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Stimmen aus einer AfD-Hochburg: "Ich fühle mich verarscht"

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"Ich fühle mich verarscht"  

Wie ein idyllischer Ort zur AfD-Hochburg wurde

28.09.2017, 09:03 Uhr | Tobias Ruf, t-online.de

Stimmen aus einer AfD-Hochburg: "Ich fühle mich verarscht". Die Altstadt von Malchow ist idyllisch, Ausländer sieht man hier kaum. (Quelle: Botaurus stellaris, Wikimedia)

Die Altstadt von Malchow ist idyllisch, Ausländer sieht man hier kaum. (Quelle: Botaurus stellaris, Wikimedia)

Malchow an der Mecklenburgischen Seenplatte: Gut 7.000 Einwohner, Luftkurort, ein beliebtes Touristenziel – und eine Hochburg der AfD. 20,8 Prozent der Zweitstimmen bekam die Partei bei der Bundestagswahl. Wie tickt eine solche Stadt, was bewegt die Menschen? Eine Spurensuche.

Aus Malchow berichtet Tobias Ruf

Christa R. (Name von der Redaktion geändert) ist 38 Jahre alt, alleinerziehende Mutter, arbeitet in der Altenpflege. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen, zu groß ist ihre Skepsis gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit. Aber sie sagt mit fester Stimme: Ja, sie hat die AfD gewählt. Und dann, gleich hinterher: „Ich fühle mich von Frau Merkel verarscht und nicht für voll genommen. Sie lässt uns Menschen und unser Land im Stich. Die CDU hat ihre Seele verloren.“

Christa R. hegt Frust über die etablierten Parteien, und der sitzt tief. „Seit Jahren wird gepredigt, dass die Gehälter und Renten angeglichen werden. Aber nichts ist passiert! Die Menschen müssen Pfandflaschen sammeln, um über die Runden zu kommen. Das kann doch nicht sein!“ All die Programme zur Wirtschaftsförderung und regionalen Raumentwicklung, mit denen die Landespolitiker sich brüsten, scheinen in ihrer Lebenswelt kaum Spuren zu hinterlassen.

Malchow liegt an der Mecklenburgischen Seenplatte. (Quelle: t-online.de)Malchow liegt an der Mecklenburgischen Seenplatte. (Quelle: t-online.de)

„Die neuen Bundesländer sind eine post-sozialistische Gesellschaft“, sagt der Politologe Klaus Schroeder im t-online.de-Interview. „Hier passiert in gewisser Weise dasselbe, was wir auch in Ungarn, Polen und Tschechien beobachten: ein Erstarken des Nationalismus, der zugleich sehr abweisend in Bezug auf Ausländer ist. Die Menschen wollen nicht mehr bevormundet werden, und sie wollen nicht hören: ‚Du musst so sein, du musst das sein. Du musst diese und jene akzeptieren.'“

Christa R. spricht ruhig und klar – bis sie auf die Flüchtlingskrise zu sprechen kommt. „Und dann kommen die ganzen Flüchtlinge ins Land“, ruft sie. „Dafür ist plötzlich Geld da!“ Ihre Stimme wird schrill. „Wir waren darauf nicht vorbereitet. Merkels Entscheidung hat uns überrollt!“

Welche Hoffnung setzt sie in die AfD nach deren Einzug in den Bundestag? Die 38-Jährige zögert, die Antwort fällt ihr ersichtlich schwer. „Ganz ehrlich: Ich hoffe, dass nicht mehr so viele Flüchtlinge ins Land kommen. Mir tut es leid, was in diesen Ländern passiert. Aber es kommen so viele junge Männer ins Land, die hier nicht hergehören. Die sollen in ihrer Heimat bleiben und ihre Familien beschützen. Stattdessen machen die sich hier ein schönes Leben und sind eine Gefahr für unsere Sicherheit“.

Hat sie persönlich denn schon mal eine negative Erfahrung mit einem Flüchtling gemacht? Christa R. atmet tief durch. „Nein, ich wurde noch nicht von Flüchtlingen bedroht. Aber ich habe Angst, wenn ich nachts alleine durch die Straßen laufe. Auch in Malchow sind mir schon Massen von jungen Flüchtlingen begegnet. Da hatte ich richtig Angst“.

Massen? Rund 50 Flüchtlinge sind in einem Heim in Malchow untergebracht.

Noch etwas beschäftigt sie sehr: „Dass Merkel dem Herrn Erdogan, auf gut deutsch gesagt, in den Arsch kriecht: Damit habe ich ein riesiges Problem! Der kann machen, was er will. Er kann uns Deutsche beschimpfen, und Merkel lässt das alles mit sich machen. Das ärgert mich und viele andere maßlos.“

Abhilfe gegen den Frust soll nun die AfD schaffen. „Die AfD nimmt uns ernst“, sagt Christa R. „Das tut den Menschen hier im Osten gut.“ Glaubt sie, dass die Partei deswegen in Ostdeutschland so viel Zustimmung bekommen hat? „Ja. Die Leute hier fühlen sich verarscht, der Westen nimmt uns nicht ernst. Der Keil zwischen Ost und West ist vor allem bei der älteren Generation noch sehr groß.“

Erich Rottenau hat die AfD nicht gewählt, aber Verständnis für alle, die es getan haben. (Quelle: t-online.de/Tobias Ruf)Erich Rottenau hat die AfD nicht gewählt, aber Verständnis für alle, die es getan haben. (Quelle: Tobias Ruf/t-online.de)

Genau zu dieser Generation gehört Erich Rottenau. Der 84-Jährige ist seit vielen Jahren politisch aktiv, kommt ebenfalls aus Malchow, kennt die Bürger und deren Sorgen. Er bestätigt Christa R.s These. „Es wurde uns nach der Wende das Blaue vom Himmel versprochen“, sagt er. „Helmut Kohl hat von blühenden Landschaften gesprochen. Gerhard Schröder hat sich als Ost-Kanzler bezeichnet, und dann kamen mit Frau Merkel und Herrn Gauck zwei Ostdeutsche in die höchsten politischen Ämter. Doch was ist passiert? Schauen Sie sich hier doch einmal um!“ Er meint: Leere Straßen, zu wenig Arbeit, wenig Junge, wenig Frauen, weil viele gen Westen gezogen sind.

Die aufgeheizte politische Stimmung macht Rottenau Sorgen. Er hat den Nationalsozialismus als Kind erlebt, lebte anschließend bis zur Wende in der DDR. Nach einem bewegten politischen Leben sehnt er sich nach Stabilität. Er selbst hat die AfD nicht gewählt, kann aber nachvollziehen, dass sich viele Menschen in Malchow mit der Partei identifizieren. „Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern spricht viele Probleme an, mit denen die Bürger hier konfrontiert sind. Das tun andere Parteien zwar auch – aber sie sind nicht mehr glaubwürdig. Da wächst bei vielen die Hoffnung, dass die neue Partei die Probleme der Menschen wirklich anpackt.“

Was Rottenau meint, wird in Malchow erst auf den zweiten Blick sichtbar. Die Straßen in dem Luftkurort sind erstaunlich leer. Kinder gibt es, aber junge und Menschen mittleren Alters sind wenige zu sehen. „Die Jungen haben wenig Perspektive in einem ländlichen Raum wie diesem“, sagt Rottenau. „Die Alten machen über ein Drittel der Bevölkerung aus und sind ebenfalls unzufrieden. Viele warten seit der Wende auf eine gerechte Angleichung der Renten. Aber nichts ist passiert. Das macht die Leute wütend.“ 

Etwa 7.000 Einwohner leben in Malchow, Mecklenburg-Vorpommern. (Quelle: t-online.de/Tobias Ruf)Etwa 7.000 Einwohner leben in Malchow, Mecklenburg-Vorpommern. (Quelle: Tobias Ruf/t-online.de)

Dieses Problem bewegt Rottenau sehr. „Das schlimmste in meinen Augen ist, dass viele Bürger als minderwertig angesehen werden. Bis heute. Thomas de Maizière spricht davon, dass der Osten von gestern sei und dem Neuen gegenüber nicht offenstehe. Das verletzt die Menschen hier, sie fühlen sich nicht ernstgenommen! Das ist bei der AfD anders.“

Rechtsradikal aber seien die AfD-Wähler in Malchow deshalb nicht. „Das ist mehr Protest als Überzeugung. Wir haben kein Problem mit Rechten.“ Das zeige sich auch in der Flüchtlingsdebatte. „Wir haben gut 50 Flüchtlinge hier in Malchow. Aber strafbare Handlungen gab es noch keine. Im Gegenteil.  Es spricht in Malchow keiner über die Flüchtlinge, die schon hier sind. Trotzdem wollen einige Menschen nicht, dass noch mehr zu uns kommen.“

Ahmed ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen und lebt jetzt in Malchow. Sorgen wegen der AfD macht er sich nicht. (Quelle: t-online.de/Tobias Ruf)Ahmed ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen und lebt jetzt in Malchow. Sorgen wegen der AfD macht er sich nicht. (Quelle: Tobias Ruf/t-online.de)

Einer dieser Flüchtlinge ist Ahmed. Der Syrer floh vor zwei Jahren aus seiner Heimat und fand in Malchow eine neue Heimat. Zumindest auf dem Papier. Denn in Gedanken ist der 50-Jährige in Damaskus. In der umkämpften syrischen Hauptstadt lebt seine Familie.

Die Bundestagswahl hat Ahmed verfolgt, auch das Erstarken der AfD hat er registriert. Größere Sorgen macht er sich aber nicht. „Natürlich höre und lese ich in den Medien viel über Stimmung gegen Flüchtlinge, das macht mich nachdenklich“, sagt er. „Ich persönlich habe in Malchow aber noch keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Ebenso wenig wie Christa R., ebenso wenig wie Erich Rottenau.

Ahmed hat sich in Deutschland integriert, arbeitet in einem Hotel im Malchower Umland und spricht Deutsch. Das Gespräch findet trotzdem auf Englisch statt, Ahmed fühlt sich damit wohler. „Ich vertraue Frau Merkel, sie hat es ermöglicht, dass ich nach Deutschland komme“, sagt er. „Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich meine Familie bald nach Deutschland holen kann“. Tag und Nacht denkt er an seine Lieben im Bürgerkriegsland. Ahmed hat viel zu viel mit seinen privaten Sorgen und Ängsten zu kämpfen, als dass die AfD für ihn von drängender Relevanz ist. Auch dass das Wahlergebnis der AfD sein Leben in Malchow verändern wird, glaubt er nicht.

Was bleibt also von diesem Ortsbesuch in Malchow?

Ja, viele Menschen hier haben die AfD gewählt – aber sie deshalb pauschal in die rechte Ecke zu stellen, ist falsch. Malchow ist keine rechte Kleinstadt. Aber eine verunsicherte. Sicher leben auch hier Bürger, die man im politischen Spektrum rechts verorten kann. Die größten Ängste und Sorgen aber sind sozialpolitischer Natur und haben mit Respekt und Wertschätzung zu tun.

„Der zentrale Fehler (der Politik, Anm. d. Red.) ist es, dass man sich nicht konkret mit den Inhalten der AfD auseinandersetzt, sondern sie pauschal in die Ecke ‘Rechtsaußen‘ stellt und diffamiert“, sagt der Politologe Klaus Schroeder. „Das hat viele Leute, gerade im Osten, zu der Aussage bewogen: ‘Die sollen mundtot gemacht werden. Die sollen ihre Stimme nicht erheben können.‘"

Wie kann man also besser mit der AfD umgehen? "Wo immer es möglich ist, sollten Politik und Medien die Argumente der AfD zerpflücken", sagt Schroeder. "Und in Fällen, in denen die AfD manchmal recht haben mag, dann auch zugeben: ‘Ja, dieses Thema haben wir vernachlässigt.‘

Das ist aber nicht die einzige politische Aufgabe. 27 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Gräben zwischen Ost und West noch tief. Vor allem in den Köpfen der Menschen, aber auch zwischen der Lebensrealität vor Ort und der Wahrnehmung von außen. Schafft es die neue Bundesregierung, diese Lücke endlich zu schließen und den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden? Das ist die große Aufgabe in Malchow. Ebenso wie wohl in vielen anderen Städten Ostdeutschlands.

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