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Schwangerschaft  

Rätselhaftes Phänomen siamesische Zwillinge

21.08.2013, 14:27 Uhr | cst, t-online.de

Rätselhaftes Phänomen siamesische Zwillinge. Die siamesischen Zwillinge Marta und Nuria aus Spanien konnten erfolgreich getrennt werden. (Quelle: dpa)

Die siamesischen Zwillinge Marta und Nuria aus Spanien konnten erfolgreich getrennt werden. (Quelle: dpa)

Siamesische Zwillinge kommen sehr selten vor. Mehrere tausend Jahre alte Darstellungen und Skulpturen zeigen aber, dass es sie schon seit jeher gegeben hat - und auch, dass sie die Menschen schon immer fasziniert haben. Eigentlich sind sie eineiige Zwillinge, bei denen sich in der frühen Entwicklung die befruchtete Eizelle nicht vollständig in zwei eigenständige Embryos geteilt hat. Siamesische Zwillinge bleiben daher während der Schwangerschaft und auch danach körperlich miteinander verbunden.

So häufig sind Zwillinge

Weltweit betrachtet ist jede 40. Geburt eine Zwillingsgeburt. Es gibt jedoch starke geografische Unterschiede, in manchen Regionen der Welt gibt es kaum Zwillinge, in anderen sind sie extrem häufig. In Deutschland kommen ungefähr bei jeder 60. Geburt Zwillinge zur Welt. Die Zahl der Zwillingsgeburten in Deutschland steigt seit Jahren an. Gründe dafür sind Hormonbehandlungen, künstliche Befruchtungen und die Tatsache, dass die Frauen immer später Kinder bekommen - denn mit dem Alter steigt die Häufigkeit für eine Zwillingsgeburt.

So häufig sind siamesische Zwillinge

Die Angaben zur Häufigkeit von siamesischen Zwillingen sind sehr unterschiedlich und schwanken zwischen 1:50.000 bis 1:200.000. Weil siamesische Zwillinge sehr schlechte Überlebenschancen haben, kommen auf eine Million Geburten in etwa nur einmal lebensfähige. In den westlichen Ländern werden deutlich weniger siamesische Zwillinge zur Welt gebracht als beispielsweise in Indien oder China, weil sie durch vorgeburtliche Diagnostik erkannt und abgetrieben werden.

In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch rechtlich möglich, wenn bei einer pränatalen Untersuchung eine Fehlbildung des Fötus festgestellt wird, die die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren in unzumutbarer Weise beeinträchtigen würde.

Der Name stammt aus Thailand

Der Name "siamesische Zwillinge" leitet sich von dem Brüderpaar Chang und Eng Bunker ab, die 1811 im damaligen Siam geboren wurden (heute Thailand). Die beiden waren seitlich miteinander verwachsen und wurden auf Jahrmärkten in aller Welt als Sensation ausgestellt. Später wanderten sie in die USA aus. Dort heirateten sie die Schwestern Adelaide und Sarah Yates, mit denen sie zusammen 21 Kinder hatten. Chang und Eng Bunker starben 1874 innerhalb weniger Stunden im Alter von 63 Jahren.

Siamesische Zwillinge können überall verbunden sein

Siamesische Zwillinge können an verschiedenen Stellen des Körpers zusammengewachsen sein. Am häufigsten sind im Brustbereich miteinander verbunden (70 Prozent), an den Hüften (fünf Prozent) oder am Kopf (zwei Prozent). Auch im Bauch- oder Steißbeinbereich können Verwachsungen auftreten. Häufig teilen sich die Zwillingspaare Organe wie Herz, Lunge oder Leber.

Diagnose in der Schwangerschaft per Ultraschall

Ob eine Schwangere siamesische Zwillinge erwartet, lässt sich heute relativ leicht mittels Ultraschalluntersuchung erkennen. Weitere, genauere Untersuchungen und auch die Entscheidung, ob es möglich ist die Zwillinge zu trennen, können erst nach der Geburt erfolgen.

Wann ein Trennung möglich ist

Eine Trennung von siamesischen Zwillingen ist möglich, wenn jeder Zwilling die lebenswichtigen Organe selbst besitzt und der Stoffwechsel nicht zu kompliziert miteinander verflochten ist. Die Operation erfolgt heute in der Regel kurz nach der Geburt oder innerhalb des ersten Lebensjahres, weil die Heilungschancen dann am größten sind. Schwierig ist es bei Zwillingen, die am Kopf zusammengewachsen sind. Die Sterbe- und Behinderungsrate liegt hier deutlich höher - im Schnitt sterben vier von fünf siamesischen Zwillingen während des Eingriffs oder tragen schwere Behinderungen davon. Die komplizierte Operation ist aber auch schon gelungen, erstmalig 1952 in den USA.

Erste Trennungen

Die erste erfolgreiche Trennung von siamesischen Zwillingen hat angeblich bereits 1689 in der Schweiz stattgefunden. Den Überlieferungen zufolge handelte sich um Mädchen, die zwischen Brustbein und Nabel durch ein Hautband verbunden waren. Beide sollen die Operation überlebt haben.

Im Rahmen der modernen Medizin wird seit den 1950er Jahren immer wieder versucht, auch komplizierte Fälle zu operieren. So konnten zum Beispiel 1952 in den USA erstmalig Kinder getrennt werden, die am Kopf zusammengewachsen waren. Bis heute sind Trennungen siamesischer Zwillinge jedoch ein komplexer und schwieriger Vorgang.

Siamesische Zwillinge: prominente Fälle

Zu den ältesten Überlieferungen über siamesische Zwillingspaare gehören die als "Biddenden Maids" bekannt gewordenen Schwestern Mary und Eliza Chulkhurst. Sie lebten von 1100 bis 1134 in England und waren an den Hüften zusammengewachsen. Aus ihrem Erbe entstand eine Stiftung, die bis heute existiert und Bedürftige unterstützt.

Ein bekannter Fall aus der ehemaligen Sowjetunion sind die Schwestern Mascha und Dascha Kriwoschljapowa, die von 1950 bis 2003 lebten. Die Mädchen wurden ihrer Mutter nach der Geburt weggenommen und jahrelang für medizinische Experimente missbraucht. Erst mit dem politischen Wandel in Russland gelang es ihnen, sich ein eigenständiges Leben zu erkämpfen.

Auch in Deutschland gab es 2003 ein prominentes siamesisches Zwillingspaar, das die Menschen bewegte: Lea und Tabea Block aus Lemgo. Die beiden Mädchen waren am Kopf zusammengewachsen. Kurz nach ihrem ersten Geburtstag wurden sie in den USA in einer langwierigen Operation getrennt. Weil die Gehirngefäße der Kinder miteinander verflochten waren, galt der Eingriff als schwierig, aber machbar. Dennoch starb Tabea während der Operation. Lea überlebte, hat aber bis heute mit Einschränkungen zu kämpfen.

Traurige Berühmtheit erlangten 2003 auch die iranischen Schwestern Ladan und Laleh Bijani. Im Alter von 29 Jahren ließen sie sich operieren - es sollte die erste Trennung von erwachsenen, am Kopf zusammengewachsenen Zwillingen sein. Der Versuch endete für beide Schwestern tödlich.

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