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Nach Gesichts-Transplantation: Frau streichelt die Wangen ihres toten Mannes

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Nach Transplantation  

Frau trifft das Gesicht ihres verstorbenen Mannes

12.11.2017, 12:53 Uhr | AP, t-online.de, rok

Nach Gesichts-Transplantation: Frau streichelt die Wangen ihres toten Mannes. Begegnung der besonderen Art: Lilly Ross, berührt das Gesicht von Andy Sandness, dem das Gesicht von Ross' verstorbenen Ehemann transplantiert wurde. (Quelle: AP/dpa)

Begegnung der besonderen Art: Lilly Ross, berührt das Gesicht von Andy Sandness, dem das Gesicht von Ross' verstorbenen Ehemann transplantiert wurde. (Quelle: AP/dpa)

Bei einem Suizidversuch schoss sich Andy Sandness große Teile seines Gesichts weg. Zehn Jahre lang lebte er mit seiner Verstümmelung von der Welt und den Menschen zurückgezogen. Nun hat er ein neues Gesicht und begegnet der Witwe des Spenders.

Bei dem Treffen mit Sanderss in einer Bücherei der Mayo-Kliniken im US-Staat Minnesota streckt Lilly Ross die Hand aus und berührt das Gesicht eines Fremden. Sie streicht über die rosigen Wangen und betrachtet eine unbehaarte Stelle am Kinn, das ihr früher einmal sehr vertraut war. "Deshalb hat er seinen Bart immer so lang wachsen lassen, damit die Haare die Lücke bedeckten konnten", sagt sie zu Andy Sandness. Sandness schließt die Augen und spürt die Berührung in seinem Gesicht. Früher hat es Ross' Ehemann Calen "Rudy" gehört.

Angst vor dem Gesicht des toten Mannes

Vor dem Treffen war die junge Witwe nervös. Sie fürchtete sich, dass der Empfänger ihrem toten Mann stark ähneln würde. Doch diese Angst legte sich schnell: Ohne Calens Augen, Stirn und seine ausgeprägten Wangen sehe Sandness ganz anders aus, sagte sie sich. Mit ihrem kleinen Sohn Leonard im Schlepptau ging Ross unter Tränen auf Sandness zu und umarmte ihn fest.

Vor ihr stand ein Mann, dessen Leben sich durch die Spende ihres Mannes geändert hat. Zehn Jahre hatte Sandness ohne Gesicht gelebt, Spiegel gemieden und immer alle Blicke auf sich gezogen. 16 Monate nach der Operation hat er nun ein neues Selbstbewusstsein bekommen. "Es hat mich stolz gemacht", sagt Ross über den 32-jährigen Empfänger.

Das Leben beider Männer ähnelte sich sehr

Sandness und Calen Ross lebten zwar Hunderte Kilometer voneinander entfernt, führten aber ein ähnliches Leben. Beide jagten und angelten und waren gern an der frischen Luft, bis sie von ihrer Verzweiflung eingeholt wurden. Sandness unternahm Ende 2006 in seinem Heimatstaat Wyoming einen Selbstmordversuch. Er schoss sich den Großteil seines Gesichts weg, überlebte aber. Ross nahm sich zehn Jahre später im Südwesten von Minnesota das Leben.

Andy Sanderss und Lilly Ross beim Treffen in einer Bücherei der Mayo-Kliniken im US-Staat Minnesota. (Quelle: AP/dpa/Charlie Neibergall)Andy Sanderss und Lilly Ross beim Treffen in einer Bücherei der Mayo-Kliniken im US-Staat Minnesota. (Quelle: Charlie Neibergall/AP/dpa)

Sandness wandte sich nach seinem Suizidversuch weitgehend von der Welt ab. Er schämte sich für seine Verletzungen. Nach etlichen Operationen hatte sein Mund nur noch die Größe einer Geldmünze und seine Nasenprothese fiel immer wieder ab.

Im Jahr 2012 schöpfte er erstmals Hoffnung, als die Mayo-Klinik ein Pilotprogramm für Gesichtstransplantationen startete. Anfang 2016 wurde Sandness auf die Warteliste für den Eingriff gesetzt.

56 Stunden unter dem Skalpell

Ross hatte bereits eingewilligt, Lunge, Nieren und andere Organe ihrer Jugendliebe zu spenden. Dann machte die Nonprofit-Organisation LifeSource, die Organspenden fördert, den Vorschlag einer Gesichtsspende für einen Mann, der auf eine Transplantation in der Klinik wartete.

Alter, Blutgruppe, Hautfarbe und Gesichtsstruktur stimmten bei Ross und Sandness so gut überein, dass Sandness' Chirurg Samir Mardini sagte, die beiden Männer hätten Cousins sein können.

Ross stimmte zu, obwohl sie Angst davor hatte, eines Tages das Gesicht ihres Mannes an einem Fremden zu sehen. Sie war zu dieser Zeit im achten Monat schwanger. Einer der Gründe für ihre Zusage sei gewesen, dass sie ihrem Kind später einmal erklären wolle, was sein Vater Gutes für andere Menschen getan habe, sagt sie.

In den Mayo-Kliniken wurde Sandness 56 Stunden operiert. 60 Ärzte beteiligten sich an der ersten Gesichtstransplantation in dem Krankenhaus.

Das Leben mit dem neuen Gesicht

Mehr als ein Jahr nach dem Eingriff freut sich Sandness über kleine Alltäglichkeiten, die ihm zehn Jahre lang nicht möglich waren, wie den Biss in eine Pizza. In seinem Job als Elektriker in der Ölbranche wurde er befördert und erweitert nach und nach seinen Radius. Die Anonymität eines normalen Gesichts schätzt er hoch.

"Früher bin ich nicht in die Öffentlichkeit gegangen", erzählt er. "Ich habe es gehasst, mich in größeren Städten aufzuhalten. Und jetzt breite ich buchstäblich meine Flügel aus und tue die Dinge, die ich verpasst habe – in Restaurants essen zu gehen und tanzen zu gehen."

Die Operation verändert Andy

Doch das Leben mit einem transplantierten Gesichts kostet auch viel Mühe. Sandness muss täglich Medikamente gegen eine mögliche Abstoßung einnehmen, sein Gesicht massieren und Übungen zur Verbesserung seines Sprechvermögens machen. So sagt er häufig beim Autofahren oder unter der Dusche das Alphabet auf. Zu Ross sagte er: "Ich wollte ihnen zeigen, dass ihr Geschenk nicht vergeudet wird."

Mardini und das übrige Ärzteteam beobachten mit Freude, wie ihr Patient sich seit der Operation öffnet und mit Fremden spricht, vor deren Blicken er sich früher versteckt hat. "Es stellt sich heraus, dass Andy gar nicht so introvertiert ist wie wir dachten", sagt Mardini. "Er genießt diese Zeit, die er zehn Jahre seines Lebens versäumt hat."

"Fühlen uns jetzt wie eine Familie"

Ross und Sandness fühlen sich nach eigenen Worten jetzt wie eine Familie. Sie wollen einen engeren Kontakt aufbauen, und Sandness will Leonards spätere Ausbildung mitfinanzieren. Am Tag ihres Treffens betrachtete der kleine Junge Sandness zuerst neugierig. Später ging er auf ihn zu und ließ sich von ihm auf den Arm nehmen.

Für Ross war das Treffen mit Sandness eine große Erleichterung nach einem Jahr voller Trauer, Aufregung über die Geburt ihres Kindes und schwierigen Entscheidungen zur Organspende. "Nach dem Treffen mit Andy konnte ich endlich abschließen", sagt sie mit schwacher Stimme. "Alles ging so schnell."

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