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Ostsee/Kiel: Sport- und Fischervereine vor dem Aus – "das ist der Todesstoß"

Pachterhöhung an der Ostsee  

Fischer- und Sportvereine stehen vor dem Aus

28.07.2021, 07:41 Uhr
Ostsee/Kiel: Sport- und Fischervereine vor dem Aus – "das ist der Todesstoß". Ein Angler in Kiel (Symbolbild): Für viele Vereine könnte die Pachterhöhung das Aus bedeuten. (Quelle: imago images/Panthermedia)

Ein Angler in Kiel (Symbolbild): Für viele Vereine könnte die Pachterhöhung das Aus bedeuten. (Quelle: Panthermedia/imago images)

Eine neue Gebührenordnung für Nord- und Ostsee könnte das Ende für viele Fischer- und Sportbootvereine bedeuten. In Friedrichsort wehrt sich der Boje e.V. gegen eine Verdreifachung der Pachtgebühr.

Der kleine Fischer- und Sportbootverein Boje e.V. aus dem Kieler Stadtteil Friedrichsort hätte in diesem Jahr eigentlich sein 40-jähriges Bestehen gefeiert. Doch es wird wohl "ein Trauerjubiläum", wie der Vorsitzende Rüdiger Stöhr sagt.

Von einem Jahr aufs andere hat die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) die Pacht für den etwa 15-köpfigen Verein so drastisch erhöht, dass es das Ende des Vereins bedeuten könnte. Und der Boje-Verein stellt wohl keinen Einzelfall dar. Die Gebührenneuordnung betrifft die komplette Sport- und Freizeitschifffahrt in und an Bundeswasserstraßen – also Nordsee, Ostsee sowie zahlreiche Flüsse und Seen.

Statt den bisherigen 1.144 Euro pro Jahr sollen die Boje-Mitglieder nun 3.427 Euro für die 5.000 Quadratmeter Fläche vorm Skagerrakufer zahlen – also knapp das Dreifache. "Zuerst sollten es sogar 4.240 Euro sein", sagt Rüdiger Stöhr. Doch nachdem er Widerspruch eingelegt hatte, ergab eine Neuberechnung des Amtes den reduzierten Betrag.

Mehr als 15.000 Vertragspartner betroffen

"Für mich ist das Wucher und gehört in den Bereich der Unsittlichkeit", sagt der Vereinsvorsitzende Stöhr mit mühsam unterdrückter Wut. "Ich dachte immer, in Deutschland sei das verboten, und jetzt ist es von einer staatlichen Bundesstelle verordnet – und das will mir nicht in den Kopf fallen."

Die WSV hat rund 15.500 Verträge mit Fischern, Bootsnutzern und Wassersportlern, 650 davon mit gemeinnützigen Vereinen. Die neue Gebührenordnung, die für sie alle gilt, ist seit April dieses Jahres in fünf Stufen unterteilt.

Sie richtet sich unter anderem nach Verkehrsaufkommen, Wasserstraßenart (See, Fluss, Bucht, etc.), Nutzfläche und Attraktivität für Freizeitbeschäftigungen. Daraus ergibt sich eine Pacht zwischen 0,80 Euro und zwei Euro pro Quadratmeter. Der Boje-Verein rutschte nach den Berechnungen der WSV in die höchste Kategorie.

Genau wie die Steganlage von Birger Rosenbrook, ein Stück weiter westlich gelegen. Er hatte bisher eine Pacht von 3.400 Euro – und soll jetzt 5.500 Euro bezahlen. "Und der Witz ist", sagt Rosenbrook, "sie wollen auch rückwirkend auf 2019 und 2020 Nachzahlungen. Das ist eigentlich inakzeptabel und aus meiner Sicht auch nicht zu begründen." Die Einstufungen seien für ihn nicht nachvollziehbar. Eine Begründung über die neue Einstufung hinaus habe er ebenso wenig erhalten wie der Boje-Verein.

Kritik an Intransparenz der Behörde

Dazu, wie es zu der Einstufung des Boje-Vereins kam, möchte man bei der WSV keine genaueren Angaben machen, mit Hinweis auf das laufende Widerspruchsverfahren. Auf die Frage, ob und wie viele weitere Beschwerden die Behörde bezüglich der Gebührenneuordnung erreichten, gab die WSV auf Anfrage keine Auskunft.

Böse Absichten unterstellt Stöhr der WSV nicht. "Sie haben einfach die kleinen Boote nicht bedacht", sagt er. "Und was sie hier für einen Schaden beim kleinen Mann anrichten. Unser Anspruch ist nicht, hier in Friedrichsort nur die großen, teuren Boote zu haben."

"Das ist der Todesstoß"

Boje-Mitglied Erhard Schinnow verdient als Fischer sein Geld. Für ihn ist die Gebührenerhöhung eine "Katastrophe", wie er sagt. "Das rechnet sich dann nicht mehr für mich. Das ist der Todesstoß."

Sein Vereinskollege Nils Stuhr hat grundsätzlich Verständnis für Gebührenerhöhungen. "Aber es in diesem Maße zu machen, zwingt kleine Vereine wie uns, sich aufzulösen. Es wird schwierig, dann das Hobby überhaupt noch auszuüben." Denn Alternativen für das Anlegen kleiner Boote gebe es kaum. Stuhr vermutet hinter der Pachterhöhung "ein gewisses Kalkül" vonseiten der Behörde. "Denen ist ja auch klar, dass kleine Vereine so eine Erhöhung auf Dauer nicht mitmachen können." Möglicherweise wolle die WSV lieber besser zahlende Kundschaft auf den Liegeplätzen haben.

Die Slipanlage ist abgesperrt: Die Anlage sei laut Angaben der zuständigen Behörde nicht sicher. (Quelle: Rüdiger Stöhr)Die Slipanlage ist abgesperrt: Die Anlage ist laut Angaben der zuständigen Behörde nicht sicher. (Quelle: Rüdiger Stöhr)

Slipanlage gesperrt

Dafür spricht aus Sicht der Vereinsmitglieder auch eine weitere Maßnahme der WSV: Die Slipanlage, über die sie bisher ihre Boote zu Wasser gelassen hatten, wurde vor Kurzem von der Behörde gesperrt. Neben dem Verein hatten auch viele andere Freizeitschiffer, Taucher und Schwimmer die Anlage genutzt. Die WSV begründet die Schließung damit, die Anlage sei nicht genehmigt und zudem nicht verkehrssicher. Zur "Gefahrenabwehr" für Badende habe sie deshalb gesperrt werden müssen.

"Mir ist nicht bekannt, dass da mal irgendetwas passiert wäre", sagt Rüdiger Stöhr. Man habe als Verein angeboten, gemeinsam mit dem WSV eine Lösung zu finden, die eine Schließung verhindert hätte. "Aber auch da war überhaupt kein Entgegenkommen", so sein Vereinskollege Stuhr. Stöhr meint: "Die WSV scheut wohl einfach die Unterhaltungskosten."

Versicherungskosten zu hoch

In der Tat heißt es vom Amt: "Eine Instandsetzung der Anlage durch die WSV ist wirtschaftlich nicht vertretbar. Ziel ist es, die Anlage einem Dritten zur Nutzung zur Verfügung zu stellen, der gleichzeitig diese Anlage unterhält und die Verkehrssicherungspflicht wahrnimmt. Sollte dies scheitern, muss die Anlage zurückgebaut werden."

Diese Versicherungskosten jedoch, so Stöhr, könne sich der Verein nicht leisten – schon gar nicht zusätzlich zur gestiegenen Pacht.

Der Boje-Verein hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Beim Landtag haben die Mitglieder eine Petition gegen die Pachterhöhung eingereicht. "Es gibt für uns keine Alternative", sagt Rüdiger Stöhr vom Boje-Verein. "Wenn wir das hier nicht finanzieren können, wenn wir keine Lösung finden, dann muss sich der Verein auflösen, dann hat Friedrichsort eine Attraktion weniger."

Verwendete Quellen:
  • Gespräche mit Rüdiger Stöhr,  Vorsitzender Fischer- und Sportboot-Verein Boje e.V.
  • Nils Stuhr, Vereinsmitglied
  • Erhard Schinnow, Vereinsmitglied
  • weitere Quellen
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