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Mainz: Warum sich eine Studentin als Fastnachtsverweigerin bezeichnet

INTERVIEW"Ich habe es jedes Mal bereut"  

Warum eine junge Frau vor der Fastnacht flieht

Von Henrik Rampe

11.02.2020, 10:11 Uhr
Mainz: Warum sich eine Studentin als Fastnachtsverweigerin bezeichnet. Die Studentin Leonie hält Luftschlangen in der Hand: Mit der Fastnacht in Mainz kann sie nichts anfangen. (Quelle: Henrik Rampe)

Die Studentin Leonie hält Luftschlangen in der Hand: Mit der Fastnacht in Mainz kann sie nichts anfangen. (Quelle: Henrik Rampe)

Die Studentin Leonie konnte als Kind Karneval gut leiden. Später aber wuchs die Skepsis. Heute lebt sie in Mainz und versucht, der Fastnacht zu entkommen. 

Vier Jahre lang hat Leonie L. die Mainzer Fastnacht bisher miterlebt – oder besser gesagt: miterleben müssen. Die selbst erklärte Fastnachtsverweigerin ist an Rosenmontagen am liebsten ganz weit weg vom närrischen Trubel. Die 22-Jährige markiert sich den Rosenmontag frühzeitig im Kalender, um ihm dann geschickt zu entkommen. t-online.de-Autor Henrik Rampe hat mit ihr darüber gesprochen, warum sie der beliebten Tradition kaum etwas abgewinnen kann.

t-online.de: Was löst folgende Textzeile bei Ihnen aus? "Wahnsinn, warum schickst du …"

Leonie L.: Oh, Gott! Ein Lied aus der Schlagerhölle. Ein mieser Ohrwurm. Ich verbinde das Lied unweigerlich mit leidvollen Fastnachtsmomenten. Es ist fast schon beschämend, dass ich den Refrain vervollständigen kann.  

Um Ihre Verweigerungshaltung zu verstehen, lassen sie uns einen Zeitsprung machen. Was war Ihr erster Fastnachtsmoment?

Mit vier Jahren war ich das erste Mal auf einem Fastnachtsumzug. Meine Eltern hatten mich als Pirat verkleidet und dann auf den Umzug nach Düsseldorf mitgenommen. Als Kind hat mir Fastnacht auch noch Spaß gemacht. Der Trubel und die Menschenmassen waren super aufregend und es gab eimerweise Süßigkeiten. Da kann man als Kind ja nur gute Laune bekommen. 

Mit Spaß hat Fastnacht für Sie heute allerdings nur noch wenig zu tun?

Bereits als Teenager fand ich das Konzept fragwürdig. Es ist kalt draußen. Die Musik ist nüchtern nicht zu ertragen. Der Tag bewegt sich zwischen Alkohol kaufen, Alkohol trinken und mit Alkohol schunkeln. Da kommt bei mir kein Spaß auf. Meine Erfahrung ist, dass Fastnacht eher früher als später ausartet. Ich habe es oft genug ausprobiert und habe mir schnell irgendein Kostüm ausgeliehen. Am Ende des Tages habe ich es jedes Mal bereut. 

Sie sind in der Nähe von Düsseldorf aufgewachsen und leben seit vier Jahren in Mainz. Hat die Stadt mit ihrer Fastnachtstradition Sie zu keiner Zeit infizieren können?

Nein, im Gegenteil. Mein Umzug nach Mainz hat mich in meiner Abneigung noch weiter bestärkt. Mein soziales Umfeld baut immer wieder Druck auf. "Warum kommst du nicht mit?" oder "Was ist denn mit dir los?" sind da noch die harmlosen Fragen, denen ich mich stellen muss.

Meine Mitbewohnerin hat im Verein Garde getanzt, war ab Spätherbst auf unzähligen Sitzungen. Den Beginn der fünften Jahreszeit habe ich gemerkt, als beim WG-Putz Wolle Petry und DJ Ötzi aus den Boxen in der Küche gedröhnt sind. Das war dann der Moment, in dem ich meine Zimmertür zugemacht und Kopfhörer über die Ohren gezogen habe. 

Haben Sie sich schon mal eine Fastnachtssitzung angeschaut?

Vor dem Fernseher habe ich nie lange durchgehalten und immer früh den Sender gewechselt. Live vor Ort reizt es mich auch nicht. Das ist mir zu inszeniert. Der Tusch nach gefühlt jedem Wort, die Pausen für die Lacher und Schenkelklopfer. Vielleicht kann ich dem Format mal etwas abgewinnen, wenn ich in Rente bin.

Zum Rosenmontagsumzug erwartet die Stadt Mainz rund 500.000 närrische Besucher. Wie sieht die Tagesgestaltung einer Fastnachtsverweigerin aus?

Wegfahren und Urlaub machen ist die beste Option, arbeiten gehen die zweitbeste. Zu Schulzeiten war ich um diese Jahreszeit oft Ski fahren. In den letzten Jahren bin ich für ein Wochenende nach Malaga und Dublin gereist – sehr entspannt und erholsam. Dieses Jahr werde ich hier bleiben. Mich zieht es nur auf die andere Rheinseite, um in Wiesbaden zu arbeiten.

Bei aller Kritik. Können Sie der Fastnacht auch etwas Positives abgewinnen? 

Wenn sich meine Freunde bei den Kostümen kreativ austoben und sich schon Wochen im Voraus abstimmen, dann finde ich das witzig. Sieht dann ja auch cool aus, an Rosenmontag sieben Ninja Turtles durch die Stadt ziehen zu sehen. Wenn man sich verkleidet, dann gerne aufwendig und mit Hingabe.

Wie oft haben Sie es bereut, in eine Fastnachtsmetropole gezogen zu sein?

An 360 Tagen im Jahr finde ich, dass Mainz eine tolle Stadt ist und genieße meine Zeit hier. Da nehme ich gerne in Kauf, dass ich die Stadt an einem Wochenende meide oder mich zurückziehe. Nicht falsch verstehen. Ich freue mich ja, dass die anderen ihren Spaß haben. Ich will Fastnacht auf keinen Fall verbieten. Es wird sogar eine Zeit kommen, zu der ich wieder freiwillig auf Fastnachtsumzügen zu sehen sein werde.

Wie bitte?  

Nicht dieses Jahr und nicht nächstes Jahr. Aber wenn ich mal Kinder habe, dann sollen die Fastnacht als Event auf jeden Fall mitnehmen. Dann gestalte ich gerne mit ihnen zusammen ein Piratenkostüm.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Leonie L.

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