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Depressionen durch Kalziummangel

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Ein rätselhafter Patient  

Depression und kribbelnde Füße

03.11.2014, 10:00 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Depressionen durch Kalziummangel. Erst eine Gehirn-, Herz- und Blutuntersuchung gibt Aufschluss, weshalb der Patient unter Depressionen leidet. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Erst eine Gehirn-, Herz- und Blutuntersuchung gibt Aufschluss, weshalb der Patient unter Depressionen leidet. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein 22-Jähriger ist müde und antriebslos, seine Ärzte diagnostizieren eine Depression. Doch als sie das Gehirn und das Herz des Mannes untersuchen, erkennen sie: Seine Gemütslage muss eine körperliche Ursache haben.

Als sich der 22-Jährige in die Klinik in Sapucaia do Sul, einer Stadt im Süden Brasiliens, einweisen lässt, fühlt er sich vor allem leer. Seit drei Monaten ist er immer müde, schläft aber schlecht, mag nichts mehr unternehmen, hat stark abgenommen und denkt viel an den Tod.

Der Mann kennt eine solche Gemütslage bislang nicht. Er nimmt keine Drogen und trinkt keinen Alkohol. Die einzigen Krankheiten, unter denen er leidet, sind chronische Magenschmerzen, aufgrund derer er seit fünf Jahren den Säurehemmer Omeprazol nimmt. Außerdem hat er epileptische Anfälle, gegen die er Valproinsäure schluckt.

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Neu ist für ihn auch, dass seine Zehen häufig und scheinbar ohne Grund kribbeln. Als die Ärzte den Mann körperlich untersuchen, finden sie nichts Auffälliges, auch nicht an den Füßen oder Zehen. Ein Psychiater diagnostiziert nach einem eingehenden Gespräch eine Depression.

Erstaunliche Entdeckungen bei Routineuntersuchung

Um eine körperliche Ursache für eine psychiatrische Erkrankung auszuschließen, machen die Mediziner routinemäßig Computertomographie-Aufnahmen vom Gehirn, analysieren das Blut und untersuchen weitere Organe wie etwa das Herz. Oft ergeben diese Untersuchungen keine krankhaften Befunde.

Nicht so bei dem Patienten: Schon auf den CT-Bildern von seinem Kopf fällt auf, dass sich symmetrisch in beiden Gehirnhälften Kalzium im Bereich der sogenannten Basalganglien abgelagert hat, die an vielen Bewegungsabläufen, aber auch an psychodynamischen Prozessen wie Antrieb oder Affekt beteiligt sind.

Auch das EKG ist auffällig: Die elektrische Signalübermittlung im Herzen scheint immer wieder gefährlich aus dem Takt zu geraten. Im Blut ist ebenfalls einiges durcheinander. Der Kalzium- und der Magnesiumspiegel sind viel zu niedrig, dafür schwimmt zu viel Phosphat in seinem Serum. Andere wichtige Parameter wie die Schilddrüsenhormone, Nierenwerte und Vitamin D sind dagegen normal.

Ein kompliziertes Puzzle

Den Ärzten gelingt es, die Puzzleteile aus depressiven Symptomen, Herzrhythmusstörungen, Ablagerungen im Gehirn und Elektrolytverschiebungen richtig zusammenzusetzen: Sie glauben, dass der Mann unter einem Hormonmangel mit dem komplizierten Namen Hypoparathyreoidismus leidet.

Parathormon (PTH) ist ein Hormon, das in den Nebenschilddrüsen gebildet wird und im Zusammenspiel mit anderen Faktoren den Kalzium- und Phosphatspiegel reguliert. Vereinfacht gesagt: Ist zu wenig Kalzium im Blut, wird mehr PTH ausgeschüttet, ist zu viel vorhanden, wird weniger PTH produziert (sogenannter Hypoparathyreoidismus). Mit Phosphat ist es genau anders herum.

Auch das Magnesium ist in diesen Rückkopplungskreislauf eingebunden. Allerdings bewirkt ein chronischer Magnesiummangel, dass nur noch wenig PTH ausgeschüttet wird - dann ist ein niedriger Kalziumspiegel im Blut die Folge. Kalzium spielt wiederum als lebenswichtiges Elektrolyt eine wichtige Rolle bei der Signalübermittlung im Gehirn und in der Muskulatur. Das erklärt die Herzrhythmusstörungen des Patienten und das Kribbeln in seinen Füßen.

Woher kommt der Magnesiummangel?

"Wir beschreiben hier einen ungewöhnlichen Fall", schreiben die Ärzte um Regis Rosa vom Hospital Municipla Getúlio Vargas, im "Journal of Medical Case Reports". "Es ist eigentlich untypisch, dass sich ein Hypoparathyreoidismus primär als Depression zeigt."

Untypisch ist auch die Ursache des Mangels an Parathormon: Die Ärzte sind sich sicher, dass der langjährige Gebrauch des Säurehemmers Omeprazol Schuld daran ist, den der Patient gegen seine chronischen Magenschmerzen nimmt. Bereits seit Jahren mehren sich die Berichte über schwere Fälle von Magnesiummangel im Zusammenhang mit der Arznei.

Therapeutisch verordnen die Ärzte dem Patienten unter anderem Kalzium, Magnesium und ein Antidepressivum. In den folgenden 41 Tagen im Krankenhaus nehmen seine depressiven Beschwerden deutlich ab - ob durch die Antidepressiva oder durch den verbesserten Elektrolyt-Spiegel, können die Mediziner nicht sagen. Sie schreiben aber in ihrer Diskussion, dass in der Literatur immer wieder berichtet werde, dass Antidepressiva in ähnlichen beschriebenen Fällen nicht geholfen hätten.

Als der Mann entlassen wird, hat er normale Kalzium- und Magnesiumwerte. Auch bei einem Routine-Check-up zwei Monate später geht es ihm gut.

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