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Stuttgart: Foodsharing-Café sagt Lebensmittelverschwendung den Kampf an

Foodsharing in Stuttgart  

In diesem Café gibt es nur weggeworfene Ware

Von Nils Heidemann

20.12.2020, 18:15 Uhr
Stuttgart: Foodsharing-Café sagt Lebensmittelverschwendung den Kampf an . Die "Fairteiler": Die Raupe Immersatt in Stuttgart bietet Lebensmittel kostenlos an. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)

Die "Fairteiler": Die Raupe Immersatt in Stuttgart bietet Lebensmittel kostenlos an. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)

Oft landen Lebensmittel im Abfall, die noch genießbar wären. In Stuttgart hat das Café Raupe Immersatt der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt – mit einem einzigartigen Konzept.

Kleine Druckstellen an Äpfeln, eine braune Bananenschale oder Brötchen vom Vortag: Solche Lebensmittel werden in den Haushalten oder Supermärkten häufig entsorgt. Doch warum eigentlich? Nur weil sie nicht mehr perfekt sind, sind sie noch lange nicht schlecht. Das Foodsharing-Café Raupe Immersatt in Stuttgart weiß das ganz genau – es rettet Lebensmittel und bietet sie kostenlos an.

Aus einem sogenannten "Fairteiler", das sind Regale und Kühlschränke in einer Trockenbauwand, können Interessierte sorgfältig ausgewähltes Gemüse, Obst und Co. bedingungslos und kostenfrei mitnehmen. Man sei allerdings keine Wärmestube, sagt Maximilian Kraft vom Café im Gespräch mit t-online. Das Ziel sei es vielmehr, aufzuzeigen, was in und um Stuttgart alles weggeworfen wird, obwohl es noch genießbar ist. "Das Café soll Menschen mit Lebensmittelverschwendung in Kontakt bringen." Es ziehe Menschen an, bringe sie ins Gespräch und mache Lebensmittelwertschätzung ess- und erfahrbar, sagt er weiter.

Backwaren in einem Regal: Viele Bäckereien sortieren ältere Lebensmittel aus, obwohl diese noch genießbar sind. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)Backwaren in einem Regal: Viele Bäckereien sortieren ältere Lebensmittel aus, obwohl diese noch genießbar sind. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)

"Wir wollten an die Ursachen und Symptome des Problems ran", erinnert sich Kraft an die ersten Ideen aus dem Jahr 2016. Von dort bis zur Eröffnung war es ein langer Weg. Die Raumsuche zog sich, eine Crowdfunding-Aktion mit 27.000 gesammelten Euro war hingegen sehr erfolgreich. Das Café konnte letztendlich im Juni 2019 öffnen. "Deutschlandweit einzigartig", sagt er stolz. Die Lebensmittel erhält das Café teils von der Initiative "Foodsharing", teils bestehen aber auch eigene Initiativen mit lokalen Betrieben. Das Konzept kommt in der breiten Masse gut an.

Das Publikum bezeichnet Kraft als divers. "Vom Studenten über den Porsche-Mitarbeiter bis zur obdachlosen Person ist alles dabei". Eine besondere Situation hat sich ihm in den Kopf gebrannt: "Ein Anwalt im Anzug war mal Gast bei uns und hat sich einen Rettich aus dem Verteiler geschnappt, aufgeschnitten, mit Salz beträufelt und ihn im Café verteilt". Dieser Moment würde seiner Meinung nach die Idee des Cafés als symbolischen Akt beschreiben.

Möbel in der Raupe Immersatt: Das Café soll ein Ort der Begegnung sein. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)Möbel in der Raupe Immersatt: Das Café soll ein Ort der Begegnung sein. (Quelle: Raupe Immersatt e.V.)

Doch wie kann es sein, dass so ein Konzept finanziell aufgeht? Denn: Die Raupe Immersatt trägt sich finanziell selbst, insgesamt gehören mittlerweile 16 Angestellte zum Team. Neben dem Foodsharing-Café betreibt es eine Bar, in der ökologisch produzierte Getränke aus der Region angeboten werden. Das Besondere: Es gibt keine festen Preise, die Leute entscheiden also, was sie geben möchten. "An der Tafel über der Bar ist kein einziges Euro-Zeichen", sagt Kraft. Bisher habe dieses Prinzip in den vergangenen eineinhalb Jahren gut funktioniert. "Das Essen ist und bleibt aber kostenlos", hebt er hervor.

Corona schränkt Café-Betrieb ein

Beides gibt es weiterhin – coronabedingt allerdings nur to-go in Form eines Kiosks. Die Lebensmittel werden aktuell aber nur auf Nachfrage verteilt. Corona macht sich also auch in der Raupe Immersatt bemerkbar. "Ich freue mich derzeit nicht so auf die Kiosk-Schichten, weil es ein ganz anderer Umgang mit den Leuten ist. Die tragen ja Maske, man sieht keine Emotionen. Außerdem fallen längere Gespräche weg. Das ist schade". Der Verkauf beschränke sich eher auf die Stammkunden, der Ort der Begegnung und des Austausches sei eingeschränkt. Finanziell kommt das Café bislang aber ganz gut über die Runden, sagt der Stuttgarter. Die Reserven würden noch ungefähr bis März reichen.

Trotzdem blickt das Team der Raupe Immersatt mit Zuversicht in das Frühjahr. Sie hoffen, im Januar ihr drittes Standbein wieder ankurbeln zu können: das Kulturangebot. Lesungen, Workshops und Konzerte finden normalerweise auf der Café-eigenen Bühne statt. Für Januar könnte sich das Team vorstellen, eine Konzert-Streaming-Reihe anzubieten. "Dann streamen wir Konzerte von unserer Bühne ins Internet mit dem Gedanken, Künstlerinnen und Künstler zu supporten", visioniert Kraft. Und spätestens hier wird klar: Die Raupe Immersatt ist nicht nur ein Ort, der über Lebensmittelverschwendung in Stuttgart aufklärt und die unterschiedlichsten Menschen vereint, sondern der sich auch darüber hinaus aktiv für die Region einsetzt.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Maximilian Kraft von der "Raupe Immersatt"
  • Homepage der "Raupe Immersatt"

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