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Leicester City und Jamie Vardy: Ein banales Erfolgsgeheimnis

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Banales Erfolgsgeheimnis  

Jamie Vardy und das Wunder von Leicester

14.02.2016, 11:04 Uhr | Thomas Tamberg, t-online.de

Leicester City und Jamie Vardy: Ein banales Erfolgsgeheimnis. Riyad Mahrez (li.) und Jamie Vardy sind derzeit die beiden erfolgreichsten Torschützen bei Leicester City. (Quelle: t-online.de/Thomas Tamberg)

Riyad Mahrez (li.) und Jamie Vardy sind derzeit die beiden erfolgreichsten Torschützen bei Leicester City. (Quelle: Thomas Tamberg/t-online.de)

Von Thomas Tamberg

Mark Schwarzer zögert einen Moment. "Der verarscht mich doch wieder", brummt die australische Torwart-Ikone mit deutschen Wurzeln. Die Nummer zwei hinter Kasper Schmeichel im Tor von Leicester City unterhält sich gerade mit seinem Berater Helmut Richter. Die beiden stehen in den Katakomben des King Power Stadiums vor dem Eingang zur Players Lounge und wollten die Arena verlassen. 

Aber dann folgt er doch dem Aufruf seines Teamkollegen Christian Fuchs. Der ehemalige Mainzer rief Schwarzer im Vorrübergehen mit einem Grinsen zu, dass der Boss noch ein Teamfoto wünsche und alle noch einmal in der Kabine zusammen kommen sollten.

Kann Özil das Leicester-Wunder verhindern?

Kurz zuvor trotzte Leicester City im Spitzenspiel des 14. Spieltags Manchester United ein 1:1 ab und nährte die Hoffnung, in diesem Jahr doch kein Abstiegskandidat zu sein. Eine Momentaufnahme, dachten sie auf der Insel. Doch elf Runden später und nach dem spektakulären 3:1-Sieg bei Manchester City ist Leicester City immer noch Tabellenführer in der stärksten Liga der Welt, der Abstand auf Tottenham und Arsenal beträgt mittlerweile fünf Zähler. Eine Sensation. So als würde der FC Augsburg derzeit mit einer Handvoll Punkten Vorsprung vor dem FC Bayern die Bundesliga-Tabelle anführen.

Am kommenden Wochenende ist Leicester City zu Gast beim FC Arsenal. Der Özil-Klub ist neben Tottenham und ManCity der letzte verbliebene Konkurrent um den Titel. Sollten die Himmelsstürmer aus der 300.000-Einwohner Stadt auch bei den Gunners bestehen, dann sind sie endgültig auf dem Weg zur sensationellsten Meisterschaft in der jüngeren  Geschichte der Premier League

Huth: "So einen Teamgeist habe ich noch nie erlebt"

Aber zurück zu Mark Schwarzer. Gut, dass der 43-Jährige dem Aufruf seines Kollegen Fuchs Folge geleistet hatte. Klub-Chef Vichai Srivaddhanaprabha, ein thailändischer Multi-Millionär, wollte tatsächlich ein Foto mit seinen Helden haben. So ganz weiß man bei den Spielern von Leicester nämlich nie, was Ernst oder Spaß ist. Bei jeder Gelegenheit nehmen sie sich auf die Schippe. Das geht bis unmittelbar vor dem Anpfiff so. Es ist vor allem dieser Spirit, der den derzeitigen Erfolg des Vereins  ausmacht. Von wegen "elf Freunde müsst ihr sein" sei tumbe Fußballer-Romantik und gebe es nicht mehr im modernen Fußball. In Leicester sind sie 23 Freunde.

"Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie so einen Teamgeist erlebt", sagt Schwarzer, der mit Australien an zwei Weltmeisterschaften teilnahm und bereits für zehn Klubs das Tor hütete. "Es hört sich seltsam an, stimmt aber: So einen guten Teamspirit habe ich noch nie erlebt", bestätigte kürzlich auch Robert Huth im Interview mit "11 Freunde". 

Pizza backen artet in Teigschlacht aus

Fuchs gibt ein schönes Beispiel, wie sich dieser Spirit im Alltag zeigt. "Unser Trainer schlug vor, dass wir Pizza backen, daraus entwickelte sich dann eine Teigschlacht", sagt der österreichische Nationalspieler und erklärt die besondere Kraft, die sich aus dem adoleszenten Verhalten einer jungen Männergruppe entwickeln kann. "Unser Geist auf dem Feld kann jedes Spiel gewinnen."

Die Basis für diesen besonderen Teamgeist wurde knapp 10.000 Kilometer entfernt gelegt. In Thailand. Nach jeder Saison lädt Boss Srivaddhanaprabha die Spieler für eine Woche in sein Heimatland ein. Dass die Akteure dort nicht den ganzen Tag Brigde spielen, dürfte auf der Hand liegen. Party vom Feinsten heißt das Programm.

Teambuilding-Maßnahmen in Thailand

Nach dem sensationellen Nichtabstieg in der letzten Saison als man schon hoffnungslos zurückgelegen hatte, plötzlich aber von den letzten neun Spielen sieben gewinnen konnte, geriet die Partywoche allerdings kurzfristig etwas aus dem Ruder. Drei Spieler, darunter der Sohn des Trainers, filmten sich beim Sex mit den Thai-Mädchen und machten sich über ihre Partnerinnen lustig. Der Clip landete im Internet. Der Verein suspendierte die Kicker. Auch Trainer Nigel Pearson musste seinen Hut nehmen.

Im Nachhinein ein Glück. So kam Trainer Claudio Ranieri nach Leicester. Sein autoritärer Führungsstil mit einem Schuss Leinelassen scheint perfekt zu dem eingeschworenen Haufen zu passen. Der erfahrene Italiener erkannte schnell, dass er nur wenig ändern muss. Leicesters Siegeszug begann schließlich in der Endphase der Vorsaison.

Zwei Spieler ragen heraus

"Vielleicht gibt es hier nicht diese Starspieler, aber es ist eine Truppe mit einem großen Teamgeist", machte auch er kurz vor dem Jahreswechsel auf den außergewöhnlichen Zusammenhalt der Mannschaft aufmerksam. Nur ein paar Wochen später hat der Höhenflug aber auch bei Leicester die ersten Stars hervorgebracht. Diese sind so ungewöhnlich wie die ganze Geschichte der "Foxes".

Die beiden Offensivkräfte Jamie Vardy und Riyad Mahrez wirbeln derzeit die Abwehrreihen der Premier-League-Klubs regelmäßig durcheinander. Letzterer kam im Januar 2014 für 500.000 Euro vom französischen Zweitligisten AC Le Havre auf die Insel. Ein Jahr später beträgt sein Marktwert bereits 20 Millionen Euro. Tendenz stark steigend. Ein Typ der Marke Douglas Costa. 14 Tore hat der Algerier in dieser Saison bereits erzielt.

Die unglaubliche Geschichte des Jamie Vardy

Doch der Mann der Stunde ist natürlich Vardy. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Mit 15 Jahren bei Sheffield United aussortiert. Zu klein, zu schmächtig. Mit 24 Jahren noch in der achten Liga aktiv, mit 25 Jahren in der fünften Liga, hauptberuflich Schichtarbeiter in einer Prothesen-Fabrik. Kneipenschlägerei, Fußfessel. Stichworte, die in jeder Vardy-Geschichte nicht fehlen dürfen.

Genauso wie der Spruch seines ehemaligen Teamkollegen von Fleetwood Town. Gareth Seddon konnte es ebenso wie die gesamte Mannschaft des Fünftligisten nicht fassen, als der Klub einen bereits 24-jährigen Typen aus der achten Liga geholt hatte, der sich bisher nur "gegen Postboten und Klempner" durchsetzen konnte. Nachdem Vardy im ersten Training zwölf Tore geschossen hatte, sagte niemand mehr etwas.

"Ich bin froh, wenn Jamie im Training nicht gegen mich spielt"

"Er kommt aus einer Umgebung, die es einem nicht leicht gemacht hat. Vielleicht war er auch mit den falschen Leuten zusammen", erzählt Schwarzer gegenüber t-online.de und staunt selbst über die späte Karriere des Angreifers. "Er hat wahnsinnig schnell dazugelernt und hat ein enormes Selbstbewusstsein. Er setzt den Gegner brutal unter Druck, geht jedem Ball nach und hat einen unglaublichen Torinstinkt."

Teamkollege Huth beschreibt Vardy vielleicht am eindrucksvollsten. "Ich bin immer froh, wenn Jamie beim Training nicht gegen mich spielt. Er geht einem auf die Nerven", sagt der ehemalige deutsche Nationalspieler, ebenfalls kein Kind von Traurigkeit.

Vardy dankt es dem Klub auf seine Weise

Mit 18 Treffern führt der mittlerweile 29-jährige Vardy die Torschützenliste in der Premier League an. Bei der EM in Frankreich gilt er als Englands größter Hoffnungsträger. Vor wenigen Tagen hat er seinen Vertrag bis 2019 verlängert. "Leicester City hat von Beginn an totales Vertrauen in mich gezeigt und es ist unmöglich zu ermessen, wie sehr dieser Glaube mir geholfen hat, mich zu verbessern", sagte Vardy, der 2012 für 1,3 Millionen Euro von Fleetwood Town gekommen war.

Er hätte sich auch einen anderen Klub aussuchen können. Alle der sogenannten Top-Fünf-Klubs in England hätten ihn sofort unter Vertrag genommen. Auch international klopften Klubs beim Goalgetter an. Doch er bleibt lieber Leicester treu, dem Klub, der ihm die letzte Chance für seinen ganz großen Traum gegeben hat. Nicht zuletzt deshalb lieben ihn die Fans.

Kein Platz für Ästheten

Und so geht Vardy weiter im King Power Stadium auf Torejagd. Ein Ort in einem Industriebezirk der Stadt, dem so gar nichts glamouröses innewohnt und perfekt zu diesem Ausnahmespieler zu passen scheint. Hier, wo gegenüber des Stadions zwei Autohändler ihren Platz haben. Und einzig die Lobby des Holiday Inns, das hier etwas verloren herumsteht, sich an Spieltagen zu einer Art Behelfspub verwandelt, einen Treffpunkt für die Fans darstellt. Ansonsten findet die Party im Stadion statt.

Hier ist die verrückte Fußballwelt mit all ihren ungesunden Auswüchsen ganz weit weg. Das passe zu Vardy, sagt Schwarzer.  Er mache sich keinen Kopf, um den ganzen Fußball-Zirkus. "Einer wie er fühlt keinen Druck. Er geht raus und spielt einfach nur Fußball. Er weiß, dass er nicht mehr viele Jahre vor sich hat." 

Hollywood hat sich schon gemeldet

Sogar Hollywood hat Vardys außergewöhnliche Geschichte bereits für sich entdeckt. Regisseur Adrian Butchart plant einen Film über diesen besonderen Angreifer. Da würde sich der erste Meistertitel in der Klubgeschichte als Happy End natürlich besonders gut machen.

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