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So entwickeln sich Gehirn und Nervensystem bei Kindern

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Lernerfahrungen sind entscheidend  

So entwickeln sich Gehirn und Nervensystem bei Kindern

12.11.2017, 16:50 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

So entwickeln sich Gehirn und Nervensystem bei Kindern. So entwickeln sich Gehirn und Nervensystem (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/gpointstudio)

Ein liebevoller Umgang mit dem Kind, vereinfacht und beschleunigt dessen Entwicklung. (Quelle: gpointstudio/Thinkstock by Getty-Images)

Bereits in der dritten Schwangerschaftswoche beginnt das kindliche Gehirn sich zu entwickeln. Und mit ihm das Nervensystem. Bis zum Ende des zweiten Monats – zu einem Zeitpunkt also, an dem die Frau gerade erst von ihrer Schwangerschaft erfahren hat – sind Gehirn und Rückenmark bereits fast vollständig angelegt. Die Entwicklung allerdings ist noch längst nicht abgeschlossen.

Bei der Geburt: viele Nervenzellen, aber nur wenige Verbindungen

Im Gehirn eines Ungeborenen ist einiges los. Unzählige Nervenzellen bilden sich und werden teilweise noch vor der Geburt wieder abgebaut. Ein ganz natürlicher Vorgang: "Im frühen Stadium der Entwicklung des Nervensystems werden sehr viele Zellen gebildet. Neuronen, die nicht in der Lage sind, eine bestimmte Zahl an Verschaltungen auszubilden, sterben in der Folge ab", erklärt Professor Kerstin Konrad vom Lehr- und Forschungsgebiet Klinische Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Aachen. "Diese Abbauprozesse sind wichtig, damit sich im entwickelnden Gehirn effiziente neuronale Netzwerke ausbilden können."

Das zarte Netz braucht Schutz von außen

Durch dieses sich im Entstehen befindliche neuronale Netz kann ein Embryo bereits im Mutterleib Informationen aufnehmen und verarbeiten. Die Stimmen der Eltern oder das Krähen des Geschwisters führen zum Beispiel bereits in sehr frühem Stadium dazu, dass das Kind den Sprachrhythmus der Muttersprache verinnerlicht und Personen wiedererkennt. Auch auf Musik reagieren viele Ungeborene.

Doch die sich gerade im Aufbau befindlichen Strukturen sind äußerst empfindlich gegenüber Einflüssen von außen. Nicht nur Alkohol, Medikamente oder Rauchen können zu Schädigungen führen, sondern auch Strahlung, Jodmangel oder Infektionskrankheiten können dem sich entwickelnden Nervensystem gefährlich werden. 

Reflexe sind einfache Verschaltungen

Wenn man sein Neugeborenes das erste Mal im Arm hält, wirkt es wie ein fertiger Mensch. 100 Milliarden Neuronen weist sein Gehirn bereits auf. Und doch reagiert es mit Reflexen. Der Grund: Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen müssen sich erst aufbauen: "Wann es genau zur Bildung von Synapsen kommt, ist von Gehirnregion zu Gehirnregion verschieden. Allein das Großhirn besteht aus einem unüberschaubaren Netzwerk aus über 20 Milliarden Neuronen, wobei jedes einzelne Neuron mit jeweils bis zu 10.000 anderen Neuronen verbunden sein kann."

In den ersten Lebensmonaten passiert viel: nicht nur die Größe des kindlichen Gehirns nimmt zu, die Nervenfasern werden auch wie Kabel gebündelt und ummantelt. So können Informationen im Gehirn schneller weitergeleitet werden. 

Kinder brauchen die Möglichkeit, zu lernen

Ist im Alter von etwa zwei Jahren die endgültige Dicke der meisten Nervenfasern erreicht, ist das Kleinkind in der Lage, auch komplexere Bewegungsvorgänge problemlos zu bewältigen. Die Vernetzung zwischen den Nervenzellen ist mit drei Jahren auf ihrem Höhepunkt angelangt, jede Nervenzelle ist mit Tausenden anderen verbunden: Ein Kind in diesem Alter hat doppelt so viele Verbindungen wie ein Erwachsener. Art und Anzahl der sich formenden und bestehen bleibenden Synapsen hängt dabei stark mit der Umwelt und den speziell erlernten Fähigkeiten zusammen. Kinder sind also zum einen zwar extrem anpassungs- und lernfähig, brauchen zum anderen aber entsprechenden Input. 

Erinnerungen werden nicht nur im Gehirn gespeichert

Ein sechs Monate altes Baby, so sagt man, kann Erlebtes nur 24 Stunden lang abrufen, ein neunmonatiges hat ein Erinnerungsvermögen von einem Monat. Die Erinnerungszeiträume entwickeln sich in kleinen Schritten und erst langsam setzt ein Langzeitgedächtnis ein. Doch wer glaubt, ein Baby könne sich an nichts erinnern, der irrt. Was allerdings stimmt, ist, dass wir uns als Große nicht an unsere Baby- und Kleinkindzeit erinnern können. Erst ab dem Alter von etwa drei Jahren werden sehr einprägende Erlebnisse abgespeichert. Unbewusste Vorgänge allerdings laufen immer ab und werden auch gespeichert.

Aus Amerika kommt eine Bewegung, die auch bei uns immer mehr Zuspruch findet: das Body Mind Centering. Christiana Charalambous, somatische Bewegungstherapeutin in Berlin, fasst zusammen: "Im BMC geht man davon aus, dass jede Bewegung die Basis unseres Lernens ist. Wir lernen und entwickeln uns schon im Mutterleib durch Bewegung." Dabei kommt es zu einem Energiefluss in den Zellen und gravierende Erinnerungen werden dort gespeichert und können noch Jahrzehnte später, ebenfalls wieder über Bewegungen, abgerufen werden. "Dazu gehören auch Erlebnisse, bei denen das Gehirn sich weigert, sie abrufbar zu speichern und die sich dann an anderer Stelle im Körper manifestieren und so zu schweren psychosomatischen Beschwerden führen können."

Nicht zuletzt deswegen sehen Fachleute es als immens wichtig an, dass ein Kind in einer freundlichen und sicheren Atmosphäre lernen darf. So ruft es Prozesse ab, die es bereits kennt und baut darauf auf. Frei nach dem Motto: Mit je mehr Freude man etwas lernt, desto einfacher ist es. Mit zunehmender Entwicklung des logischen Denkens und des sozialen Verhaltens, das sich ja an Erfahrungen orientiert – also etwa mit Beginn der Schulzeit – steigert sich dann auch das Erinnerungsvermögen. Doch nicht nur das, auch die sprachlichen Fähigkeiten sowie das räumliche Vorstellungsvermögen werden besser. 

Wegen Umbau geschlossen

Früher dachte man, das Gehirn sei mit sechs Jahren ausgebildet. Heute weiß man: Zu Beginn der Pubertät, etwa mit zehn Jahren, fängt das Gehirn an, aufzuräumen und Überflüssiges wegzuwerfen. Und das kann bis ins dritte Lebensjahrzehnt dauern. Nicht benötigte Verbindungsstellen werden abgebaut, andere Nervenfasern verstärkt genutzt.

Das bedeutet, dass Eltern ihr Kind manchmal kaum wiedererkennen. Das bedeutet aber auch, dass das, was das Kind bis dahin gelernt hat, Einfluss nimmt auf die Struktur seines Gehirns. "Wir sprechen hier vom ‚Use it or lose it‘-Prinzip", erklärt Kerstin Konrad. Die Neurologin beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und hat bereits Hunderten von Jugendlichen über Bildgebungsverfahren in den Kopf geschaut. "Für die dauerhafte Etablierung von neuronalen Netzwerken sind die Aktivitäten und Lebenserfahrungen in der Kindheit und Jugend entscheidend."

Früher dachte man, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Heute weiß man: Was mal eingefahren ist, ist nicht mehr so leicht zu verändern, aber: Lernen und damit neue Verbindungen aufbauen bzw. alte umlenken können Gehirn und Nervensystem lebenslang.

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