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Meinung
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Ihr wisst doch gar nichts, also haltet einfach euren Mund

Ein Kommentar von Andreas Raabe

Aktualisiert am 03.04.2022Lesedauer: 3 Min.
Gil Ofarim (Archivbild): Was weiß die Internet-Bubble denn schon, was wirklich in Leipzig vorgefallen war?
Gil Ofarim (Archivbild): Was weiß die Internet-Bubble denn schon, was wirklich in Leipzig vorgefallen war? (Quelle: Gerald Matzka/dpa-bilder)
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Die Anklage gegen Gil Ofarim facht eine alte, schon längst nervig gewordene Debatte wieder an. Und das, ohne Antworten zu geben. Deshalb sollten wir alle einfach mal den Mund halten.

Nach dem Paukenschlag im Fall Ofarim tobt er wieder, der Internet-Mob. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hatte den Mitarbeiter des Hotels Westin vom Vorwurf entlastet, den Sänger Gil Ofarim antisemitisch angegriffen zu haben – und gleichzeitig den Musiker selbst wegen Verleumdung angeklagt.

Doch eine Anklage ist noch kein Urteil. Und es wäre besser, auch jetzt einfach mal den Mund zu halten. Der Fall ist keineswegs geklärt. Wir wissen gar nichts.

Der Fall Ofarim war von Anfang an schwierig: Das ging los mit den Reaktionen auf das Video des Sängers, das er im Oktober letzten Jahres ganz aufgelöst auf dem Bordstein sitzend vor dem Leipziger Hotel Westin aufgenommen und auf Instagram veröffentlicht hatte.

Leipzig: Welle der Empörung in den sozialen Medien

Sofort tobte eine Welle der Empörung durch die sozialen Medien. Ein Höhepunkt war der Tweet der sächsischen Justizministerin, die schrieb: "Dieser offene Antisemitismus im Hotel Westin in Leipzig ist unsäglich und unerträglich. Das muss Konsequenzen haben – und eine Entschuldigung reicht da nicht aus." Ja, was hätte denn ausgereicht zu diesem Zeitpunkt – und auf Basis welcher Fakten?

Kurz darauf drehte sich der Wind, das ging ganz schnell. War ja klar! Und dann hieß es, Ofarim hätte sich das alles nur ausgedacht, völlig hysterisch übertrieben. Die Gutmeinenden schrieben: Vielleicht hat er da ja nur etwas in den falschen Hals gekriegt?

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Doch in vielen dieser Kommentare, verfasst zuhauf in den sozialen Medien, schwang ein ganz schön ekelhafter Antisemitismus mit. So nach dem Motto: So sind sie halt, die Juden.

Im Zweifel für den Angeklagten

Es ist ein bisschen langweilig, das hier zu sagen, aber es gilt der Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten. Und der gilt für alle.

Was für einen Grund sollte Ofarim gehabt haben, diese ganze Sache ohne Not vom Zaun zu brechen? Die Antwort ist ebenso einfach, wie unbefriedigend: Wir wissen es nicht.

Oder: Warum sollte ein Mitarbeiter des größten internationalen Hotels in Leipzig einem Gast die Übernachtung verwehren, weil er einen Davidstern trägt? Wir wissen es nicht.

Ob das eine oder das andere Sinn ergibt, ist völlig egal, denn wir wissen immer noch nicht, was wirklich vorgefallen ist.

Die Leute fangen an, nur noch über sich selbst zu reden

Die Anklage der Staatsanwaltschaft ist kein Beweis für Ofarims Schuld. Der Fall ist komplex, Details noch völlig ungeklärt. Vermutlich kann nur ein Schuldeingeständnis Ofarims dem Fall die entscheidende Wende geben. Aber trotzdem tobt jetzt wieder der Mob im Internet: "Gil, der Lügner". Und man will einfach nur sagen: Haltet doch euren Mund!

Denn wenn jeder was sagen will, aber keiner was weiß und alle ganz aufgeregt sind, dann fangen die Leute an, nur noch über sich selbst zu reden. Sie tun dies, indem sie eine Seite wählen: für Ofarim – oder gegen Ofarim. Schlauberger und Moralisten führen ihre Tänzchen in der Twitter-Öffentlichkeit auf.

Spätestens in dem Moment geht es nur noch um den Kommentator und nicht mehr um die Sache. Es geht nicht um Ofarim, nicht um "Herrn W." vom Hotel Westin – es geht nur noch um Twitternutzer XY, der jetzt mal demonstrieren muss, wo er oder sie steht.

Und wie man heute sehen konnte, beteiligen sich an diesem wenig würdevollen Spiel nicht nur Justizministerinnen – sondern auch sächsische Ministerpräsidenten.

Es tun sich Abgründe auf

Im Laufe dieser Nabelschau tun sich Abgründe auf. Und vielleicht ist das der einzige Mehrwert aus dieser Diskussion: nämlich, dass uns bewusst wird, in welche Tiefen sich eine Diskussion bewegen kann, wenn alle mitreden wollen, aber keiner etwas weiß.

Deshalb sollten wir uns alle beruhigen, verbal auf die Bremse treten – und einfach mal abwarten, was denn am Ende so rauskommt im Fall Gil Ofarim.

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Von Jonas Mueller-Töwe
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