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Adipositas-Patienten legen sich immer öfter unters Messer

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Adipositas  

Adipositas: Wenn nur noch die OP hilft

01.08.2011, 14:33 Uhr | dpa, dpa

Adipositas-Patienten legen sich immer öfter unters Messer. Wenn keine Diät hilft, ist der letze Ausweg oft das Magenband.(Foto: imago)

Wenn keine Diät hilft, ist der letze Ausweg oft das Magenband.(Foto: imago)

Paula K. leidet. Bei jedem Schritt schleppt sie mehr als 120 Kilogramm durch die Gegend. Seit Jahren kämpft die 38-Jährige gegen ihre Pfunde, hat zahlreiche Diäten probiert - erfolglos. Doch Paula K. ist nicht die einzige, bei der nur noch eine Operation beim Abnehmen helfen kann.

Tausende Adipöse legen sich jährlich unters Messer

Übliche Konzepte - weniger essen, mehr bewegen - zeigen bei vielen adipösen Menschen kaum Erfolge. Deshalb legen sich in Deutschland jedes Jahr bis zu 7000 von ihnen unters Messer: Magenband, Schlauchmagen, Bypass oder ein "Magenschrittmacher" sollen ebenso wie ein Magenballon dazu führen, dass die Betroffenen weniger Kalorien zu sich nehmen. Auch Paula K. bereitet sich derzeit auf einen Eingriff vor. "Das ist gut überlegt. Ich habe viel gelesen, viel recherchiert. Aber natürlich habe ich Angst", berichtet die Nürnbergerin. Doch ihre Leidensgrenze ist überschritten. "Bevor ich mit 50 mit dem Gehwagen herumfahre oder nicht mehr aus dem Bett komme, muss was passieren. Ich will wieder ein ganz normales Leben führen!"

Wenn der Hintern im Stuhl stecken bleibt

Allzu zahlreich sind die verzweifelten Momente, die schwer Übergewichtige immer wieder erleben: Wenn der Hintern bei einem Date im Restaurantstuhl stecken bleibt. Wenn sich die Beine beim Fahrradfahren nicht mehr weit genug anwinkeln lassen. Wenn der Körper im Kino sogar den Doppelsitz ausfüllt. Für Paula K. die schlimmste Vorstellung: "Wenn die Stewardessen im Flugzeug einen Verlängerungsgurt an mir anbringen würden."

Psychotherapie gegen die Sucht

"Ich weiß, dass ich das Problem im Kopf habe. Diese Gelüste, diese Sucht ist so stark, dass mein Verstand aussetzt", berichtet die lebhafte Frau über ihre regelmäßigen Fressattacken. "Jeder isst aus einem anderen Grund. Ich muss herausfinden, warum das bei mir so ist." Deshalb will sie sich nicht nur operieren lassen, sondern auch eine Psychotherapie machen. Ihr Chirurg Thomas Horbach, Chefarzt im Stadtkrankenhaus Schwabach, sagt über Adipositas: "Das ist eigentlich eine Epidemie, die in den letzten Jahren explodiert ist". Er hat allein im vergangenen Jahr rund 200 Betroffene operiert und erwartet "eine unendliche Masse an Patienten, die da auf uns zurollt".

Adipositas ist schon eine Volkskrankheit

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bezeichnet Adipositas hierzulande bereits als "Volkskrankheit". Laut einer aktuellen OECD-Studie sind in Deutschland 45 Prozent aller Frauen und 60 Prozent aller Männer übergewichtig. Jeder Sechste ist fettleibig, hat also einen einen Body Mass Index (BMI) von über 30. Horbach findet vor allem die Entwicklung bei Kindern dramatisch: "Die Kinder sind praktisch schon vom Start an dick." Untersuchungen zeigen, dass bereits bei der Einschulung 12 Prozent aller Kinder Übergewicht haben; am Ende der Grundschulzeit sind es gar 18 Prozent. Und wer als Jugendlicher dick ist, ist das in vier von fünf Fällen auch als Erwachsener. Die Folgen von starkem Übergewicht: Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen, Krebs, orthopädische Probleme, chronische Kopfschmerzen, Depressionen sowie ungewollte Kinderlosigkeit.

Essen überdeckt negative Gefühle und dient oft als Belohnung

Warum aber essen manche Menschen regelmäßig zu viel, obwohl sie im schlimmsten Fall schon so dick sind, dass sie ihren Bauch zum Stützen in einer Art Rucksack verstauen müssen oder sich ohne Hilfe nicht mehr bewegen können? Diese Frage kann selbst Anette Kersting, Direktorin der psychosomatischen Klinik der Uniklinik Leipzig, nicht beantworten: "Niemand kann das erklären. Es gibt Elemente, die können uns an eine Sucht erinnern, aber eine reine Sucht ist es nicht", erklärt die Expertin für Essstörungen. Oftmals ließe sich aber beobachten, dass Betroffene mit Hilfe von Essen das Belohnungssystem im Gehirn aktivierten. "Essen bietet außerdem die Möglichkeit, unangenehme Gefühle zu überdecken", schildert Kersting.

Übergewicht nach belastender Lebensphase

Den Betroffenen seien die Zusammenhänge meist nicht bewusst, weiß Kersting. In der Therapie werde deshalb versucht herauszufinden, was die Attacken auslöse. Viele Patienten hätten Schwierigkeiten, sich abzugrenzen, und besäßen ein eher geringes Selbstwertgefühl, schildert Kersting. Oftmals kämen problematische Familienbeziehungen oder Schuldgefühle hinzu. Stefanie Gerlach von der Deutschen Adipositas Gesellschaft in München sagt, dass häufig belastende Lebenssituationen wie der Eintritt ins Berufsleben, Jobwechsel, Arbeitslosigkeit, Trennungen oder Schwangerschaften den Beginn der Gewichtskarriere markieren.

Gerlach rät Betroffenen zu einer Adipositas-Therapie: "Letztlich geht es darum, eine Art Frühwarnsystem im Kopf zu installieren."

Letzter Ausweg: Magenband, Magenballon oder Magenverkleinerung

Der letzte Ausweg ist der Gang zum Chirurgen. Die einzigen reversiblen Eingriffe sind das Magenband und der Magenballon; dabei lässt eine bis zu 700 Milliliter schwere Blase im Magen weniger Platz für das Essen. Eine andere Möglichkeit ist der Schlauchmagen, bei dem etwa zwei Liter des Organs weggeschnitten werden. Beim Bypass wird der Magen durchtrennt und direkt an den Dünndarm angekoppelt. Die Eingriffe sind gravierend: Die Patienten können danach ihr Leben lang nur noch extrem kleine Portionen essen, müssen künstliche Vitamine zu sich nehmen und vertragen viele Lebensmittel nicht mehr. In Schwabach wird deshalb seit kurzem ein neuer "Magenschrittmacher" implantiert: Durch elektrische Impulse vermittelt das auf die Magenwand gesetzte Gerät dem Patienten ein Völlegefühl, sobald dieser eine bestimmte Menge gegessen hat.

Ohnmächtig nach Zuckerverzehr

Irmgard H. hat ihre Operation bereits hinter sich: Sie ließ sich den Magen zu einem Bypass zusammenschieben. Den Eingriff hat die 60-jährige noch keine Sekunde bereut, obwohl sie heftigen Einschränkungen unterliegt - isst sie zum Beispiel Zucker, wird sie ohnmächtig. Dennoch berichtet Irmgard H. mit strahlenden Augen von ihrem "neuen Leben", in dem sie ständig unterwegs ist, regelmäßig Sport treibt und zahlreiche Freunde hat. Kaum vorstellbar, dass sie statt der jetzigen 57 einmal 187 Kilogramm gewogen hat und in ihrer Wohnung vereinsamte. Zum Autofahren brauchte Irmgard H. eine Ausnahmegenehmigung, weil sie den Gurt nicht mehr schließen konnte. Zum Laufen benötigte sie einen Gehwagen, im tiefsten Winter war sie barfuß in den Schuhen - Sockenanziehen ging nicht mehr.

Dass sie ihr Leben lang viel Disziplin walten lassen muss, um nicht trotz der Operation wieder zuzunehmen, ist ihr bewusst. Auch Chirurg Horbach betont: "Die OP ist ein Hilfsmittel, der Steigbügel. Aber die Patienten müssen das Pferd reiten und die Strecke selbst zurücklegen."

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