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Eine psychische Erkrankung trifft auch den Partner

dpa, Eva Dingös

06.11.2015Lesedauer: 3 Min.
Wenn der Partner psychisch krank ist, kann das auch die Beziehung belasten.
Wenn der Partner psychisch krank ist, kann das auch die Beziehung belasten. (Quelle: dpa-bilder)
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"Ich war schon beim Scheidungsanwalt." Karl Heinz Möhrmann aus MĂŒnchen erinnert sich noch gut, wie er es einfach nicht begreifen konnte. Warum reagierte seine Frau plötzlich so voller Ablehnung und Aggression auf ihn? Bis er erfuhr, dass ihre Krankheit, eine bipolare Störung, dafĂŒr verantwortlich war.

Karl Heinz Möhrmann zieht den Scheidungsantrag zurĂŒck und begleitet seitdem seine Frau durch das Auf und Ab der Erkrankung. Seine Erfahrungen gibt er im Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker an andere Betroffene weiter.

UnerklÀrliches und verletzendes Verhalten

"Eine psychische Erkrankung trifft nicht nur den Betroffenen, sondern das gesamte soziale Umfeld", sagt Möhrmann. Die Angehörigen mĂŒssen mit Reaktionen des Erkrankten leben lernen, die unerklĂ€rlich und verletzend sein können. Und sie sind zugleich mit einer Krankheit konfrontiert, deren Verlauf und AusprĂ€gung sich kaum vorhersagen lassen und fĂŒr die es oft auch keine eindeutige Ursache gibt.

Partner suchen die Schuld oft bei sich

"Angehörige fragen sich oft, ob sie schuld sind, wenn der Partner zum Beispiel an einer Depression erkrankt", sagt Professor Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Wir hatten so schöne Zeiten - warum ist mein Mann jetzt immer so traurig? Ich versuche doch immer, meine Partnerin aufzuheitern - warum weist sie mich stĂ€ndig zurĂŒck?

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Liebe allein heilt nicht

Gleichzeitig melden sich Zweifel: Könnte er nicht einfach mal die ZĂ€hne zusammenbeißen? Warum lĂ€sst sie sich so hĂ€ngen? Solche Fragen seien typisch, sagt Hegerl, ebenso die Hoffnung, durch FĂŒrsorge dem Partner wieder auf die Beine zu helfen. "Man glaubt, mit Liebe heilen zu können. Aber das funktioniert nicht. Es geht nicht ohne Ă€rztliche Behandlung", sagt Hegerl. Und: "Angehörige sollten sich ĂŒber die Krankheit informieren."

Hilflosigkeit belastet

Oft ist es ein langer Weg bis zur Diagnose. Und nicht immer ist der Patient sich seiner Krankheit bewusst. "Das sind schwierige Situationen, manchmal ist man da einfach hilflos", sagt Ulrich Hegerl. Bei einer Depression beispielsweise, sei der Erkrankte aber auch so kraft- und antriebslos, dass er es selbst einfach nicht mehr schaffe, einen Termin beim Arzt auszumachen. "Das könnte dann tatsĂ€chlich der Partner ĂŒbernehmen."

Partner in die Therapie einbeziehen

Geht es um die Behandlung, fĂŒhlen sich viele Angehörige ausgegrenzt, ist die Erfahrung von Karl Heinz Möhrmann. Er plĂ€diert dafĂŒr, die Partner so weit wie möglich in die Therapie einzubeziehen. "Wenn Patienten aus der Klinik entlassen werden, sollen sich die Angehörigen ja schließlich um sie kĂŒmmern." Sie mĂŒssen Symptome lesen und einordnen können, mĂŒssen Geduld haben und Grenzen setzen: Muss wirklich die ganze Wohnung verdunkelt sein, weil die an einer Depression erkrankte Ehefrau kein Tageslicht ertrĂ€gt? Oder lĂ€sst sich nicht doch ein Kompromiss finden, der den BedĂŒrfnissen beider Partner gerecht wird?

Klare Kommunikation ist wichtig

DafĂŒr sollten beide miteinander sprechen - aber auch das funktioniert vielleicht nicht mehr so wie vor der Erkrankung. Je klarer die Aussagen sind, umso besser werden sie verstanden. Sehr problematisch dagegen sind "doppelte Botschaften", sagt Manfred Ziepert, niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut in Jena und langjĂ€hriger Chefarzt am Landesfachkrankenhaus Stadtroda. "Mit Worten sage ich, 'es ist schon alles so in Ordnung, du bist ja krank und kannst nichts dafĂŒr' - und meine Augen, meine GesichtszĂŒge sagen: 'Ich kann einfach nicht mehr, ich bin nur noch zornig und verzweifelt'."

Auf sich selbst achten stÀrkt auch die Beziehung

In der Beziehung zu einem psychisch kranken Menschen gehe es um Liebe und Abgrenzung, betont Ziepert: "Die meisten zerstörten Ehen und Familien mit einem psychisch kranken Familienmitglied, die ich kenne, sind dadurch zerbrochen, dass die Angehörigen das Elend zu lange aushalten mussten - oder glaubten, es aushalten zu mĂŒssen." Nur wer auch auf sich selbst achtet, sich schöne Erlebnisse gönnt, bleibe stark genug fĂŒr den anstrengenden Alltag.

Klinikeinweisung - manchmal auch gegen den Willen des Betroffenen

Manchmal fĂŒhrt kein Weg an einer Einweisung in die Psychiatrie vorbei - auch wenn der Kranke selbst es nicht will. "Die Angehörigen sitzen dann rettungslos zwischen den StĂŒhlen", sagt Ziepert. "Was sie auch tun, ist in ihren Augen oder denen des Kranken verkehrt." Wenn sie nichts unternehmen und versuchen alles auszuhalten, werde es fĂŒr sie letztlich unertrĂ€glich. "Veranlassen sie eine Einweisung, werden sie in den Augen des Kranken und vielleicht auch anderer Menschen zu VerrĂ€tern."

Selbsthilfegruppen können entlasten

Freunde ziehen sich in solchen Situationen oft zurĂŒck, Nachbarn reagieren ablehnend, Kollegen tuscheln: Auch das gehört zu den Erfahrungen, die Partner von psychisch Kranken machen. "Im GesprĂ€ch ist ganz schnell Funkstille, wenn man das Thema anspricht", erzĂ€hlt Karl Heinz Möhrmann. "Sie können mit anderen Menschen stundenlang ĂŒber Fußball oder Autos reden, aber nicht ĂŒber psychische Krankheiten." FĂŒr den MĂŒnchner war das ein wichtiger Grund, sich in der Selbsthilfe zu engagieren. FĂŒr viele Partner psychisch Kranker sei es ein Aha-Erlebnis, wenn sie erleben, dass es andere Menschen mit Ă€hnlichen Sorgen gibt.

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