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Lucas: "Warum ich penetrativen Sex nicht mag"

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Ein Mann über Männerklischees  

Lucas: "Warum ich penetrativen Sex nicht mag"

Von Ariana Zustra

02.09.2018, 09:46 Uhr
Lucas: "Warum ich penetrativen Sex nicht mag". Attraktiver Mann lehnt an attraktiver Frau (Quelle: Getty Images/GeorgeRudy)

Eine attraktive Partnerin – und der Mann hat trotzdem keine Lust auf Sex? "Das ist ein Tabu", sagt Sexualtherapeut Björn Süfke. (Quelle: GeorgeRudy/Getty Images)

Männer wollen immer und können immer? Obwohl sich Geschlechterrollen und alte Beziehungsmuster langsam aufweichen, hält sich dieses Klischee hartnäckig. Der Mann gilt als der stets potente "Macher" – dabei sieht die Realität oft anders aus. Doch die wenigsten trauen sich, darüber zu sprechen. Einer tut es trotzdem.

Er hat sie nicht "geknallt". Lucas* und diese Frau haben in seinem Bett rumgemacht, sich geküsst, er hat sie ausgezogen, sie weiter geküsst. Und es dabei belassen. Sie hatten keinen Sex. "Was ist los? Warum willst du nicht?", hat seine neue Bekanntschaft gefragt. Stirnrunzeln, verengte Augen. Lucas versuchte, sich herauszureden, sagte, dass er platt sei vom Tag und sie vorhin in der Bar wohl zu viele Bier getrunken haben.

Augenblicklich schlug sie seine Hand von ihrem Bauch und richtete sich im Bett auf. "Und dann bringst du mich hierher und ziehst mich aus und fummelst an mir rum? Sag doch einfach, wenn du keinen Bock auf mich hast!", sagte sie, zog sich an, zischte ein paar scharfe Worte zum Abschied und ging.

Riesendrama, Enttäuschung, Zurückweisung

Solche Situationen hat Lucas schon öfter erlebt. "Für manche Frauen war es ein Riesendrama, dass ich sie nicht vögeln wollte. Einige waren eher enttäuscht, eine fing mal an zu weinen. Aber fast jede hat es als Zurückweisung oder persönliche Beleidigung empfunden", erzählt der 32-Jährige. Nur manchmal kam es vor, dass Frauen es schön fanden, dass er nicht gleich mit ihnen schlief, wirkten sogar erleichtert.

Lucas – grüne Augen, athletische Statur, Secondhand-Sakko – bricht während des Erzählens oft in Lachen über sich selbst aus und die Anekdoten seines "Scheiterns" als Mann. Das war nicht immer so. Während der Uni traute er sich nicht, vor seinen Kumpels zuzugeben, dass er seine "Party-Aufrisse" nie "flachlegte", wie in der Männerrunde geredet wurde. Lucas hat keinen Spaß an penetrativem Geschlechtsverkehr. Noch nie in seinem Leben hatte er dabei einen Orgasmus.

"Junge Männer sind verunsichert"

Laut einer Studie ist das ungewöhnlich. Im Deutschen Ärzteblatt vom August 2017 wurde eine repräsentative Studie durchgeführt, an der 2.524 Personen (45% davon männlich) per Fragebogen unter anderem zu sexuellen Praktiken befragt wurden. Dabei war penetrativer Vaginalverkehr für heterosexuelle Männer die häufigste Sexualpraktik (88%). Nur etwa die Hälfte der Männer (51%) gaben an, eine Frau oral befriedigt zu haben. Für Lucas ist das eine gängige Praxis. Frauen oral zu befriedigen ist eine Strategie, die er sich als Kompensation angeeignet hat. 

"Junge Männer sind verunsichert", sagt der Diplom-Psychologe Björn Süfke. Er ist auf das Thema "Mann-Sein" und die Konstruktion männlicher Identität spezialisiert und schrieb darüber das Buch "Männer: Erfindet. Euch. Neu. – Was es heute heißt, ein Mann zu sein". Süfke meint: "50 Jahre Frauenbewegung, Gender Studies, #MeToo-Debatte – wer heute als Mann nicht zumindest ein bisschen verunsichert ist, der hat den Schuss nicht gehört."

Keinen Sex zu forcieren, passt nicht ins Bild

Ein jahrhundertelang gültiges Leitbild ist in den vergangenen Jahrzehnten ins Wanken geraten. "Heute stehen Männer vor einer Doppelanforderung: Zum einen sollen sie die traditionellen Attribute weiterhin verkörpern, zum anderen aber auch moderne, noch nicht genau definierte Eigenschaften aufweisen. Teilweise widersprechen sich diese – das kann stark verunsichern."

Eine so ungewöhnliche Eigenart wie die von Lucas scheint nicht ins Bild eines "typischen" Mannes zu passen. Doch für einen Einzelfall hält Süfke den jungen Mann nicht. "Nicht jeder Kerl hat nichts Eiligeres zu tun, als eine Frau ins Bett zu zerren", sagt Süfke. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Angst vor Homosexualität führt zu Macho-Gehabe

Lucas löste die verschiedenartigen Anforderungen an ihn, indem er mit seiner Ex-Freundin eine offene Beziehung führte. Dass sie nebenher regelmäßig mit ihrem Capoeira-Lehrer ins Bett ging, fand er nicht bedrohlich, sondern erleichternd. "Ich bin einfach nicht dieser Mann, der fünf Stunden in einer Frau rumrammelt – und ich will so auch nicht sein."

Macho-Gehabe widert ihn an. Oft war er schockiert, dass selbst Freunde ihn "schwächlich" abstempelten, wobei sie das fatalerweise gleichsetzten mit "schwul". Darin schlägt Lucas den Bogen zur #MeToo-Debatte. Er glaubt, dass rollenkonformes Verhalten ein entscheidender Grund für Sexismus ist.

"Männer denken, sie müssten immer geile Stecher sein, und sind daher von morgens bis abends damit beschäftigt, vor sich und vor anderen zu demonstrieren, dass sie nicht schwul sind. Nur deswegen wird mal eben die Kollegin angetatscht. Jeder Mann weiß doch, dass das kein erfolgversprechender Weg ist, um an Sex zu kommen. Sondern dabei geht es nur darum, zu zeigen: Ich bin hier der Macker."

Als Mann keine Lust auf Sex? Ein Tabu!

Der Psychotherapeut Süfke kann diesen Eindruck bestätigen: "Schwulsein wird mit Weiblichkeit assoziiert. Männliche Identität definiert sich sehr stark durch die Abgrenzung von anderen – und die anderen sind eben die Frauen. Deswegen wird alles Weibliche abgewehrt", erklärt der Experte. Dahinter steht das Oberthema des traditionellen Männerbildes: Die Abwehr jeglicher Gefühle. Ein echter Mann funktioniert, ist leistungsfähig, jederzeit bereit, so das Stereotyp.

In dieses kulturell verformte Bild passt Lustlosigkeit nicht hinein. "Wenn man als Mann mal keine Lust auf Sex hat, kommt das einem absolutem Verlust an Männlichkeit gleich. Dabei ist es das normalste der Welt! Bei Frauen ist Unlust akzeptierter – denn es beschneidet nicht ihre weibliche Identität." Was sich indes nicht abschließend erforschen lässt: Ob Männer rein biologisch tatsächlich einen stärkeren Sexualtrieb haben als Frauen.

Flirten, Bier trinken, küssen: Bei manchen Dates läuft alles auf Sex hinaus. Trotzdem will Lucas* nicht der "Penetrierer" sein. (Symbolfoto) (Quelle: Getty Images/LightFieldStudios)Flirten, Bier trinken, küssen: Bei manchen Dates läuft alles auf Sex hinaus. Trotzdem will Lucas* nicht der "Penetrierer" sein. (Symbolfoto) (Quelle: LightFieldStudios/Getty Images)

Das Glücksversprechen von Sex löst Stress aus

So viel, wie über Sex geredet wird, könnte man meinen, unsere Gesellschaft sei aufgeklärt. Doch meistens wird nur oberflächlich darüber gesprochen. Was kaum jemand erwähnt, aus Scham oder Unwissenheit, sind die Erektionsstörungen, die Scheidentrockenheit, die Unfähigkeit. Über Sex wird viel gelogen.

Durch Datingportale scheint Sex heute verfügbarer denn je zu sein, die Medien stellen jedes Detail zur Schau, dass angeblich jeder dauernd Sex hat, der noch dazu erfüllend ist. Diese Inszenierung, dieses Glücksversprechen, diese Idealbilder üben Druck aus, die Begehren und Erotik ersticken können. Sex ist kommerzialisiert und banalisiert. Das kann müde machen.

Rein, raus, fertig: Es mangelt an Erotik

Lucas hat Lust, noch immer. Er fühlt sich zu vielen Frauen hingezogen, ist schnell mal verknallt, genießt körperliche Nähe, ist leicht erregt – aber das Bedürfnis, in eine Frau einzudringen, hat er nicht. Auch eine Erektion bleibt daher oft aus.

In der allgemeinen Wahrnehmung ist der heterosexuelle Sex auf den Penis konzentriert. Getreu dem Motto: Rein, raus, fertig. Unsere Kultur hat im Gegensatz zur indischen oder japanischen keine Kunst der Erotik entwickelt, bemängelt der renommierte Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch. Der weltweit bekannte Psychiater (77) forscht seit fünfzig Jahren zum Thema Sex und war von 1973 bis 2006 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

In seinem Buch "Sexualitäten: Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten" schreibt er: "Es ist zu kurz gedacht, wenn männliche Sexualität als penetrierend, eindringend und aktiv, weibliche Sexualität aber als rezeptiv, aufnehmend und passiv verstanden wird." Tatsächlich sei unser Sexualleben unterentwickelt und viele Paare wüssten nicht einmal, wie die Genitalien des jeweils anderen Geschlechts beschaffen seien und funktionieren. Sexuelle Lust werde als rein physiologisch gesehen, "wie die Entleerung der Harnblase oder des Darmes", so die schonungslose Bilanz des Wissenschaftlers.

Ohnehin ist reine Penetration für erfüllenden Sex oftmals nicht ausschlaggebend. "Es ist eine narzisstische Kränkung für Männer, wenn sie feststellen, dass ihr Penis nicht im Mittelpunkt der Befriedigung steht", sagt der Experte Süfke und fügt humorvoll hinzu. "Penetration sichert den Fortbestand der Menschheit – aber nicht unbedingt den Fortbestand der Beziehung!"

Ein zufriedenes Leben ohne Sex: Geht das?

Erotik ist ein Feld, in dem Lucas Erfolge hat, erzählt er. "Ich glaube, ich spüre ziemlich gut im Bett, wo die Frau gerade steht. Ich spule da keine animalischen Akte ab, sondern behalte mir Offenheit, auf sie zu reagieren. Das ist nämlich etwas, das ich wirklich nicht verstehe: Wie manche Typen weitermachen können, obwohl sie merken, dass sich die Frau innerlich schon aus der Situation verabschiedet hat." Mit seiner aufgeweckten Art kommt er bei Frauen gut an, lernt regelmäßig jemanden kennen. Eine feste Beziehung hatte er jedoch seit Jahren nicht mehr.

Laut Welt­gesund­heits­organi­sation ist ein gelingendes Sexleben eng mit Wohlbefinden, Gesundheit und Lebensqualität verbunden. Lucas sieht das weniger absolut. Er war schon in vielen Therapien, aber geändert haben sie nichts an seiner Abneigung gegenüber Vaginalverkehr. Heute hat er sich mit der Tatsache abgefunden und findet nicht, dass er krank sei.

"Ich bin nur von Menschen umgeben, die mir erzählen, wie geil Sex ist. Ich denke mir halt: Wenn es mit dem Sex klappt, ist es geil – aber wenn nicht, ist es wie mit allen anderen Sachen, die einem entgehen. Ich mache ja zum Beispiel auch keine Weltreise. Ich mache dann halt einfach andere Sachen."

Lucas ist sich sicher, dass er mir seiner Ansicht nicht allein ist, dass es nur im öffentlichen Diskurs noch nicht angekommen ist. Nur manchmal wünscht er sich er wäre "normaler", "aber nicht, weil ich deswegen einen Minderwertigkeitskomplex habe, sondern weil mein Leben dann etwas einfacher wäre."

*Name von der Redaktion geändert

Quellen:
- Studie: Sexualverhalten in Deutschland (Ärzteblatt)
- Weltgesundheitsorganisation
- Volkmar Sigusch: "Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten", Campus Verlag
- Eigene Recherchen

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