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Ein rätselhafter Patient: Bizarres Schlafverhalten

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Ein rätselhafter Patient  

Bizarres Schlafverhalten

26.04.2015, 10:33 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Bizarres Schlafverhalten. Eine Frau litt jahrelang unter rätselhaften Schlafstörungen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine Frau litt jahrelang unter rätselhaften Schlafstörungen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ihr Atem setzt aus, sie macht seltsame Bewegungen und spricht im Schlaf: Innsbrucker Mediziner rätseln über das Schlafverhalten einer 54-Jährigen. Verdächtige Eiweißmoleküle im Gehirn bringen die Ärzte nach Jahren auf eine Spur - leider erfolglos.

Eine 54-Jährige leidet unter massiven Schlafproblemen. Sie kann weder richtig einschlafen noch durchschlafen. Eines Tages finden Kollegen sie sogar bei der Arbeit schlafend auf dem Boden liegen. Nur durch kräftiges Schütteln lässt sie sich wecken. Die Probleme treiben die Frau 2003 schließlich in die Universitätsklinik Innsbruck.

Der Mann der Patientin berichtet, sie schnarche nachts nicht nur laut - sie spreche auch im Schlaf, außerdem bewege sie Hände und Beine. Die Patientin leidet unter Heiserkeit, Schluckstörungen und verschleimten Atemwegen in der Nacht.

Den Neurologen fällt auf, dass die Frau Probleme beim Sprechen hat und zudem heiser ist. Ihre Augenlider hängen etwas herunter, außerdem geht sie breitbeiniger, als es normal wäre.

Sie sagt "Grüß Gott" im Schlaf

Die Ärzte entscheiden sich, die 54-Jährige im Schlaflabor zu beobachten. Die Videoaufzeichnungen zeigen lange Phasen eines Schlafmusters, das anders ist als alle normalen menschlichen Schlafstadien: Währenddessen führt die Frau verschiedene Bewegungen aus, greift etwa zuerst nach einem Gegenstand und bewegt die Hände anschließend so, als würde sie stricken. Zudem spricht sie. Manchmal scheint sie Menschen zu begegnen, denen sie ein "Grüß Gott" zuruft. An nichts davon kann sich die Frau erinnern.

Die EEG-Aufzeichnungen der Hirnaktivität zeigen gewöhnliche Muster, ihre Augen bewegen sich teilweise schnell, so wie es in der REM-Phase ("Rapid Eye Movement") auch üblich ist. Stattdessen aber ist die Muskelspannung im Körper erhöht. Und noch etwas Ungewöhnliches fällt den Ärzten auf: Die Atemwege der Frau kollabieren immer wieder, sodass die Atmung behindert wird.

Mediziner nennen diese Schlafstörung obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (Osas). Mithilfe eines Endoskops ist zu sehen, wie die Stimmlippen der Frau beim Einatmen nur passiv geöffnet werden, statt sich - wie es normal wäre - aktiv zu öffnen. Während des Ausatmens sind sie gegen die Öffnung gespannt.

Um die Schlafapnoe zu behandeln, bekommt die Frau eine Atemmaske für die Nacht, die mit leichtem Druck die Atemwege auch dann offen hält, wenn sie bei der Ausatmung zusammenzufallen drohen. Das Medikament Modafinil soll die Schläfrigkeit der Frau am Tag zusätzlich unterdrücken.

Verdächtige Antikörper

Im Verlauf dieser Therapie kontrollieren die Ärzte erneut den Schlaf ihrer Patientin. Tatsächlich haben sich die untypischen Schlafmuster verringert, auch die Apnoe ist nicht mehr so schwerwiegend. Nur eines hat sich nicht verändert: Seine Frau verhalte sich nachts weiterhin seltsam, erzählt der Ehemann. Nach wie vor spreche sie auch im Schlaf.

Im Sommer 2014 wird die inzwischen 65-jährige Österreicherin schließlich erneut in der Innsbrucker Universitätsklinik behandelt, berichten Birgit Högl und ihre Kollegen im Medizinjournal "The Lancet". Jetzt haben die Ärzte einen Verdacht, der jenseits der Schlafapnoe das merkwürdige Schlafverhalten erklären könnte: Wissenschaftler des Institut D'Investigacions Biomèdiques August Pi i Sunyer (IDIBAPS) im spanischen Barcelona forschen mittlerweile seit einigen Jahren an einer Autoimmunreaktion, die zu ähnlichen Beschwerden wie die der Frau führt.

Dabei bildet das körpereigene Immunsystem Antikörper gegen Oberflächenbestandteile von Nervenzellen, zudem sammeln sich übermäßig Eiweiße in einigen Gehirnregionen an. Das Forscherteam um Lidia Sabater hält deshalb eine Autoimmunkrankheit als Auslöser für die Symptome der Betroffenen für möglich.

Tatsächlich ergeben Tests am IDIBAPS, dass die Patientin die verdächtigen Antikörper hat: Sowohl im Blut als auch im Liquor - jener Flüssigkeit, die das Gehirn umspült - lassen sich die Eiweißmoleküle nachweisen. Zudem decken sich ihre Beschwerden mit denen der acht weiteren Patienten, die Lidia Sabater und ihre Kollegen untersucht hatten. Aus Sicht der österreichischen Mediziner stützt das die These, dass es sich um eine Autoimmunkrankheit handeln könnte.

Für die Patientin aber kommen diese Erkenntnisse zu spät: Im März 2015 muss sie wegen schwerer Atembeschwerden in der Klinik beatmet werden. Nach einer Behandlung einer der beiden Stimmlippen kann der Beatmungsschlauch zwar wieder entfernt werden. Doch Flüssigkeit gelangt in ihre Lunge und löst eine Lungenentzündung aus. Zwei Wochen später stirbt sie.

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