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Uni Erfurt erforscht DDR-Kinoalltag

Gloria-Palast und Union-Theater  

Uni Erfurt erforscht DDR-Kinoalltag

11.07.2021, 12:28 Uhr | dpa

Uni Erfurt erforscht DDR-Kinoalltag. Kathleen Kröger, Studentin der Geschichtswissenschaft, zeigt an der Universität Erfurt aus der Sammlung mit Filmwochenschauen eine Rolle des Blick in die Welt von 1955: Historiker und Kommunikationswissenschaftler der Universität Erfurt forschen an der Uni Erfurt auch zum DDR-Kinoalltag. (Quelle: dpa/Martin Schutt)

Kathleen Kröger, Studentin der Geschichtswissenschaft, zeigt an der Universität Erfurt aus der Sammlung mit Filmwochenschauen eine Rolle des Blick in die Welt von 1955: Historiker und Kommunikationswissenschaftler der Universität Erfurt forschen an der Uni Erfurt auch zum DDR-Kinoalltag. (Quelle: Martin Schutt/dpa)

"Die Legende von Paul und Paula", "Die Söhne der großen Bärin", Sowjetfilme, aber auch Hollywood-Streifen und Italo-Western – der Kino-Alltag in der DDR war durchaus bunt. Forscher der Uni Erfurt rekonstruieren ihn mithilfe von Zeitzeugen.

Ob Kosmos in Berlin, Capitol in Leipzig oder Gloria-Palast und Union-Theater in der Provinz – für Generationen früherer DDR-Bürger sind Namen wie diese mit Kinoerinnerungen verbunden. Aber vor allem jenseits der größeren Städte hat sich die ostdeutsche Filmtheaterlandschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv gelichtet. Auf einer digitalen Landkarte der Universität Erfurt werden die DDR-Kinos dokumentiert.

Die Plattform ist Kern einer Untersuchung von Historikern und Kommunikationswissenschaftlern zum DDR-Kinoalltag. 376 Standorte sind auf der Online-Karte inzwischen dokumentiert, seit sie im vergangenen Herbst freigeschaltet wurde.

Forschungslücke Kinoalltag in der DDR

Die Wissenschaftler wollen ein Stück Alltagsgeschichte der DDR sichtbar machen, das bisher kaum im Mittelpunkt zeitgeschichtlicher Forschungen stand. "Es gibt zwar relativ viel Forschung zur Kinopolitik in der DDR und den Filmverboten nach 1965", sagt die Historikerin Christiane Kuller, die das Projekt zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler leitet. "Aber der Kino-Alltag selbst und die Lebenserfahrungen der DDR-Bürger damit sind eine echte Forschungslücke."

Marcus Plaul (l-r), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Anna-Rosa Haumann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Patrick Rössler, Professor für Kommunikationswissenschaft und Kathleen Kröger, Studentin der Geschichtswissenschaft, betrachten an der Universität Erfurt eine Sammlung mit Filmwochenschauen. (Quelle: dpa/Martin Schutt)Marcus Plaul (l-r), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Anna-Rosa Haumann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Patrick Rössler, Professor für Kommunikationswissenschaft und Kathleen Kröger, Studentin der Geschichtswissenschaft, betrachten an der Universität Erfurt eine Sammlung mit Filmwochenschauen. (Quelle: Martin Schutt/dpa)

Bei den Filmverboten bezieht sie sich auf das berüchtigte XI. Plenum der SED-Spitze 1965. In dessen Folge war nahezu ein kompletter Jahrgang an nicht ins ideologisches Bild passenden DDR-Spielfilmen verboten worden.

Nach Einschätzung der DEFA-Stiftung, die das filmische Erbe der DDR bewahrt, ist das Erfurter Forschungsprojekt bislang einmalig, wie Sprecher Philip Zengel sagt. "Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt." Die Universität kann dabei auch auf einen eigenen Fundus aus Plakaten, Programmen oder Ankündigungsfotos von 4.500 in der DDR aufgeführten Spielfilmen aus dem Bestand des früheren Progress-Filmverleihs zurückgreifen.

Zeitzeugen helfen bei der Studie

Eine Hauptrolle aber spielen ostdeutsche Hobby-Cineasten: Ehemalige Kinobesucher, Filmvorführer und auch Menschen, die als Statisten bei DEFA-Filmen mitgespielt haben, tragen frühere Kino-Standorte in die Online-Karte ein, steuern auch alte Tickets, Plakate, Filmprogramme und schriftliche Erinnerungen bei. Zudem entstand im Zusammenhang mit der Plattform eine Wanderausstellung über Thüringen als Drehort für DEFA-Filme. "Eigentlich sollte sie durch Thüringen touren, leider kam die Pandemie dazwischen", so Rössler.

Kinostandorte in den heutigen Bundesländern Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind digital erfasst –  und mit ihnen teils auch Geschichten um die Lichtspielhäuser. So ist etwa für das einstige Alhambra Luckenwalde vermerkt, dass der Betrieb um die Jahrtausendwende eingestellt und dort eine Bar eröffnet wurde. Unter anderem zu den einstigen Silvana-Lichtspielen in Berlin-Baumschulenweg sind Tickets hochgeladen.

Das Forschungsprojekt "Kino in der DDR – Rezeptionsgeschichte von unten'· ist an der Interdisziplinären Forschungsstelle für historische Medien (IFhM) angesiedelt. Anhand von Zeitzeugenberichten, Beschreibungen und überlieferten Dokumenten soll eine Alltagsgeschichte des DDR-Kinofilms erarbeitet werden  (Quelle: dpa/Martin Schutt)Das Forschungsprojekt "Kino in der DDR – Rezeptionsgeschichte von unten'· ist an der Interdisziplinären Forschungsstelle für historische Medien (IFhM) angesiedelt. Anhand von Zeitzeugenberichten, Beschreibungen und überlieferten Dokumenten soll eine Alltagsgeschichte des DDR-Kinofilms erarbeitet werden (Quelle: Martin Schutt/dpa)

Zu den "Fütterern" der Plattform gehört René Hube aus Wünsdorf bei Berlin. Für den heute bei einem Autoersatzteilvertrieb arbeitenden 61-Jährigen war Kino "das größte Kulturerlebnis, was es in der DDR gab", wie er erzählt. "Was sollte man sonst anstellen?" Als Kind zog es ihn zu den Märchenfilmen, als Teenager zu den DEFA-Indianerfilmen, später zu den westlichen Produktionen. "Für "Otto – der Film" habe ich auf dem Zeltplatz Kallinchen drei Stunden angestanden", erinnert er sich. Auch für den Film der schwedischen Popband "Abba" fuhr er extra auf einen Campingplatz.

Zentrum der Filmszene war Berlin

Filmleinwände auf Zeltplätzen, in Betriebsferienheimen, Schulen, das Landkino in Dörfern und natürlich die regulären Lichtspielhäuser – "diese Vielfalt der Aufführungsorte finde ich sehr interessant am DDR-Kino", sagt die Historikerin Kuller. Allerdings hätten Kinofans außerhalb Berlins, dem zentralen Erstaufführungsort, oft lange auf Neuerscheinungen warten müssen, berichtet Co-Projektleiter Rössler, der über die Plattform mit einer Reihe früher im Kinowesen beschäftigter Menschen in Kontakt gekommen ist. "Wenn Berlin durch war, kamen in der Regel die Bezirksstädte dran und erst dann die kleinen Orte."

Grund sei die relativ geringe Zahl der georderten Filmkopien –  damals noch aus Zelluloid auf Spulen –  gewesen. "Da wurde zwischen den Orten Spule für Spule getauscht." Zeitzeuge Hube erinnert sich zwar auch an Kino-Pflichtbesuche mit ideologisch geprägten Dokumentar- oder Spielfilmen während seiner Schulzeit. "Aber in erster Linie war ich Kinofan." Für viele der an den Forschungen beteiligten Zeitzeugen sei Kino mehr gewesen als bloße Unterhaltung, hat Rössler beobachtet.

Das habe sich auch in den organisierten Filmklubs und -arbeitsgemeinschaften gezeigt, in denen sich Kinofans zusammen fanden. Manche bestehen bis heute. Von ihrem Wissen und von ihren Erinnerungen wollen die Wissenschaftler künftig noch stärker profitieren.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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