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Letzter Air-Berlin-Flug: So emotional war der Abschied in Tegel

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So lief der Abschied von der Airline  

Letzter Air-Berlin-Flug: Volksfest und Trauerfeier

29.10.2017, 21:26 Uhr | Jonas Schaible, t-online.de

Letzter Air-Berlin-Flug: So emotional war der Abschied in Tegel. Abschied von der Air Berlin: Hunderte Mitarbeiter betrauern den letzten Flug. (Quelle: dpa)

Abschied von der Air Berlin: Hunderte Mitarbeiter betrauern den letzten Flug. (Quelle: dpa)

Am letzten Abend suchen die Air-Berlin-Mitarbeiter die große Geste: traurige Musik, Ehrenrunden um den Fernsehturm, Abschiedsgruß der Feuerwehr. Und Tausende machen mit.

t-online.de-Redakteur Jonas Schaible berichet aus der letzten Air-Berlin-Maschine

Kurz vor der Ehrenrunde fließen Tränen. Ein Mann im dunklen Pullover reibt sich die Augen. Sein Sitznachbar fährt ihm sanft über den Rücken. Sie sind beide Flugbegleiter außer Dienst. Aus dem Fenster können sie die orangefarbene Lichter Berlins sehen. An Bord ist es dunkel, nur die Notlichter erleuchten die Sitzreihen. Aus dem Lautsprecher singt sich Andrea Bocelli dem Höhepunkt entgegen: “Time to say goodbye”!

Ein Raum, der an einen Kinosaal erinnert. Und ein Moment wie ein Film: Mit aller Macht darauf getrimmt, aus den Menschen Gefühle herauszuwringen. Schlucken, seufzen, weinen. Es funktioniert. Die beiden Männer sind gerührt, bei ihrem letzten Flug mit ihrer Airline: im letzten Linienflug von München nach Berlin. Bevor sie ihren Job verlieren, an dem sie so sichtbar hängen.

Noch einmal fliegen, die Stewardessen haben sich eine letzte gemeinsame Schicht gewünscht; im Cockpit sitzen drei statt zwei Piloten; dann Streicher, Ehrenrunde, unten Berlin, sogar der Fernsehturm leuchtet. Schokoherzschmerz. Mehr kann man sich nicht wünschen, wenn es schon zu Ende geht.

Das macht es auch nicht besser, finden sie.

Oder vielleicht doch.

Sie wissen: Auf dem Rollfeld wartet die Presse für Bilder, die Feuerwehr für einen Abschiedsgruß, warten die Kollegen. Alle suchen die große Geste.Crewmitglieder der Air Berlin lassen sich auf dem Flughafen in München in der Turbine der letzten Maschine von Air Berlin fotografieren. (Quelle: dpa)Crewmitglieder der Air Berlin lassen sich auf dem Flughafen in München in der Turbine der letzten Maschine von Air Berlin fotografieren. (Quelle: dpa)

11000 Jobs in Gefahr

Die Insolvenz von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft wurde schon vor Monaten eingeleitet. Mehr als 8000 Menschen verlieren ihren Job, gut 3000 könnten bei den Käufern wie der Lufthansa unterkommen, heißt es. Womöglich zu schlechteren Bedingungen. Die meisten Angestellten wissen aber nicht, was nächste Woche kommt.

Wann immer in den vergangenen Jahren große Unternehmen dicht machten, Schlecker etwa oder Karstadt, war die Anteilnahme groß. Eine Insolvenz hinterlässt Schicksale, Tausende verlieren ihre Arbeit, darüber wird geredet. Aber schon lange wurde das Ende einer Firma nicht mehr so inszeniert wie diese.

Der letzte Flug von Air Berlin, das war gleichzeitig eine bürokratische Tatsache, eine Trauerfeier und ein Volksfest.

Drei Stunden vor der Ehrenrunde, Flughafen München, betriebsame Normalität. Im Shop am Gate kann man Bücher kaufen und Schokoherzen. Nur rot sind sie nicht. “I mog di” steht darauf.

Die Landung der letzten Maschine wird vom RBB live übertragen. Und auch vor den beiden Check-In-Schaltern von Air Berlin in München warten zwei Kamerateams.

“Fliegen Sie nach Berlin, im letzten Flieger?”

“Nein, im letzten nach Düsseldorf.”

“Schade, dann behellige ich Sie nicht weiter.”

“Darf ich Sie fragen, wie Sie es finden, dass Air Berlin schließt?”

“Sehr merkwürdig. Auch traurig.”

Am Schalter duckt sich eine Mitarbeiterin aus der Blickrichtung der Kamera.

Sie arbeitet nicht für Air Berlin. Niemand hier arbeitet bei Air Berlin. Alle Dienstleistungen werden von einem Dienstleister erbracht. Nur die Lufthansa leistet sich noch eigenes Personal.

Ein Mann im weißen T-Shirt mit rotem Aufdruck steht ein paar Meter vom Schalter entfernt. “27.10.2017” steht auf dem Shirt, “Air Berlin”, Logos. Alles selbst entworfen, sagt er. Unterschriften der Crew vom Hinflug, er ist extra gekommen aus Berlin - mit Air Berlin, und mit Air Berlin wird er zurückfliegen mit dem letzten Flug nach Berlin. Fan sei er eben, er fliege gerne, sicher 200 Flüge seit 1979. New York, Düsseldorf, Wien, Rom, Madrid, Alicante, Olbia, die Bordkarten liegen gesammelt in Schuhkartons.

Es geht zu Ende mit Air Berlin. Nun steht der letzte Flug unter einer AB Flugnummer an.

Der Seuchensommer der Airline

Es gibt viele Menschen wie ihn, die am Morgen hierhin geflogen sind, um am Abend dorthin zurückzujetten; Menschen, die im Internet live die Route der letzten Maschinen verfolgen; Menschen, die in Berlin-Tegel Handzettel mit selbst geschriebenen Gedichten verteilen oder sich zu Tausenden mit Blick auf die Landebahn sammeln.

Durchsage, Achtung, eine Durchsage. Bitte begeben Sie sich umgehend zum Gate. Wir schließen gleich. Wieder Verspätung, alle Air-Berlin-Flieger haben an diesem letzten Abend Verspätung, wie im ganzen Seuchensommer der Airline, so auch jetzt. Und dann auch noch Gegenwind. Es wird ein paar Minuten länger dauern als normal.

Was soll’s? Heute kümmert es keinen. Dieser Flug wird nicht ausfallen. Immerhin, so viel ist sicher.

Auf den Tickets steht “Take Care Tschuess And Bye Bye” und “Wir airberliner sagen DANKE”, aber auf der Rückseite wirbt die Airline noch für das Bonusmeilensystem, Neukunden melden sich bitte unter airberlin.com/neuanmeldungen an.

Frage an die Stewardess: “Wird es eine Ansage geben, eine Ehrenrunde, irgendwas?”

Zusammengepresste Lippen. “Warum? Ist was?”

Ja was ist denn eigentlich?

Tausende kommen an einem Freitagabend kurz vor Mitternacht auf einem Flughafen zusammen, um eine Fluggesellschaft zu verabschieden, die zuletzt vor allem durch Verspätungen und Ausfälle auffiel. Im Sommer fragte man: Kann ich wirklich Air Berlin buchen? Jetzt fragt man: Ist Air Berlin nicht einzigartig? So sehr Berlin, so geradeheraus und herzlich, immer erreichbar, günstig, so günstig, und trägt den Namen Berlins in die Welt. Für keine andere Airline wären sie gekommen, sagen viele.

Mitarbeiter fluchen, niemand rede mit ihnen, sie erführen alles aus der Presse, der CEO habe sich die Taschen voll gemacht, nichts habe funktioniert, den ganzen Sommer lang. Erst seit kurzem seien die Gäste alle nett und nachsichtig. Und doch sprechen sie von einer Familie, einem Unternehmen, das es so kein zweites Mal geben könne, so eng, so vertraut.

Eine Magie, die Schlecker niemals liefern kann

“Über den Wolken,muss die Freiheit wohl grenzenlos sein”, geht das Lied. Nicht “hinterm Bademilchregal,muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.” Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen Air Berlin und Schlecker. Berlin bei Nacht von oben ist magisch. Essigreiniger bleibt Essigreiniger, bei Tag und bei Nacht.

Vielleicht hat nur deshalb aus einer Insolvenz eine Trauerfeier werden können.

Es scheint, als sei Deutschland wild entschlossen, Air Berlin die letzte Ehre zu erweisen. Nichts Schlechtes über die Toten, sagt man. Die Trauerrede hält die Crew selbst, mit stockender Stimme. “Der allerletzte Air-Berlin-Flug für die Besatzung, daher sehr emotional.”

Im Flugzeug über Berlin ist die Musik ausgegangen. Der Kapitän dreht zur Ehrenrunde ein und sagt durch: “Ich hoffe, Sie genießen es”. Wer am Fenster sitzt, drückt sich ans Fenster. 

Wenige Minuten später landet die Maschine. Irgendwer klatscht immer, wenn Flugzeuge landen, und gibt sich so als Anfänger zu erkennen. Diesmal klatschen fast alle. Manche pfeifen.

Einer lacht und ruft: "Zugabe!" Es wird keine geben.

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