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Stockholm: Nach dem Terror bleiben sehr viele Fragen offen

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Nach dem LKW-Anschlag  

Schweden fragen sich nach dem Warum

08.04.2017, 18:31 Uhr | Lennart Simonsson, Julia Wäschenbach, dpa

Stockholm: Nach dem Terror bleiben sehr viele Fragen offen. Der Tatort, einen Tag nach dem Anschlag in Stockholm. (Quelle: dpa)

Der Tatort, einen Tag nach dem Anschlag in Stockholm. (Quelle: dpa)

Sowohl Trauer als auch Trotz sind in Stockholm am Tag nach dem Lkw-Anschlag zu spüren. Ein 39-jähriger Usbeke sitzt in Haft. Doch das Motiv und viele weitere Fragen bleiben offen.

Am Tag nach dem Terroranschlag in Stockholm liegen noch immer orangefarbene Rettungsdecken auf dem Asphalt. Gerüste und Absperrbänder der Polizei umschließen den Tatort auf der belebten Einkaufsstraße Drottninggatan, an dem ein Lastwagen am Freitagnachmittag in eine Menschenmenge raste und vier Menschen tötete.

Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden bleiben entlang der Absperrungen am Samstag zahlreiche Menschen stehen. Viele sind gekommen, um besser zu verstehen, was in ihrer Stadt passiert ist. Zwischen die Gitterstäbe haben Stockholmer Bürger und Touristen Frühlingsblumen in allen Farben geklemmt.

Stockholm ist stolz und trotzt dem Terror

In Gesprächen mit den Hauptstädtern ist Trauer zu spüren - aber auch Stolz auf den Zusammenhalt in ihrer Stadt, und viel Trotz. "Wir sollten hier eine große Party veranstalten, um zu zeigen, dass wir keine Angst haben", sagt ein Obstverkäufer.

Als der Lkw am Freitag über die Shoppingmeile raste, stand der gebürtige Türke gerade an seinem Stand auf dem Platz Hötorget, ganz in der Nähe. "Wir sind los, ohne einzupacken", sagt er jetzt. Kurz nach dem Anschlag flüchteten die Menschen panisch vom Tatort, nun geht hier alles schon wieder ganz ruhig zu.

Hellbraune Kuschelteddies in der Nähe des Tatorts

Hunderte sind gekommen, um Solidarität mit den Opfern zu zeigen. "Sie dürfen uns unser Stockholm nicht wegnehmen!", schreibt ein Nutzer auf Twitter. Ein Journalist der Zeitung "Dagens Nyheter" warnt die Täter: "Stockholm zwingt ihr nicht in die Knie." Spaziergänger rund um die Drottninggatan klopfen den Wache haltenden Polizisten anerkennend auf die Schulter: "Danke." Und: "Gute Arbeit."

Einem hellbraunen Kuschelteddy in der Nähe des Tatorts hat jemand einen Zettel in die Arme gedrückt: "Wir sehen uns in Nangijala", steht darauf. So heißt das Land, in dem die "Brüder Löwenherz" in der gleichnamigen Astrid-Lindgren-Geschichte in ihrer Fantasie nach ihrem Tod zusammen Abenteuer erleben. "Es fühlt sich unwirklich an, wie in einem Film", sagt eine Stockholmerin, die mit ihren Hunden in der Innenstadt spazieren geht, dem schwedischen Fernsehen.

Der Terrorist brachte mit einfachen Mitteln sehr viel Leid

Ein bis kurz vor 15 Uhr ganz normaler Freitagnachmittag hatte sich für die Hauptstädter in einen Alptraum verwandelt. "Ich denke an die Menschen, die durch Stockholm gehen, sich sicher auf das Wochenende freuen, darauf, Familie zu treffen und zusammen zu sein. Völlig unwissend. Und plötzlich verändert sich das Leben", sagt Regierungschef Stefan Löfven.

Wie in Nizza und Berlin hat der Täter mit vergleichsweise einfachen Mitteln viel Leid über Unschuldige gebracht. Betroffen blickt der tunesischstämmige Taxifahrer Muhammed auf das Kaufhaus Åhléns, in dessen Schaufenster der Lkw zum Stehen gekommen war. "Ich komme aus einem Land, das drei große Terrorangriffe erlebt hat", sagt er. "Das hier ist schrecklich."

Der LKW, eine "Todesmaschine auf vier Rädern"

Polizeitechniker in weißen Anzügen untersuchen am Samstag den Tatort, während andere Schutt in einen grünen Container füllen. Den gekaperten Lastwagen einer Brauerei haben die Ermittler abschleppen lassen. "Todesmaschinen auf vier Rädern", nennt die dänische Zeitung "Politiken" am Samstag die Fahrzeuge, die Attentäter an öffentlichen Plätzen in Menschenmengen steuern.

Dass so etwas "im friedlichen Skandinavien" passieren könnte, hätte sie nicht gedacht, sagt die Dänin Charlotte Belacel. In London, wo sie lebe, sei man dagegen immer auf der Hut. Als der Lkw in das Kaufhaus raste, aß sie dort gerade mit ihren zwei Schwestern und ihrer Mutter. "Wir haben Krach gehört, und meine Schwester hat gesagt: Wir müssen hier raus", sagt Belacel, die eine Rose an der Drottninggatan niederlegt.

Unklar, wie viele Täter beteiligt am Anschlag beteiligt waren

Noch am Freitag nimmt die Polizei einen 39-jährigen Usbeken fest, verdächtigt ihn des Terrors. Ob er aus Sympathie für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt habe, untersuchen die Ermittler noch. "Nichts besagt, dass wir die falsche Person festgenommen haben", sagt Reichspolizeichef Dan Eliasson am Samstag auf einer Pressekonferenz in Stockholm. Man könne aber noch nicht ausschließen, dass mehrere Menschen an der Tat beteiligt gewesen seien.

Knapp 24 Stunden nach dem Anschlag setzt die Polizei ihr Bild wie ein Mosaik zusammen. Was genau hinter der Tat steckt, ist noch unklar. Auf die Frage nach einem terroristischen Motiv sagt Staatsanwalt Hans Ihrman: "Viel spricht zum jetzigen Zeitpunkt dafür."

Schweden führt Grenzkontrollen ein

Schweden kontrolliert vorerst alle Ausreisenden an seinen Grenzen. Anders Thornberg von der Sicherheitspolizei sagt, seine Leute würden bei den Ermittlungen von nationalen und internationalen Behörden unterstützt. Es gehe auch darum, weitere Attentate zu verhindern.
In Schweden sind mehr Polizisten auf den Straßen unterwegs. "Es wäre nicht menschlich, keine Angst zu haben, aber das Leben muss bald wieder zur Normalität zurückkehren", sagt Innenminister Anders Ygeman. Der mutmaßliche Terroranschlag wird seine Spuren auch in der politischen Debatte hinterlassen, da sind sich Kommentatoren am Tag nach der Tat sicher.

Kriminalität und Sicherheit werden Wahlkampfthemen 

Nächstes Jahr wird in Schweden ein neues Parlament gewählt. Bandenfehden und tödlichen Schießereien haben bei manchen in jüngster Zeit ein stärkeres Gefühl der Unsicherheit ausgelöst. Die Themen Kriminalität und Sicherheit dürften im Wahlkampf auf der Agenda weit oben stehen.

Zunächst steht aber die Trauer um die Opfer im Vordergrund. Auch Schwedens Kronprinzessin Victoria und ihr Mann Daniel besuchen den Ort des Geschehens. Ganz in Schwarz gekleidet, legt die Thronfolgerin rote Rosen nieder. Tränen steigen ihr in die Augen. Auf die Frage eines Reporters, wie ihr Land durch diese schwere Zeit komme, antwortet sie mit nur einem Wort: "Zusammen."

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