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DVJJ: "In der Jugendstrafanstalt wird niemand besser"

Erfurt  

DVJJ: "In der Jugendstrafanstalt wird niemand besser"

06.10.2021, 13:39 Uhr | dpa

DVJJ: "In der Jugendstrafanstalt wird niemand besser". Handschellen

Eine Hand hält Handschellen vor einem Polizeifahrzeug. Foto: David Inderlied/dpa/Illustration (Quelle: dpa)

Gegen Jugendliche sollte aus Expertensicht nur "mit äußerster Zurückhaltung" ein Jugendarrest oder eine Jugendstrafe verhängt werden. Dafür plädierte der Vorsitzende der Thüringer Landesgruppe der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ), Florian Knauer, am Mittwoch Rande einer Tagung in Jena. "Man sollte stationäre Maßnahmen vermeiden, wann immer es geht. Das ist grundsätzlich der falsche Weg", sagte Knauer. Je weniger junge Menschen aus ihren Familien und Schulen genommen würden, desto besser, sagte der Wissenschaftler, der an der Schiller-Universität Jena Jugendstrafrecht und Kriminologie lehrt.

Jugendarrest ist die letzte Sanktionsmöglichkeit des Staates vor der Verhängung einer Jugendstrafe. Die jungen Menschen verbringen dabei maximal vier Wochen in der Anstalt. Die Altersspanne liegt zwischen 14 und 21, in Ausnahmefällen auch bis zu 24 Jahren. Bei einer Jugendstrafe werden mindestens sechs Monate verhängt. Das Höchstmaß einer Jugendstrafe beträgt bei Jugendlichen zehn Jahre; bei Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren unter bestimmten Voraussetzungen 15 Jahre.

Die Thüringer Jugendarrest- und Jugendstrafanstalt Arnstadt verfügt nach Angaben des Justizministeriums über 39 Arrest- und mehr als 300 Haftplätze. Insgesamt verzeichnete das Land nach Angaben des Thüringer Landesamt für Statistik von 2015 bis 2020 rund 900 junge Menschen im Jugendarrest. In der Jugendstrafanstalt saßen zwischen 2015 bis 2020 insgesamt rund 250 junge Menschen ein. Im Vergleich zu den fünf Jahren zuvor waren das bereits rund 34 Prozent beziehungsweise rund 29 Prozent weniger Jugendliche hinter Gittern.

Insgesamt sei die Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren stetig gesunken, bilanzierte Knauer. "Auch dass es immer brutaler zugeht, kann man nicht bestätigen." Schwere Straftaten blieben die klare Ausnahme. Dem Wissenschaftler zufolge liegt das an greifenden Präventionsmaßnahmen, einer tendenziell besseren Ausbildung der Jugend und zunehmend gewaltlosen Erziehungsstilen. Auch verbringe die Jugend mehr Zeit im Internet als in Diskos oder auf der Straße. Oft würden junge Menschen etwa wegen Trunkenheit im Verkehr, Sachbeschädigung oder illegalem Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln auffallen.

Eine Jugendstrafe werde nicht leichtfertig gegeben, sagte Justizminister Dirk Adams (Grüne). "Unser Jugendstrafrecht setzt darauf, Wege aufzuzeigen, aber natürlich muss irgendwo auch eine Linie gezogen werden." Der Arrest oder die Haft zielten darauf ab, weitere Straftaten der Jugendlichen zu verhindern. In Arnstadt gehe es vor allem darum, Perspektiven aufzuzeigen, Ausbildungsangebote zu stellen und Drogenprobleme anzugehen.

Knauer sieht das anders. "In der Jugendstrafanstalt wird niemand besser und auch in der Jugendarrestanstalt wird niemand besser", sagte der Wissenschaftler. Ganz im Gegenteil werde so manch ein aufmüpfiger Junge dort noch schneller zu einem ausgewachsenen Kriminellen.

Ob man in Zukunft einmal ganz ohne Jugendvollzug auskomme, hielt Knauer jedoch für gesamtgesellschaftlich fraglich. Nicht selten werde seitens der Politik und der Öffentlichkeit sogar eine häufigere Verhängung solcher Strafen gefordert. Dabei sei nachgewiesen, dass die Mehrzahl der straffällig gewordenen Jugendlichen auch nach mehreren und selbst nach schwereren Straftaten noch bis Mitte 20 eine Kehrtwende vollziehen könnten - "das wächst sich sehr häufig aus", betonte Knauer. Eine Verurteilung hingegen präge das Selbstbild enorm.

Die 1917 gegründete Vereinigung DVJJ setzt sich von Jugendrichtern über Polizistinnen bis zu Wissenschaftlern und der Jugendhilfe aus Vertretern aller an der Jugendgerichtsbarkeit beteiligten Berufe zusammen. Die Thüringer Landesgruppe zählt rund 45 Mitglieder.

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