Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Fussball > WM 2014 >

WM 2014: Was passiert wirklich in Sao Paulo?

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Krawalle und Medien  

Was passiert wirklich in Sao Paulo?

11.06.2014, 12:31 Uhr | , t-online.de

WM 2014: Was passiert wirklich in Sao Paulo?. Klare Botschaft: Viele Brasilianer protestieren gegen die WM im eigenen Land. (Quelle: Reuters)

Klare Botschaft: Viele Brasilianer protestieren gegen die WM im eigenen Land. (Quelle: Reuters)

Aus Brasilien berichtet Thomas Tamberg

Megastreik, Super-Stau, Stadiongelände besetzt, Stadion noch nicht fertiggebaut, Krawalle. Kurz und knapp: "Sao Paulo versinkt im Chaos". Zumindest lautete so eine Schlagzeile, die kürzlich über Nachrichtenticker lief. Angesichts der Meldungen der vergangenen Tage könnte es einem wahrlich Angst und Bange werden. Wie soll in der brasilianischen Metropole jemals das Eröffnungsspiel der WM 2014 zwischen dem Gastgeber und Kroatien (ab 21.45 Uhr im T-online.de-Liveticker) einigermaßen zivilisiert über die Bühne gehen? Anstatt voller Vorfreude zu sein, dass nach 64 Jahren das wichtigste Einzel-Sportereignis der Welt wieder in Brasilien stattfindet, scheint das Gastgeberland viel zu sehr mit seinen Problemen beschäftigt zu sein. Oder etwa nicht?

"Ich würde nicht von einer geringen Vorfreude sprechen, sondern eher von einer durch die Ereignisse getrübte. Sie litt durch die Demonstrationen gegen die negativen Aspekte der WM", sagt Henning Dauch. Anstatt das Geld in Infrastruktur, Schulen und Krankenhäuser zu investieren, versickerten Millionen Reais in den Taschen korrupter Geschäftemacher und überteuerten Stadien.

Willkommen in Campo Bahia 
So wohnt die DFB-Elf in Brasilien

14 luxuriöse Villen und ein Pool mit eigener WM-Bar warten auf die deutschen Spieler. Video

Stimmung besser als vermutet

Der 72 Jahre alte Dauch, ehemaliger Geschäftsführer der Swarovski-Dependance in Südamerika, lebt seit 1948 in Sao Paulo und kann die große Aufregung vor allem in der ausländischen Berichterstattung kaum nachvollziehen. "Die Stimmung war nie so schlecht, wie sie gemacht wurde, die Proteste seien völlig überbewertet", sagt er.

Im Ballungsgebiet Sao Paulo leben schätzungsweise 20 Millionen Menschen. So genau weiß das niemand. Hier gab und gibt es immer mal wieder Proteste. "Wenn 5000 Menschen auf die Straße gehen, dann ist das eine Minderheit im Vergleich zum Rest", sagt Dauch. Allerdings seien diese durch die bevorstehende WM plötzlich für die Medien von Bedeutung.

Die Medien spielen mit

Und ein wenig ist es so, dass sich Medien und Streikende gegenseitig hochschaukeln. "Streiks gibt es auf der ganzen Welt. Das hat im Grunde nichts mit der WM zu tun", sieht auch Brasiliens Rekord-Nationalspieler Cafu die Situation weniger dramatisch, als sie dargestellt wird. "Es ist bei uns ein Moment, in dem die Bevölkerung glaubt, dass man seine Stimme im Vorfeld der WM am deutlichsten hört", so der zweifache Weltmeister weiter.

Der Brasilianer ist eigentlich kein besonders politischer Mensch. In den vergangenen Jahren schaffte es das Land unter Präsident Lula, Millionen Menschen aus der Armut herauszuholen. Eine neue Mittelschicht entstand. Und die hat plötzlich ihre Stimme entdeckt. Da allerdings Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff die WM allzu sehr als Erfolg ihrer Arbeiter-Partei PT gefeiert haben, bekommen sie nun auch die Quittung. So gesehen kann man sagen, dass das weltgrößte Fußballturnier zur Politisierung der Brasilianer beigetragen hat.

UMFRAGE
Wie weit kommt die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien?

Jeder demonstriert für etwas anderes

Was allerdings in der Berichterstattung oft unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass die Streikenden oftmals für völlig unterschiedliche Sachen eintreten, bei denen das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Der eine protestiert gegen die Fahrpreiserhöhung von Bussen, der andere für die Erhaltung des Regenwaldes. Dazu nutzen Krawallmacher die Situation aus und versuchen die Ordnung zu stören, um Geschäfte zu plündern. Sie organisieren sich in sogenannten Black Blocks und sorgen bei Polizei und friedlichen Demonstranten gleichermaßen für jede Menge Frust.

Frust bauten zuletzt auch 150 streikende U-Bahn-Angestellte ab. Ihre Parolen, wie "es wird keine WM geben“, taugen zwar für eine gute Schlagzeile, einzig der Wahrheitsgehalt tendiert gegen Null. Da Sao Paulo verkehrstechnisch traditionell immer kurz vor dem Kollaps steht, wird angesichts ausfallender öffentlicher Verkehrsmittel schnell vom drohenden "Verkehrs-Infarkt" gesprochen.

Es ist ein Feiertag

Nur ein Randaspekt bleibt jedoch, dass die Regierung extra für den Tag des Eröffnungsspiels einen Feiertag angeordnet hat. "Die meisten Menschen werden zu Hause den Fernseher einschalten oder in irgendwelche nahegelegenen Lokale gehen, um sich mit anderen zu freuen", sagt Dauch. Es ist daher eher wahrscheinlich, dass man am Tag des Brasilien-Spiels so gut wie schon lange nicht mehr durch die Stadt fahren kann und die Fans ohne zusätzliche Probleme das Stadion erreichen.

Und selbst im Falle einer Auftaktpleite gegen Kroatien wird sich die Situation nicht verschärfen. "Die Brasilianer verknüpfen eine sportliche Niederlage nicht mit den Protesten gegen soziale Ungerechtigkeit", sagt Dauch. Höchstens die Black Blocks treten wieder auf den Plan. Doch ansonsten würden die Gastgeber einfach nur still in sich hinein trauern.

Der Taktik-Experte 
Christian Titz analysiert das DFB-Team

Der Fußballlehrer erklärt für t-online.de die Spielweise der DFB-Elf. mehr

Noch ein weiter Weg

Aber davon geht keiner aus - nicht nur in Sao Paulo. Die Stadt ist mittlerweile geschmückt und das WM-Fieber steigt. Dass das Land noch viele Reformen vor sich hat, ist jedem klar. Doch darunter soll der Fußball nicht leiden. "Es wird Zeit, dass der Ball endlich rollt", fiebert nicht nur Dauch dem Anpfiff entgegen. Er selbst hat übrigens die doppelte Staatsbürgerschaft und drückt Brasilien die Daumen.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Straßenlaterne rettet Leben 
Junge Frau hat das Glück ihres Lebens

An einer Kreuzung stoßen zwei Autos zusammen. Ein Peugeot verliert die Kontrolle, rast auf den Bürgersteig zu. Eine Straßenlaterne rettet einer jungen Passantin das Leben. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Jetzt EntertainTV Plus bestellen und 1 Jahr sparen!

EntertainTV Plus 1 Jahr statt 14,95 € für 4,95 €* mtl. sichern. www.telekom.de Shopping

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de
Sport von A bis Z

Anzeige
shopping-portal