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Tödliche Nähe: Dieser Patient ist Medizinern bis heute ein Rätsel


Dieser Patient bleibt Medizinern bis heute ein Rätsel


Aktualisiert am 22.11.2023Lesedauer: 3 Min.
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Mediziner kümmern sich um einen Patienten (Symbolfoto): Wie die Ärzte damals mitteilten, gab es weltweit nur einen Fall dieser Art. (Quelle: IMAGO/Zoonar.com/Yuri Arcurs peopleimages com/imago)

Ein Mann betritt eine Klinik, 16 Tage später ist er tot. Mediziner stehen vor einem Mysterium und rätseln bis heute über die Umstände seines Todes.

Dem Mann geht es schlecht. Das realisieren die Mediziner sofort. Drei Tage lang, so berichtet es der Patient, leide er nun schon unter schweren Grippesymptomen. Sein Fieber ist hoch, er bekommt kaum Luft. Zudem, und das macht den Ärzten des Rotes-Kreuz-Krankenhauses (RKK) in Bremen besonders Sorge: Auf Haut und Schleimhäuten des 63-Jährigen haben sich Einblutungen gebildet – ein deutliches Zeichen für eine Blutvergiftung. Für die Mediziner besteht umgehend Handlungsbedarf.

Die Ärzte ordnen eine Breitband-Antibiotika-Therapie an. In den meisten Fällen schlägt diese Form der Behandlung auch an, doch die Erkrankung, die den Patienten heimgesucht hat, ist so einzigartig wie tödlich. Weltweit gebe es nur einen weiteren Fall, der Parallelen zum Bremer Fall aufweist. Auch deshalb machen die Mediziner der Medizinischen Klinik und der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin den Fall im Jahr 2019 öffentlich. Etwas mehr als fünf Jahre ist der Tod des Mannes nun her – und dennoch beschäftigt er die Medizinwelt bis heute.

Außergewöhnlicher Fall schafft es in die Fachpresse

"Weltweit", sagte damals Dr. Martin Langenbeck, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am RKK, "gibt es kaum Veröffentlichungen dazu. Tritt ein so seltener Fall auf, sind wir Ärzte verpflichtet, die Behandlung zu dokumentieren und für Kolleginnen und Kollegen in der medizinischen Fachpresse zu veröffentlichen." Doch was machte den Fall so besonders? Warum waren die Ärzte nicht in der Lage, dem Mann zu helfen? Und hätte der Patient selbst etwas tun können, um zu überleben?

Dem 63-Jährigen werden Blutproben entnommen. Als die Analyse abgeschlossen ist, stellen die Ärzte ihre Diagnose. Der Mann hat sich mit dem Bakterium Capnocytophaga canimorsus angesteckt. So eine Infektion und vor allem der akute Verlauf, das machen die Mediziner deutlich, komme nur "äußerst selten" vor. Noch wesentlich seltener sind die Umstände, unter denen der Mann trotz Intensivbehandlung stirbt. Nach 16 Tagen werden die Geräte abgestellt, der Mann stirbt aufgrund multiplen Organversagens.

Bakterium in der Regel ungefährlich

Das Bakterium Capnocytophaga canimorsus findet sich in jedem Mundraum von Hunden und Katzen. Und Besitzer dieser Tiere werden es kennen: Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn die Vierbeiner einem durch das Gesicht lecken. In den allermeisten Fällen reagiert das menschliche Immunsystem und kämpft dagegen an, das Bakterium gilt deshalb grundsätzlich als ungefährlich. Doch für den 63-Jährigen ist es letztlich tödlich.

Wie das RKK am 27. November 2019, etwas mehr als ein Jahr nach dem Vorfall, schreibt, sei weltweit nur ein weiterer ähnlicher Fall bekannt. Das Besondere am Bremer Beispiel: Infizieren sich Menschen mit dem Erreger, dann passiert das laut den Ärzten in aller Regel über Hundebisse beziehungsweise über Speichelkontakt mit offenen Wunden. Das war beim 63-Jährigen nicht der Fall.

Eine Chance hätte der Mann wohl gehabt

Außerdem sei das Immunsystem des Mannes intakt gewesen. Häufig erleiden, so bisherige Untersuchungen, vor allem Patienten schwere Verläufe, die alkoholkrank sind oder denen bereits die Milz entfernt wurde. Auch das war beim Bremer Patienten nicht der Fall. Der Hund des Mannes leckte seinem Besitzer lediglich durchs Gesicht – das war dessen Todesurteil.

Eine Chance hätte der 63-Jährige jedoch gehabt, zu überleben, mutmaßte Chefarzt Langenbeck damals: "Wir gehen davon aus, dass eine frühere Vorstellung im Krankenhaus und eine frühere Antibiotikatherapie den schweren Verlauf der Erkrankung deutlich abgemildert hätte."

Ärzte empfehlen sofortige Reinigung der Wunde

Jährlich kommt es zu 30.000 bis 50.000 Hundebissen in Deutschland. Jedoch sterben an den Folgen einer damit verbundenen Infektion lediglich eine bis durchschnittlich sechs Personen. Das geht aus einer Studie des Robert Koch-Instituts von 2006 hervor. Und von diesen Todesfällen seien die meisten auf Tollwut, aber nicht auf das Bakterium Capnocytophaga canimorsus zurückzuführen. Das macht den Fall aus Bremen noch einzigartiger.

Ärzte empfehlen bei Hunde- und Katzenbissen eine sofortige Reinigung der Wunde, im Anschluss sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden. "Auch Patienten, die keine Störung des Immunsystems haben und regelmäßig mit Speichel von Hunden oder Katzen in Kontakt kommen, sollten bei ungewöhnlich schwer verlaufenden Infekten mit Grippesymptomen und Kopfschmerzen zum Arzt gehen", rät Chefarzt Langenbeck.

Verwendete Quellen
  • roteskreuzkrankenhaus.de: "Ärzte des Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen veröffentlichen wissenschaftliche Arbeiten zu seltener Infektionserkrankung eines Hundebesitzers 2018"
  • ejcrim.com: "Being Licked by a Dog Can Be Fatal: Capnocytophaga canimorsus Sepsis with Purpura Fulminans in an Immunocompetent Man" (Englisch)
  • rki.de: "Epidemiologisches Bulletin – Fallbericht: Infektion mit Capnocytophaga canimorsus nach einem Hundebiss" (2016, PDF)
  • Eigene Recherche
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