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Pflicht und Todesangst: Geflohene Polizistinnen verurteilt

Von dpa
16.11.2021Lesedauer: 3 Min.
Prozess gegen zwei Polizistinnen
Die Angeklagten Polizistinnen sitzen zwischen ihren Anw├Ąlten im Gerichtssaal. (Quelle: Bernd Thissen/dpa/dpa-bilder)
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Wie viel Mut geh├Ârt zur Dienstpflicht einer Polizistin? Und ist es ein strafbares Vergehen, einen Kollegen im Kugelhagel zur├╝ckzulassen, auch wenn man selbst um sein Leben f├╝rchtet? Die Fragen, um die es an diesem Dienstag im Hagener Gerichtssaal geht, sind nicht einfach zu beantworten.

Hier verhandelt das Amtsgericht Schwelm gegen zwei Polizistinnen, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, zwei in einer Verkehrskontrolle pl├Âtzlich unter Beschuss geratene Kollegen im Stich gelassen zu haben. Einer der beiden war getroffen zu Boden gegangen, die schusssichere Weste bewahrte ihn vor Tod oder schwerer Verletzung. Die dazugesto├čenen Polizistinnen ergriffen die Flucht, stoppten einen Wagen und wiesen die Fahrerin an, davonzufahren.

Wegen versuchter gef├Ąhrlicher K├Ârperverletzung im Amt durch Unterlassen hat Staatsanwalt J├Ârn Kleimann Anklage gegen die 37 und 32 Jahre alten Beamtinnen erhoben. Genau wegen dieses Vorwurfs wird Amtsrichterin Anna Walther beide zu einer einj├Ąhrigen Bew├Ąhrungsstrafe verurteilen. Das kann gravierende Folgen haben: Sollte das Urteil rechtskr├Ąftig werden, h├Ątte dies das zwingende Ende der Beamtenlaufbahn der beiden zur Folge. Ein Disziplinarverfahren w├Ąre dann nicht mehr n├Âtig.

In einer Nacht Anfang Mai 2020 waren die beiden Angeklagten zuf├Ąllig auf Streife zu einer aus dem Ruder gelaufenen Verkehrskontrolle dazugesto├čen. Ein Autofahrer hatte unvermittelt auf einen Kollegen geschossen. In dem daraus resultierenden Feuergefecht waren binnen kurzer Zeit 21 Sch├╝sse gefallen.

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Statt aus der Deckung ihres Streifenwagens einzugreifen, etwa mittels Warnschuss die ├ťbermacht der Polizei zu demonstrieren, seien sie davongelaufen, kritisiert die Richterin nun. Sie verstehe die Todesangst, gleichwohl m├╝sse man im selbstgew├Ąhlten gef├Ąhrlichen Beruf einer Polizistin anders reagieren.

Mit ihrer Flucht h├Ątten sie ihre Kollegen in einer lebensbedrohlichen Situation ihrem Schicksal ├╝berlassen, "frei nach dem Motto: Besser die, als ich", hatte Staatsanwalt J├Ârn Kleimann zuvor in seinem Pl├Ądoyer gesagt. Mit seiner Forderung nach einer einj├Ąhrigen Freiheitsstrafe auf Bew├Ąhrung will er auch die Botschaft aussenden: So darf sich ein Polizist, eine Polizistin nicht verhalten. Bei einem Strafma├č unter einem Jahr auf Bew├Ąhrung h├Ątten dienstrechtliche Konsequenzen im Ermessen des noch ausstehenden Disziplinarverfahrens gelegen.

Die beiden Angeklagten leugnen das Geschehen nicht. Aber sie werben im Gerichtssaal um Verst├Ąndnis f├╝r ihre Flucht. "Ich habe jeden Moment damit gerechnet, selbst getroffen zu werden. Ich dachte nur 'Bitte nicht in den Hinterkopf'", verteidigt sich die j├╝ngere der beiden, immer wieder unter Tr├Ąnen. "Ich habe mich auch in gef├Ąhrlichen Eins├Ątzen nie versteckt", sagt die dienst├Ąltere Kollegin. Doch diese Situation sei anders gewesen. In der Dunkelheit sahen sie wenig, h├Ârten nur Sch├╝sse in hoher Frequenz und ihr vielfaches Echo, erinnert sie sich. "Ich wusste nicht wer, warum und wie viele. In mir schaltete alles auf ├ťberleben." Im Auto hatten sie mit dem Mobiltelefon der Fahrerin die Leitstelle verst├Ąndigt - und waren nach einiger Zeit angewiesen worden, zum Einsatzort zur├╝ckzukehren.

Keine Ausbildung habe sie auf solch eine Situation vorbereitet, sind sich beide r├╝ckblickend einig: "Man ├╝bt nicht aus dem Streifenwagen auszusteigen und direkt in einen Kugelhagel zu geraten", sagt die 37-J├Ąhrige. "Ja, wir haben verschiedene Trainings bei der Polizei. Aber niemals welche, bei denen wir wissen, du wirst gleich sterben", sagt die 32-J├Ąhrige.

Auch die Kollegen im Zeugenstand nehmen die Angeklagten in Schutz: Er mache ihnen "absolut gar keinen Vorwurf", sagt der im Einsatz getroffene Polizist. Er sei ├╝berzeugt, dass die Situation unabh├Ąngig vom Tun oder Nicht-Tun seiner Kolleginnen so verlaufen sei, wie sie verlaufen sei.

Rechtsanwalt Eckhardt W├Âlke, der die ├Ąltere der beiden Polizistinnen vertritt, macht sich nach dem Prozess Luft: "Das Urteil kann man so nicht stehen lassen", sagt er. Die Situation sei lebensgef├Ąhrlich gewesen. Er halte es f├╝r fragw├╝rdig, dass ein Schuss aus der Distanz etwas h├Ątte ver├Ąndern k├Ânnen. Insbesondere vor dem Hintergrund des drohenden Verlustes der Beamtenrechte seiner Mandantin werde er Berufung einlegen.

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