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Hier drehen die letzten Paternoster ihre Runden

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Die gerettete Tradition  

Hier drehen die letzten Paternoster ihre Runden

21.10.2015, 12:41 Uhr | Simone F. Lucas/srt

Hier drehen die letzten Paternoster ihre Runden. Paternoster im Rathaus Duisburg: Die offenen Aufzüge erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. (Quelle: imago/Reichwein)

Paternoster im Rathaus Duisburg: Die offenen Aufzüge erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. (Quelle: Reichwein/imago)

Beinahe wären wir um ein lebendes Technikdenkmal ärmer. Doch in letzter Minute hat es der "Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufzüge" geschafft: Die Regierung kippte im Juni das Verbot für öffentlich betriebene Paternoster-Lifte. Wir zeigen einige von Deutschlands letzten Paternostern in unserer Foto-Show.

Die nostalgischen Aufzüge sind zugleich geschichtsträchtiges Fortbewegungsmittel und Besuchermagnet. In Stuttgart feierte das Rathaus die Wiederinbetriebnahme seines Paternosters im Juli 2015 gar mit einer Party. In Duisburg dürfen inzwischen wieder Hochzeitspaare im Paternoster posieren. 

Das bedeutet der Name "Paternoster"

Paternoster heißt übersetzt "Vater unser", wie das christliches Gebet. Dieses wiederholt der Gläubige im Rosenkranz, auch "Paternosterschnur" genannt. So wie der Rosenkranz beim Beten endlos durch die Finger gleitet, bewegen Rollen die Kabinen des Umlaufaufzugs in einer Endlosschleife. Durch einen ausgeklügelten Mechanismus stellen sich die einzelnen Kabinen oben angekommen nicht auf den Kopf, sondern verharren in ihrer aufrechten Position.

Entwickelt wurde der Paternoster in England. Der erste bekannte Aufzug dieser Art wurde 1876 in das General Post Office in London eingebaut. Zehn Jahre später wurde im neuen Dovenhof in Hamburg ebenfalls ein Paternoster installiert, der mit Dampfkraft betrieben wurde. Mit der Zeit wurde Hamburg zur Paternoster-Hauptstadt: 1936 befanden sich laut Wikipedia mehr als der Hälfte der in Deutschland gezählten 679 Paternoster-Anlagen in der Hansestadt. "Proletenbagger" nannten die Hamburger Bürger die offenen Kabinen, die geschlossenen Aufzüge galten als "Bonzenheber". Weil sich die meisten noch funktionierenden Paternoster in Verwaltungsgebäuden befinden, nennt der Duden für diese Art Fahrstuhl auch den Spitznamen "Beamtenbagger". 

Einst Revolution, dann angebliche Gefahr

Der Paternoster galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Revolution in der Aufzugtechnik. Doch schon bald gab es erste Bestrebungen, die offenen Kabinen zu verbieten - wegen Verletzungsgefahr. 1972 wurde schließlich eine Verordnung verabschiedet, die den Bau neuer Paternoster verbot. Die noch bestehenden sollten bis 1994 stillgelegt werden. Schon damals verhinderten Proteste die Durchsetzung. Und seit Ende Juni das Paternoster-Verbot aufgehoben wurde, drehen die rund 250 in Deutschland verbliebenen Paternoster wieder ihre Runden. Die Betreiber wurden allerdings verpflichtet, "durch zusätzliche Maßnahmen Gefährdungen bei der Benutzung zu vermeiden". Weil immer wieder Benutzer eingeklemmt werden, sollten Kinder und Behinderte die Paternoster nicht oder nicht allein benutzen, heißt es. Auch Kinderwagen oder größere Gepäckstücke sollten in den offenen Kabinen nicht befördert werden. 

Viele der Nostalgie-Aufzüge sind nicht für die Öffentlichkeit zugänglich - wie etwa die im Augsburger Finanzamt oder im Polizeipräsidium München. Aber so wie im Stuttgarter Rathaus gibt es noch einige der gemütlichen offenen Fahrstühle, in denen jeder mitfahren darf.

Eine kleine Auswahl: 

München

Im Alten Städtischen Rathaus aus dem Jahr 1929 in der Münchner Blumenstraße, auch Städtisches Hochhaus genannt, können Besucher die elf Stockwerke im gemächlichen Tempo von 28 Zentimetern pro Sekunde erfahren. 

Berlin

Das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin verfügt zwar gleich über zwei Paternoster, die auch noch die höchsten Europas sind. Der Verlag hat deren Benutzung aber offiziell auf die Mitarbeiter beschränkt.

Dafür kann man im Haus des Rundfunks gleich in zwei Paternostern nostalgisch auf und ab fahren. Die beiden Umlaufaufzüge gingen 1931 in Betrieb und fahren noch heute.

Das tun in Berlin derzeit noch 30 Paternoster, unter anderem im Verlagsgebäude des Neuen Deutschland, im Schöneberger Rathaus und im Auswärtigen Amt. Einer dieser Paternoster ist sogar ganz neu: Die Solarfirma Solon SE hat 2009 in ihrem Bürogebäude (Am Studio 16) einen Paternoster installiert, der auch den modernsten Sicherheitsvorschriften gerecht wird. 

Hamburg

Hamburg, einst Pionier in Sachen Paternoster, verfügt noch über 27 solcher Nostalgie-Fahrstühle, wovon die meisten nicht mehr öffentlich zugänglich sind. Sehenswert sind die zwölf Paternoster-Kabinen im Laeiz-Hof (Trostbrücke 1). 

Frankfurt

In Frankfurt geht's sogar in einem Hotel rundherum per Paternoster: Wer mag, kann im historischen Fahrstuhl im Flemings Deluxe Hotel bis zur siebten Etage zum Club-Restaurant und zur Dachterrasse fahren, von wo aus man einen Rundumblick über Mainhattan hat.

Wiesbaden

Die Hessen wissen halt, was sie an ihren Paternostern haben. Selbst die Sanierer im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, die das Gebäude aus den 50er Jahren den Anforderungen der Gegenwart anpassten, ließen die Aufzüge des Kulturdenkmals unangetastet. 

Köln

In Köln brachte es der Paternoster im WDR-Funkhaus am Wallraff-Platz sogar zu Radio-Ehren, die Sendung WDR2-Paternoster wurde allerdings im August eingestellt. Den Paternoster selbst gibt es noch, er ist von außen zu sehen, aber nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Ähnliches gilt für das Hansa-Hochhaus: Der mit 15 Stockwerken und 26 Kabinen zweithöchste Paternoster Deutschlands wurde vor 90 Jahren von der Kölner Maschinenfabrik L. Hopmann eingebaut. Heute befindet er sich hinter einer Glastür und benutzen kann ihn nur, wen ein Hausbewohner hinein lässt. 

Gera

In den neuen Bundesländern laufen die meisten Paternoster unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine der wenigen Ausnahmen kreist im thüringischen Gera. Im Behördenhaus am Puschkinplatz kann man auch weiterhin ratternd rauf und runter fahren. 

Österreich

Auch Österreich fährt rundherum: Ein echter Dauerläufer ist der Paternoster im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz. Mit 105 Jahren ist er der älteste in der Alpenrepublik und für ausländische Gäste eine Attraktion. Eine chinesische Delegation, wird erzählt, traute sich erst nicht einzusteigen und wollte dann nicht mehr aussteigen. Die Russen, die von 1945 bis 1955 im Haus waren, seien oft im Kreis gefahren: "Für sie war es wie ein Ringelspiel", so der Hausverwalter in einem ORF-Gespräch. 

Schweiz

In der Schweiz kann man dieses Ringelspiel nur in Bern erleben. Wobei der Paternoster im Vergleich zu seinem Wiener Kollegen blutjung ist. Im ehemaligen Sportgeschäft Vaucher in der Altstadt, Marktgasse 37, wurde erst 1974 so ein Aufzug eingebaut, der sich bei der den Bernern größter Beliebtheit erfreute. Jetzt wird aus dem Vaucher-Haus ein Modebetrieb - aber der Paternoster darf weiter seine Runden drehen. 

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