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Kaiserschnitt mit Vollnarkose - Geburt ohne Erinnerung

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Kaiserschnitt mit Vollnarkose  

Geburt ohne Erinnerung

23.11.2015, 11:44 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Kaiserschnitt mit Vollnarkose - Geburt ohne Erinnerung. Jede Geburt ist ein Kraftakt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Fremdeln mit dem eigenen Kind - nach einem Kaiserschnitt passiert das häufig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein Kaiserschnitt ist eigentlich ein medizinischer Segen. Denn er kann bei unerwarteten Geburtskomplikationen Leben retten. Dennoch kämpfen viele Frauen lange mit den Folgen einer solchen Operation - besonders, wenn eine Vollnarkose verhindert, dass sie die Geburt bewusst miterleben.

Jedes dritte Baby wird heute in Deutschland durch einen Kaiserschnitt entbunden. Meistens wird vor diesem Eingriff eine Rückenmarksanästhesie durchgeführt, so dass die Mutter wach bleibt. Dann können die  werdenden Eltern gemeinsam die Geburt miterleben und ihr Kind sofort im Arm halten.

Sekundärer Kaiserschnitt raubt das Geburtserlebnis

Treten jedoch während eines anfänglich normalen Geburtsverlaufs schwerwiegende Komplikationen auf, bleibt oftmals nur der Kaiserschnitt mit Vollnarkose, ein sogenannter sekundärer Kaiserschnitt.

"In seltenen Fällen kommt es auch vor", erläutert die Diplompädagogin Heinrike Pfohl vom Verein Kaiserschnittstelle in Hannover, "dass sich Frauen ausdrücklich einen solchen Eingriff wünschen, weil sie sich bei einer Rückenmarksanästhesie nicht vorstellen können, im wachen Zustand 'bei lebendigem Leib‘ aufgeschnitten zu werden."

Enttäuscht, kraftlos und traumatisiert

Andrea aus Frankfurt hat den Kaiserschnitt mit Vollnarkose vor fast 20 Jahren erleben müssen, als die Geburt ihres ersten Sohnes nach zehn Stunden Wehen keinen Fortschritt mehr machte. "Dann musste alles sehr schnell gehen", erinnert sie sich, "weil bei unserem Baby die Gefahr bestand, dass es zu wenig Sauerstoff bekam." Was sie damals erlebte, beschäftigt Andrea bis heute, zumal ihre Tochter zwei Jahre später ebenfalls per Kaiserschnitt geboren wurde. "Ich bedaure sehr, dass ich es nicht geschafft habe, auf normalem Weg zu entbinden und dass bei mir für die entscheidenden Minuten ein Blackout besteht. Das macht mich bis heute traurig.“

Eine solche Reaktion sei typisch, sagt Diplompädagogin Pfohl, die sich seit 2008 gemeinsam mit drei Kolleginnen in der Hannoverischen Initiative um betroffene Mütter kümmert. "Die Frauen, die bei uns Unterstützung suchen, empfinden eine Kaiserschnittgeburt als traumatisch und enttäuschend - ganz besonders, wenn eine Vollnarkose gemacht wurde. Vorherrschend ist bei vielen dann das Gefühl, als Frau versagt zu haben, weil sie nicht aus eigener Kraft ihrem Kind auf die Welt helfen konnten. Diese Kraftlosigkeit zeigt sich häufig noch Monate nach der Geburt durch körperliche Schwäche. Das seelische Problem spiegelt sich so gewissermaßen im Physischen wieder."

Ohnmacht und Blackout

Großen Leidensdruck bereitet Müttern aber auch, den Geburtsmoment und die ersten Stunden mit ihrem Baby nicht erlebt zu haben. Unwiederbringliche Augenblicke wie der erste enge Körperkontakt sind verloren und können nicht mehr nachgeholt werden.

Einsam im Aufwachraum

Hinzu käme danach die belastende Situation im Aufwachraum. In zahlreichen Kliniken seien die Mütter nämlich, wie nach einer normalen OP, erst einmal sich selbst überlassen. Niemand sei da, der ihnen berichten kann, was passiert ist. Der Partner kümmere sich meist gerade um das Baby. "Bei vielen löst diese Ungewissheit nicht nur ein Gefühl der Angst, sondern auch der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins aus. Die Mütter registrieren zwar, dass das Baby nicht mehr im Bauch ist, sie wissen aber nicht, ob es ihrem Kind überhaupt gut geht und wie es aussieht."

Die Heultage halten an

Auch die Tage nach dem Kaiserschnitt im Krankenhaus belasten die frisch Operierten sowohl körperlich als auch psychisch: Sie sind schlapp und haben Schmerzen und können sich aus diesem Grund nicht selbstständig um ihr Baby kümmern.

Hinzu kommt, dass das Stillen häufig erschwert oder zumindest verzögert anläuft: Der hormonell initiierte Milcheinschuss setzt nämlich später ein, weil die Mutter ihr Neugeborenes nicht sofort sehen konnte. Und die Babys sind oftmals zu kraftlos zum Saugen, weil auch an ihnen die Narkose meist nicht spurlos vorüber gegangen ist.

Fremdeln mit dem eigenen Baby

Aufgrund solcher Probleme gelingt es vielen Kaiserschnitt-Gebärenden in den ersten Tagen nicht, unbeschwert ihr Baby zu genießen. "Etliche Mütter haben sogar Schwierigkeiten zu glauben, dass es wirklich ihr Kind ist. Sie wissen zwar rational, dass es sich um ihr Fleisch und Blut handelt, aber diese Tatsache deckt sich nicht mit ihren Gefühlen“, sagt Pfohl.

Befeuert werde das Fremdeln noch zusätzlich, wenn die Neugeborenen ihren Müttern bei der ersten Begegnung nicht nackt, sondern frisch gebadet und angezogen präsentiert würden. Der erste bindende Hautkontakt, wie nach einer natürlichen Entbindung, fehle damit.

Große seelische Narben

Wie groß ihre "Narben" wirklich sind, wird vielen Mütter oft erst Wochen oder sogar Jahre nach der Geburt bewusst. Manche wenden sich aber bereits wenige Tage nach der OP hilfesuchend an Initiativen wie die Kaiserschnittstelle, um aus ihrem emotionalen Tief wieder herauszufinden. Manifestiert hat sich bis dahin bei den meisten das Gefühl, keine vollwertige Frau zu sein und als Mutter versagt zu haben, erzählt Therapeutin Pfohl. Bei einigen sei es aber auch nur ein anhaltendes, vages Unwohlsein, das sie nicht konkret zuordnen könnten.

Die seelische Not nach Kaiserschnitt-Trauma überwinden

Wie aber kann Müttern, die sich um das Geburtserlebnis betrogen fühlen, geholfen werden? "Viele solcher traumatisierten Frauen haben ein großes Bedürfnis zu verstehen, warum sie sich so schlecht fühlen und warum sie im Vertrauen zu sich selbst, aber auch zu den Ärzten und zum Partner so erschüttert sind. Da stärkt es am meisten, wenn über das Erlebte beziehungsweise Nichterlebte gesprochen werden kann. Es hilft ihnen, den Ablauf der OP nochmal - etwa mit der verantwortlichen Hebamme - ausführlich zu analysieren und sich zudem die Gründe für den Eingriff bewusst zu machen."

Alle erwarten eine glückliche Mutter

Eine wertvolle Unterstützung bei der Verarbeitung des Kaiserschnitt-Traumas sei außerdem, so der Rat der Expertin, sich mit anderen betroffenen Müttern auszutauschen. Die Frauen stießen nämlich sonst in ihrem sozialen Umfeld häufig auf Unverständnis. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung gehe davon aus, dass ein frisch gebackene Mutter, die ein gesundes Baby zur Welt gebracht hat, eigentlich glücklich und dankbar sein müsste.

Erinnerungsfotos und Videos von der Entbindung, wie es sich Mütter manchmal wünschen, könnten hier zusätzlich gute Dienste leisten. Doch diese Option bleibt wohl eher theoretisch. Denn ein Vollnarkose-Kaiserschnitt ergibt sich fast immer aus einer Notsituation, in der das Helferteam keine Zeit hat, den Geburtsmoment bildlich zu verewigen, genauso wenig wie der Vater des Babys. Er darf während der Operation nämlich nicht dabei sein.

"Bounding-Bad" mit Tiefenwirkung

Als Balsam für die mütterlichen Seelen hat sich dagegen schon tausendfach ein Baderitual bewährt, das die Schweizer Hebamme Brigitte Meissner entwickelt hat. Dabei ist die Grundidee, einen natürlichen Geburtsverlauf in einer heimeligen, vertrauten Umgebung zu wiederholen, indem das Baby gebadet wird und dann der Mutter nass und nackt auf die Brust gelegt wird. Diese intensiven Kuscheleinheiten mit viel Zeit und Ruhe schaffen nicht nur größte Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, sondern versöhnen die Frauen zumeist auch ein Stück weit mit der Kaiserschnitt-Entbindung.

Auch der Blick nach vorne sollte bei der Bewältigung der belastenden Erfahrungen nicht außer Acht gelassen werden. Denn Schmerz und Ängste könnten weiterhin die gesamte Phase der Familienplanung überschatten, betont die Expertin. Deshalb sei es ratsam, vor einer weiteren Schwangerschaft selbstbewusst und zuversichtlich einen Wunsch-Fahrplan für eine kommende Geburt zu entwickeln, um sich nicht schon im Vorfeld selbst zu blockieren. "Ganz wichtig ist dabei, dass Müttern die Angst vor dem Mythos 'Einmal Kaiserschnitt- immer Kaiserschnitt' genommen wird. Das ist nämlich eine Mär, die leider immer noch kultiviert wird. Wenn keine zwingenden medizinischen Gründe vorliegen, kann eine Frau sehr wohl weiterhin Kinder auf natürlichem Weg zur Welt bringen.“

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