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Gefangen in Mossul: Wie ein Mädchen den IS-Terror überlebte

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"Meine Träume wurden zu einem Nichts"  

Wie ein Mädchen den IS-Terror überlebte

06.12.2017, 12:18 Uhr | AP, pdi

Gefangen in Mossul: Wie ein Mädchen den IS-Terror überlebte. Die jetzt 17-jährige Ferah musste mit ansehen, wie ihr Zuhause vom IS okkupiert wurde.  (Quelle: AP/dpa)

Die jetzt 17-jährige Ferah musste mit ansehen, wie ihr Zuhause vom IS okkupiert wurde. (Quelle: AP/dpa)

Im Sommer 2014 besetzt der Islamische Staat. Ein Mädchen findet seinen eigenen Weg, den Terror zu überleben. Es sind fast drei Jahre einer äußerlichen Isolation - und innerlichen Stärke.

Kurz nach ihrem 14. Geburtstag begann Ferah, in ihrem Zimmer eine eigene Welt zu schaffen. Eine Welt mit Schmetterlingen aus Papier, Lichtern, die sie an einer Schnur aufreihte, mit inspirierenden Botschaften, die sie an die Wand über ihrem Bett klebte. Eine Welt, die ihr Schutz vor den Schrecken draußen in ihrer Heimat Mossul bieten sollte.

Ein paar Monate zuvor, im Sommer 2014, war die irakische Stadt von der Terrormiliz Islamischer Staat eingenommen worden, und fast drei Jahre lang wurde das Zimmer in ihrem Elternhaus Ferahs Zufluchtsort. Dort verfasste sie auch ein Facebook-Journal, in dem sie ihre Hoffnungen und Ängste ausdrückte, einen Einblick in die tägliche Herausforderung gab, unter der Terrorherrschaft des IS zu überleben.

"Die Zukunft ist vorbei"

"Was ist das Problem?" schrieb der Teenager in einem fiktiven Dialog. Antwort: "Die Zukunft ist vorbei. Sie ist zusammengebrochen." Frage: "Wie kann ich deine Gefühle verstehen?" Antwort: "Lebe inmitten von Daesh... Versuche zu träumen, inmitten von Daesh." Daesh ist das arabische Akronym für den IS.

Die Besetzung von Mossul durch die Islamisten-Miliz stürzt Ferah in die Isolation. Ihre Freunde fliehen aus der Stadt, auch ihre zwei ältesten verheirateten Schwestern mit eigenen Familien. Ferah hört auf, zur Schule zu gehen, hat Angst vor den Mädchen in ihrer Klasse, die sich mit dem IS identifizieren.

Draußen ist es zu gefährlich. Die Religionspolizei der Besatzer hält nach nur kleinsten Anzeichen von "Sünde" Ausschau. Vor dem Haus von Ferahs Onkel zerren sie ein Mädchen mit sich: Im Schwung des Gehens ist unter seinem vorgeschriebenem langen Gewand etwas Rotes hervorgeblitzt - ein verbotener Farbtupfer.

Eigene Welt im Kinderzimmer

Nicht weit von Ferah entfernt werden ein Junge und ein Mädchen getötet, die beide zufällig zur selben Zeit auf das Dach ihrer benachbarten Elternhäuser gegangen sind, um in der Brise etwas Abkühlung zu suchen. Die Religionspolizei sieht sie und vermutet sofort unanständige Absichten. Das Mädchen wird vor der eigenen Tür zu Tode gesteinigt.

Um die Zeit unter IS-Herrschaft zu überleben, schuf sich Ferah in ihrem Zimmer ihre eigene Welt.  (Quelle: AP/dpa)Um die Zeit unter IS-Herrschaft zu überleben, schuf sich Ferah in ihrem Zimmer ihre eigene Welt. (Quelle: AP/dpa)

Ferah, ihre Eltern und eine ältere Schwester bleiben so viel im Haus wie möglich. Das Mädchen flüchtet sich ins Internet, bleibt bis spät in die Nacht online. Im Laufe der Zeit folgen ihr auf Facebook mehr als 6000 Menschen, die ihr Mut zusprechen, Hoffnung machen, ihre Freunde werden. Immer mehr zieht sich Ferah in ihre eigene Welt zurück, schmückt ihr Zimmer. Ein Poster, das sie aus dem Internet ausdruckt und an die Wand pappt, zeigt ein Mädchen mit Elfenflügeln, gepaart mit der Frage "Was, wenn ich falle?" und der Antwort "Aber mein Liebling, was, wenn du fliegst?"

Ferah verbessert auch ihre Englischkenntnisse, indem sie YouTube-Videos anschaut. Sie lädt arabische Übersetzungen von Selbsthilfe-Büchern herunter. "The 7 Habits of Highly Effective Teens" (übersetzt ungefähr Sieben Wege für Teens zur höchsten Effektivität) liest sie gleich zwei Mal. Weg Nummer 1: "Sei initiativ." Sage dir selber, "ich steuere mein Leben. Ich kann mein Verhalten selber bestimmen".

Vertreibung aus dem Haus

So versucht Ferah, sich mit Positivem zu beschäftigen. Sie lernt, wie man Kleider näht und bastelt für Freunde Geschenke aus buntem Papier. An ihrem 16. Geburtstag gibt es eine bittere Überraschung: Die Militanten kappen den Internetzugang in ganz Mossul.

Ferah schreibt nun nur für sich selber - und kämpft weiter gegen ihre eigene Verzweiflung an. "Keiner kann dich aufhalten, wenn du dem vertraust, was in deinem Innern steckt, wenn das Überleben in deinem Herzen ist, auch wenn dein Körper am Ertrinken ist, wenn Licht in dir scheint, auch wenn dich Dunkelheit umgibt", schreibt das Mädchen. "Auch wenn die Schwierigkeiten wachsen, werde ich nicht zerbrechen. Geh nur weiter, Krieg, werde schlimmer."

Und es wird schlimmer, auch als Anfang 2017 die Befreier kommen. IS-Kämpfer beschlagnahmen das Haus von Ferahs Eltern, um von dort aus irakische Kräfte aus dem Hinterhalt anzugreifen. Die Familie sucht Zuflucht bei einem Nachbarn, harrt in einem Zimmer aus, während draußen die Schlacht tobt, Granaten explodieren, Maschinengewehre rattern. Dann ein gewaltige Erschütterung, das Licht im Zimmer geht aus. Der Kampf ist vorbei. Die Militanten fliehen, irakische Soldaten übernehmen die Kontrolle.

"Mein Herz ist in Flammen aufgegangen"

Aber bevor sie flüchten, haben die IS-Kämpfer noch Sprengsätze in Ferahs Elternhaus gezündet: Das Mädchen muss mit ansehen, wie Flammen in seinem Zimmer lodern, mit all den kleinen Dingen, die sie Ferah geschaffen hat: den Schmetterlingen, Lichterketten, den genähten Kleider - alles wird Asche. "Ich sah meine Träume...als sie zu einem Nichts wurden", schreibt das Mädchen danach. "Mein Vertrauen in morgen ist dahin... Mein Herz ist in Flammen aufgegangen."

Und doch ist es nicht das Ende. Die Familie baut das Haus wieder auf, Ferah gewinnt ihr Vertrauen zurück. Heute ist sie 17, geht zur Schule und träumt wieder von der Zukunft. Und sie blickt vor allem auf ein paar besondere Zeilen zurück, die sie im Kampf gegen eigene Hoffnungslosigkeit geschrieben hatte. "Guten Morgen an alle, die Schönheit in sich selber finden - egal, wen es erzürnt. Ehre dem verblassenden Licht von dem was endet, und dem Aufleuchten neuer Anfänge. Alles andere wird nicht lange währen."

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