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Frank Busemann: "Doper machen Leichtathletik kaputt"

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Vor der Leichtathletik-WM  

Busemann: "Sauberen Sport gibt es nicht"

19.08.2015, 05:25 Uhr | Sebastian Schlichting, t-online.de

Frank Busemann: "Doper machen Leichtathletik kaputt". Frank Busemann fordert, dass mehr für den Kampf gegen Doping getan wird. (Quelle: imago/nph)

Frank Busemann fordert, dass mehr für den Kampf gegen Doping getan wird. (Quelle: nph/imago)

Frank Busemann hat im Zehnkampf Olympiasilber 1996 und WM-Bronze 1997 gewonnen. Bei der am Samstag beginnenden Leichtathletik-WM wird Busemann als TV-Experte für die ARD dabei sein.

Im Vorfeld spricht der 40-Jährige über die deutschen Medaillenhoffnungen, ein weinendes Auge beim 100-Meter-Lauf und die aktuelle Dopingdiskussion. Komplett "sauberen Sport" gibt es für ihn nicht.

t-online.de: Herr Busemann, sieben Medaillen waren es bei der WM 2013. Davon vier Mal Gold. Was ist diesmal möglich?
Frank Busemann: Das ist nicht zu toppen. Aber mit der Prognose fünf Medaillen kann man nicht falsch liegen. Mindestens Platz fünf im Medaillenspiegel muss das Ziel sein.

Wo sehen Sie die größte Titelchance?
Christina Schwanitz im Kugelstoßen, ganz klar.

Schwanitz' Wettkampf ist am ersten Tag. Es heißt oft, ein früher WM-Titel würde einer ganzen Mannschaft Auftrieb geben.
Das sagen die Funktionäre (lacht). Nach meiner Erfahrung ist das schnuppe. Natürlich würden sich die anderen Athleten freuen und gratulieren. Aber dann sind alle schnell wieder im Tunnel der Vorbereitung. Wenn Schwanitz Gold holt, laufen die anderen trotzdem nicht drei Sekunden schneller.

Wo ist noch etwas in Sachen Edelmetall möglich?
Leider fehlt Robert Harting. Bei ihm konnte man ja immer schon vorab einen Haken für eine Medaille setzen. Er lässt die WM aus, weil er nach seiner Verletzung noch nicht so weit ist und konzentriert sich voll auf Olympia 2016. Ein Jahr vermeintlich zu verschenken, um für die Zukunft zu investieren – so geduldig war ich früher leider nicht. Ich dachte immer: los, ran, die Zeit läuft.

Wer springt in Peking für Diskuswerfer Harting in die Bresche?
An Raphael Holzdeppe führt im Stabhochsprung kein Weg vorbei. Ich freue mich riesig auf sein Duell mit Renaud Lavillenie. Der ist an sich unschlagbar, aber das war vor zwei Jahren auch so. In den Wurfdisziplinen sehe ich Betty Heidler, Thomas Röhler und natürlich David Storl vorn dabei.

Und in Ihrer früheren Disziplin, dem Zehnkampf?
Ashton Eaton ist der Top-Favorit. Ich erwarte von ihm in diesem Jahr sogar noch einen Weltrekord. Michael Schrader wird mit um die Medaillen kämpfen. Kai Kazmirek hat eine unglaubliche Wettkampfstärke. Er kann auf seine Bestleistung locker 150 Punkte raufpacken. Und dann mal sehen, was die Favoriten machen. Es gab schon Diskuswürfe auf nur 33 Meter.

Zum Beispiel von Ihnen selbst, bei Olympia 2000 in Sydney.
Genau. Im Zehnkampf kann alles passieren.

Der Zehnkampf ist diesmal spät im Zeitplan. Welche Tage haben Sie früher favorisiert?
Ich habe immer die Kugelstoßer beneidet. Am ersten Tag morgens Quali, abends Entscheidung, fertig. Andererseits sind ein, zwei Tage zur Eingewöhnung auch nicht schlecht. Ist man früh durch, und nicht verletzt ausgeschieden, kann man sich entspannt auf die Tribüne setzen und eine Bratwurst essen.

Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die WM?
Riesig. Das ist mein Sport, den ich immer geliebt und verehrt habe. Auch wenn er mich immer wieder enttäuscht.

Sie meinen die aktuellen Dopingenthüllungen.
Nicht nur. Als mein erster Sohn vor sieben Jahren geboren wurde, gab es grad den Fall Marion Jones…

…die ehemalige Weltklassesprinterin, die einräumte, jahrelang gedopt zu haben.
Da habe ich zu meiner Frau gesagt: "Ich möchte nicht, dass unser Sohn später Sport macht. Wenn er sauber ins Ziel kommt, wird er sich rechtfertigen müssen, warum er Bestleistung gelaufen ist."  Sie hat gesagt, dass es Kindern nicht um Geld, Ruhm und Ehre geht, sondern um das Wettrennen. Sie hatte Recht. Das sind die Dinge, die auch mich glücklich gemacht haben. Unser Sport ist großartig, aber die Doper machen ihn kaputt.

Über der WM liegt bereits vor dem Start ein dunkler Schatten.
Der liegt seit Jahren über der Leichtathletik. Das Gute diesmal ist, dass nicht wie sonst nach einem Skandal nach zwei Wochen zum Alltag übergegangen wird. Für die jetzigen Athleten, die sauber sind, ist die Situation totaler Murks. Sie müssen sich dauernd rechtfertigen und stehen unter  Generalverdacht. Aber wir können und dürfen das nicht totschweigen. Wir sind ohnehin seit längerer Zeit auf dem Weg, so zu werden wie der Radsport.

Sie schwanken zwischen Faszination und Misstrauen?
Nehmen wir die 100 Meter der Männer. Alles entscheidet sich auf einen Schlag in unter zehn Sekunden. In der Tat faszinierend. Aber ich habe auch ein weinendes Auge: Mit Justin Gatlin, Tyson Gay und Asafa Powell sind drei Mann aus der Weltklasse des Dopings überführt worden. Warum sind die jetzt schneller als zu der Zeit, in der sie gedopt  haben? Das verstehe ich nicht.

Haben Sie die Enthüllungen im ARD-Bericht "Geheimsache Doping" überrascht?
Ich hatte damit gerechnet. Aber bei so viel Unverfrorenheit mancher Athleten bleibt einem schon die Luft weg. Das ist niederschmetternd.

Was muss sich ändern im Kampf gegen Doping?
Die Prämien für die Topstars müssten um 10 bis 20 Prozent runtergesetzt werden. Usain Bolt merkt doch kaum, ob er neun oder zehn Millionen im Jahr verdient. Dann wäre viel Geld für den Anti-Doping-Kampf da. Allerdings sind die Kontrolleure immer einen Schritt hinter den Dopern. Die Frage ist, ob sich der Abstand mit mehr Geld verkleinern ließe. Besser wäre es, schon in der Grundschule auf Kinder einzuwirken.

Inwiefern?
Mit einem Fach "Fairer Sport". Wer als 10-Jähriger weiß, dass er nicht bescheißen darf, macht es auch als 20-Jähriger nicht. Aber insgesamt denke ich, dass es nur über harte Sanktionen geht. Berufsverbot,  rückwirkende Strafen, Zurückzahlen von Prämien. Das ist juristisch nicht durchsetzbar, habe ich mir sagen lassen. Aber wer zwei Millionen Euro verdient hat, dem tut eine zweijährige Sperre, während der er in der Südsee Urlaub macht, nicht mehr weh.

Lamine Diack, der scheidende Präsident des Weltverbandes IAAF, nennt die aktuelle Diskussion "hysterisch", die Maßnahmen gegen Doping seien "vorbildlich".
Das ist der Sprachgebrauch der IAAF. Man wirft halt im eigenen Verband keine Bombe. Das überrascht mich nicht. Die Frage ist: Was weiß er wirklich?

Wird in Deutschland genug gegen Doping getan?
Mehr geht immer. Aber in Deutschland wird der Kampf etwas aufrichtiger geführt als anderswo. Es geht schließlich auch um den Schutz der Athleten. Dass sie gesund 80 Jahre alt werden können und nicht wegen Doping mit 40 beispielsweise einen Herzinfarkt kriegen. 

Robert Harting hat nun mit anderen Sportlern in Form einer Videobotschaft eine Kampagne gestartet. Eine gute Maßnahme?
Er ist ein Dampfhammer. Ich bewundere ihn immer wieder dafür, dass er einen 'Arsch in der Hose' hat. Ich hätte mich so etwas zu meiner aktiven Zeit nicht getraut und finde es hochgradig beeindruckend.

Kann sich durch solche Aktionen etwas ändern?
Wer sich offensiv gegen Doping stellt, erntet eine Welle der Entrüstung in der Öffentlichkeit nach dem Motto "Wie kannst Du nur. Ihr dopt doch eh alle." Das ist traurig. Aufgrund des psychischen Drucks, denen aktive Sportler dann ausgesetzt sind, sehe ich eher Funktionäre und Sportrentner wie mich in der Pflicht. Aber Harting ist nicht irgendwer. Diese Aktion kann eine Initialzündung sein.

Hin zum sauberen Sport?
Den gibt es nicht. Es gibt nur saubere Sportler. Je mehr das sind, desto näher sind wir an der Chancengleichheit. Der Weg dahin ist jedoch weit. Ich habe von jemandem gehört, dass ein Weltmeister aus einem anderen Land zu ihm gesagt hat: "Ihr Deutschen seid doch doof. Nehmt doch Wachstumshormone. Da geht ihr ab wie eine Rakete." Als wäre das komplett normal, so etwas zu nehmen. Da fällt dir nichts mehr ein.

Sie haben schon öfter betont, dass Sie für keinen Athleten die Hand ins Feuer legen würden.
Wenn meine Kinder so einen Mist machen würden, könnte ich ihnen einen Tritt in den Hintern verpassen. Für andere kann ich nicht garantieren. Bei Athleten, denen ich früher nahgestanden habe, habe ich das Gefühl,  ihnen zu  glauben. Wissen tue ich es nur bei mir selbst.

Das Interview führte Sebastian Schlichting

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