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Zugunglück in Recklinghausen: "Wissen nicht, warum Kinder an Gleisen waren"


Zug schleift Kinder mit
Wollten sie nur schnell eine Abkürzung nehmen?

Von dpa
Aktualisiert am 03.02.2023Lesedauer: 4 Min.
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Polizeieinsatzkräfte sichern den Unfallort: Warum die Kinder auf den Gleisen waren, ist bislang nicht klar. (Quelle: Reuters)
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Warum hielten sich die beiden Jungen im Gleisbereich auf? Wo exakt ereignete sich der Unfall? Nach einem Zugunglück gibt es viele Fragen.

Ein zehnjähriger Junge ist tot, ein neunjähriges Kind liegt schwer verletzt im Krankenhaus – erfasst von einem Güterzug in Recklinghausen. Eine Horrorvorstellung. Es ist dunkel. Die beiden Kinder im Grundschulalter prallen auf den fast 600 Meter langen Zug. Warum hielten sich die beiden Jungen im Gleisbereich auf? Wo exakt ereignete sich das Unglück? Was genau passiert ist, das bleibt auch am Tag danach völlig unklar.

Eine Gewissheit gab es dagegen schon kurz nach dem Unfall am Donnerstagabend: Für den Zehnjährigen kam jede Hilfe zu spät, er konnte nicht gerettet werden. Der Jüngere wurde noch am Abend operiert. Dann, am Freitagmorgen, gab es ein erstes vorsichtiges Aufatmen: Der Neunjährige schwebt nicht in akuter Lebensgefahr.

Noch am Abend war Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) an den Unglücksort geeilt. "Unsere Gedanken sind bei dem Kind, das im Krankenhaus ist, dass das gut geht", sagt er mit belegter Stimme. Kurz zuvor hatte ein Rettungswagen die Eltern des Kindes in die Klinik gefahren. "An der Eisenbahn, Kinder im jungen Alter: Das ist schon fürchterlich, was da passiert ist", sagt Reul. Es sei ein "großes Drama, wenn Kindern so etwas passiert".

"Das zieht einem die Beine weg"

Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) spricht den Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Wer selber Kinder hat, hat vielleicht eine Ahnung, wie schlimm das sein muss, wenn das eigene Kind aus dem Leben gerissen wird", betont der Vater einer Tochter in Düsseldorf. Auch SPD-Landeschef Thomas Kutschaty zeigt sich betroffen: "Dass auch noch Kinder die Opfer sind, zieht einem die Beine weg."

Am Tag nach dem tödlichen Drama weisen niedergerissene Absperrbänder an einem Bahnübergang auf die Ereignisse der Nacht hin. Einige Hundert Meter vom Bahnübergang entfernt stehen nun Polizeibeamte in Warnwesten mitten auf den Gleisen. Daneben die Unglückslok mit ihren Anhängern – an der Stelle, an der sie zum Bremsen kam. Ermittler hatten den Unfallort bis in die Nacht untersucht.

Am Freitagvormittag stiegen dann bei besserer Sicht zwei Drohnen auf. Man habe Fotos von dem langen Güterzug gemacht und vom kompletten Unfallbereich, erläutert Polizeisprecher Andreas Lesch. "Womöglich können wir später noch Spuren gewinnen."

Wo genau sich der Unfall auf der langen Strecke ereignete, muss noch geklärt werden. Die Ermittler bleiben vage. Sie geben nur preis: irgendwo zwischen Recklinghausen Hauptbahnhof und Recklinghausen-Ost. "Wir machen dazu keine näheren Angaben, zum Schutz der Familien. Wir wollen es nicht noch schlimmer machen, als es ohnehin schon für sie ist", unterstreicht Lesch. Zahlreiche Medienvertreter sind gekommen, Kameras auf den Schultern.

Wollten die Kinder den Weg abkürzen?

Es ist bewölkt, trübe, stark windig an diesem Freitag. In der angrenzenden Wohngegend direkt in Gleisnähe herrscht nach dem Großeinsatz wieder Ruhe. "Hier war gestern alles abgesperrt. Es ist etwas Schlimmes passiert, aber was genau, wissen wir nicht", erzählt eine Spaziergängerin. Ein Anwohner hatte das Blaulicht und die vielen Einsatzkräfte vom Balkon aus gesehen. Es gebe Gerüchte, dass die Kinder ihren Weg abkürzen wollten und daher über die Gleise gegangen seien, meint der 84-Jährige.

Der Polizeisprecher merkt dazu nur an: "Wir wissen nicht, warum sich die Kinder im Bereich der Gleise aufgehalten haben." Es gebe keine Hinweise darauf, dass noch weitere Kinder am Unfallgeschehen beteiligt waren. Immerhin ein winziger Trost. Denn unmittelbar nach dem Unglück war unklar gewesen, ob ein drittes Kind oder womöglich eine noch größere Gruppe involviert war.

Blumen oder Kerzen sind zunächst nicht zu sehen. Aber wo sollte man die auch ablegen, wenn der genaue Ort des Unfalls doch so ungewiss ist? Allein zwischen dem vorübergehend abgesperrten Bahnübergang und dem Standort der Unglückslok liegen mehrere Hundert Meter.

Der Lokführer hat das Unglück äußerlich unversehrt überstanden. Durch den Bremsvorgang hat er keine körperlichen Verletzungen erlitten, wie der Polizeisprecher berichtet. Er wird von Notfallseelsorgern betreut. Der Lokführer sei psychisch stark getroffen, stehe unter dem "Eindruck der furchtbaren Vorkommnisse". Zu seiner Person und zur Herkunft des Güterzuges äußerte sich Sprecher Lesch nicht.

Die Ermittler bitten um Mithilfe von Augenzeugen. "Vielleicht hat jemand die Kinder gesehen, noch im Vorfeld des Unfalls", beschreibt die Polizei ihre Hoffnung. Voraussichtlich am Montag soll der zehnjährige Junge obduziert werden. Zu seiner Familie gibt es keine Informationen von den Ermittlern.

Einsatzkräfte hatten am Abend die Unglücksstelle weiträumig abgesperrt. Mehrere Dutzend Menschen versammelten sich in der Dunkelheit vor den Flatterbändern und warteten auf Informationen. Viele kennen sich. Neben zwei Dutzend Polizisten sind auch Notfallseelsorger da. Angehörige werden von Opferschutzbeauftragten betreut.

"Das ist so schmerzlich"

Ein junger Mann berichtet kurz nach dem Unglück, er kenne die Familie des verletzten Kindes. Als er gehört habe, was passiert sei, habe er sofort besorgt zu Hause angerufen und sich nach seinen jüngeren Geschwistern erkundigt. Sie waren zu Hause, in Sicherheit, ein Glück. Er erzählt auch von einem verlassenen, ehemaligen Bahngebäude am alten Ostbahnhof, in dem sich häufig Jugendliche aufhielten. Man komme dort entweder durch die Büsche oder über die Gleise hin. Doch ob das Unglück dort geschah oder woanders, gehört zu den offenen Fragen.

Kurz nach 18 Uhr war der Notruf eingegangen. Die Polizei geht davon aus, dass der Lokführer die Feuerwehr verständigt hatte. Noch weit nach Mitternacht waren auf einem Gleis Einsatzkräfte mit Taschenlampen zu sehen.

Eine Anwohnerin fühlt mit den Angehörigen des ums Leben gekommenen und des schwer verletzten Kindes. Auch wenn sie nicht weiß, um wen es sich bei ihnen handelt. "Theoretisch könnten es Freunde meiner Kinder sein. Das ist so schmerzlich."

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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