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Ein rätselhafter Patient: Beim Pilates macht es "Pop" im Nacken

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Ein rätselhafter Patient  

Beim Pilates macht es "Pop" im Nacken

11.01.2015, 09:43 Uhr | Von Heike Le Ker, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Beim Pilates macht es "Pop" im Nacken. Nach Pilates kamen die Kopfschmerzen... (Quelle: Archivbild thinkstock)

Nach Pilates kamen die Kopfschmerzen... (Quelle: Archivbild thinkstock)

Nach einer Pilates-Stunde hat eine 42-Jährige starke Kopfschmerzen. Weder Physiotherapie noch Schmerzmittel helfen ihr. CT-Bilder verraten den Ärzten Wochen später, woher die Beschwerden rühren.

Als kleinen "Knall" im Nacken beschreibt die 42-Jährige, was sie spürt, als sie ihre Übungen auf dem Pilates-Reformer macht. Das Gerät besteht aus einer Liegefläche, die auf einer Schiene mit unterschiedlich großem Widerstand hin und her rollt und über Seilzüge mit den Armen oder Beinen bewegt wird. Die Trainingsmethode gilt als besonders schonend, schwere Verletzungen sind selten. Auch die Frau erleidet kein sichtbares Trauma, sie nimmt lediglich dieses "Pop" ihrer linken Nackenhälfte wahr.

Eine Stunde später bekommt sie Kopfschmerzen. Wenn sie sich hinlegt, nehmen die Schmerzen deutlich ab, sobald sie sich aufrichtet, werden sie stärker. Vom Arzt bekommt sie ein Schmerzmittel und eine Arznei zur Muskelentspannung verschrieben. Der Mediziner vermutet, die Frau habe sich bei den Übungen den Trapezmuskel gezerrt, der sich vom Rücken über die Schulter und den Nacken bis in den oberen Brustbereich spannt.

Vier Wochen lang geht die Frau zur Physiotherapie und bekommt Nackenmassagen. Sie sucht mehrmals Rat bei ihrem Arzt, einmal geht sie sogar in die Notfallambulanz eines Krankenhauses, weil sie die Kopfschmerzen nicht mehr aushält. Aber weder schwächere Schmerzmittel noch stark wirksame Opiate lindern ihre Beschwerden, die sie so stark einschränken, dass sie ihren alltäglichen Aufgaben kaum noch nachgehen kann.

Das Kleinhirn ist abgesackt

Kopfschmerzen oder Migräne-Attacken kennt die Patientin bislang nicht. Sie leidet unter der chronischen Darmkrankheit Colitis ulcerosa, aufgrund derer ihr ein großes Stück des Dickdarms entnommen werden musste. Ein sogenannter Pouch, eine Tasche aus Darmgewebe, formt nun die Verbindung von Darm und Anus. Während der Therapie mit den Schmerzmitteln entzündet sich dieser Pouch, sodass die Patientin die Behandlung wieder beenden muss.

Vier Wochen nach Beginn der Kopfschmerzen stellt sich die Frau im Londoner Kings College Hospital vor. Erneut beschreibt sie ihre Symptome und den Beginn beim Pilates. Bei der Untersuchung fällt den Ärzten nichts Pathologisches auf, die Patientin hat kein Fieber, alle Hirnnerven scheinen intakt, neurologische Defizite finden sie nicht. Auch die Blutwerte sind normal, berichten die Mediziner um James Davis im "Journal of Medical Case Reports".

Dann machen die Ärzte Computertomographie-Aufnahmen vom Kopf der Patientin - und finden darauf die Erklärung für die starken Kopfschmerzen: Sie hat in beiden Kopfhälften Blutungen zwischen den Hirnhäuten. Zudem ist das Kleinhirn leicht nach unten gesackt. Die Ursache dafür findet sich auf Bildern vom Nacken und der Wirbelsäule: An drei verschiedenen Stellen sind Ansammlungen von Nervenwasser - auch Liquor genannt - an Orten zu sehen, wo dieses eigentlich nicht hingehört.

Koffein für die Heilung

Der Grund dafür muss eine Verletzung der Hirnhäute sein, konstatieren die Ärzte. Diese umschließen in mehreren Schichten Gehirn und Rückenmarkt, zwischen ihnen zirkuliert das Nervenwasser. Tritt es durch eine Wunde aus, kommt es zu einem Unterdruck im Kopf. Das erklärt einerseits die starken Kopfschmerzen der Frau und kann andererseits zu den beschriebenen Blutungen führen, die wiederum Kopfschmerzen verursachen.

In der Literatur haben Forscher das sogenannte Liquorunterdrucksyndrom bereits mehrfach beschrieben, insgesamt ist es aber selten. Wodurch es zu der Verletzung der Hirnhäute kommt, konnte in kaum einem der Fälle geklärt werden. Bei der Frau liegt ein Zusammenhang mit den Pilates-Übungen nahe. Trotzdem ist nicht sicher, ob der Sport tatsächlich die Ursache der Verletzung ist oder ob diese nicht auch unter anderen Umständen aufgetreten wäre. Die Autoren aus London betonen, dass es sich ihres Wissens nach um die erste Beschreibung handele, bei der ein Liquor-Unterdruck im zeitlichen Zusammenhang mit einem Pilates-Reformer-Workout aufgetreten sei.

Zur Behandlung verordnen die Ärzte ihrer Patientin Ruhe und koffeinhaltige Getränke. Koffein stimuliert zum einen die Produktion von Nervenwasser, zum anderen erhöht es den Widerstand in den Gefäßen und reduziert den Blutfluss im Gehirn. Alternativ besteht die Möglichkeit, das Leck in den Hirnhäuten mit einem sogenannten Blutpatch zu verschließen. Dabei wird aus der Vene des Patienten entnommenes Blut in die Nähe des Liquorlecks gespritzt, das sich durch die Gerinnungsvorgänge im Blut verschließt.

Doch die konservative Therapie schlägt bei der Frau an, ihre Kopfschmerzen verschwinden. Zwei Wochen nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus kann sie wieder nach Hause gehen. Weitere vier Wochen später ist von den Blutungen und den Liquor-Ansammlungen auf Kontrollaufnahmen so gut wie nichts mehr zu sehen. Auch bei weiteren Nachuntersuchungen ist die Frau beschwerdefrei.

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