch die Rollenaufteilung verwirrt werden?" Ist das nicht der Fall, wird der Adoption zugestimmt.

"Hugo wird sich sicher blöde Sprüche anhören müssen"

Das Bundesjustizministerium hat 2006 eine Studie beim Bayerischen Staatsinstitut für Familienforschung an der Uni Bamberg und beim Staatsinstitut für Frühpädagogik in München in Auftrag gegeben. Ziel war, herauszufinden, wie sich Kinder in Regenbogenfamilien entwickeln. 2009 wurden die Ergebnisse vorgelegt: Kinder mit homosexuellen Eltern entwickeln demnach stabilere Persönlichkeiten als Kinder aus anderen Familienformen. Sie besitzen nachweislich ein höheres Selbstwertgefühl und mehr Autonomie. Allerdings machten 46 Prozent der befragten Söhne und Töchter Erfahrungen mit Diskriminierung. Sie wurden vor allem in der Schule gehänselt, weil ihre Familien anders sind.

Auch Linda und Kathrin wissen, dass ihr Sohn es nicht immer leicht haben wird. "Wir machen uns gar nichts vor, Hugo wird sich sicher blöde Sprüche anhören müssen, so was wie 'Dein Papa ist ne Schwuchtel'", sagt Linda. "Aber bei anderen Kindern heißt es 'Deine Mutter ist fett' oder 'Du hast gar keinen Papa' - und das ist mindestens genauso schlimm."

*Name von der Redaktion geändert

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