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Theaterabend mit VR-Brille

Von dpa
26.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Mitarbeiter des Puppentheaters Zwickau demonstrieren die virtuelle Darbietung der Ballade "Der Erlk├Ânig".
Mitarbeiter des Puppentheaters Zwickau demonstrieren die virtuelle Darbietung der Ballade "Der Erlk├Ânig". (Quelle: Sebastian Willnow/dpa./dpa)
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Zwickau/Augsburg/Dortmund (dpa) - Goethes "Erlk├Ânig" ist die neueste Produktion des Figurentheaters Zwickau, doch zur Premiere wird kein einziger Puppenspieler auf der B├╝hne stehen.

Erstmals hat das kleine Team ein St├╝ck in die Virtuelle Realit├Ąt (VR) verlagert. Den G├Ąsten werden dazu am Samstag in einem H├Ârsaal VR-Brillen verpasst, die sie optisch auf eine Lichtung katapultieren. Um sie herum begegnen ihnen dann scheinbar zum Greifen nah Vater und Sohn, aber auch schaurig sch├Âne Tiergestalten aus Zweigen und Knochen. "Das ist f├╝r uns ein Abenteuer", sagt Direktorin Monika Gerboc. "Wir hoffen, so neue Publikumsgruppen f├╝rs zeitgen├Âssische Figurentheater zu gewinnen."

Wie in Zwickau loten immer mehr Theater in Deutschland k├╝nstlerisch M├Âglichkeiten des Digitalen aus und erschlie├čen sich so neue R├Ąume. Dabei geht es l├Ąngst nicht mehr nur darum, konventionelle Produktionen im Internet zu streamen, wie es viele B├╝hnen zu Beginn der Corona-Pandemie getan haben. Vielmehr werden St├╝cke speziell f├╝rs Digitale geschaffen und neue Erz├Ąhlweisen ausprobiert.

Digitalisierung schafft neue M├Âglichkeiten

Das Inszenieren mit digitalen Mitteln habe einen unglaublichen Schub bekommen, konstatiert der Pr├Ąsident des Deutschen B├╝hnenvereins, Carsten Brosda. Die Corona-Pandemie habe wie ein Katalysator gewirkt. Die Digitalisierung schaffe neue M├Âglichkeiten, das Publikum zu erreichen und anzusprechen, ist der Hamburger Kultursenator ├╝berzeugt. "Zum anderen entstehen auch neue k├╝nstlerische Ausdrucksformen." Das digitale Theater k├Ânne das klassische Theater erg├Ąnzen, aber auch ein ganz neues Theatererlebnis schaffen.

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Ein Beispiel sind hybride Produktionen, bei denen neben dem Geschehen auf der B├╝hne die Zuschauer im Saal f├╝r einzelne Szenen VR-Brillen aufsetzen wie in der Oper "Orfeo ed Euridice" des Staatstheaters Augsburg. Ballette, Konzerte und Theaterst├╝cke werden aber auch komplett virtuell in 360-Grad-Perspektive geboten wie beim Zwickauer "Erlk├Ânig". Mit einer VR-Brille, die mit dem Ticket leihweise per Post bestellt werden kann, k├Ânnen sich die Zuschauer die St├╝cke zu Hause ansehen oder im Unterricht in der Schule. Andere Geschichten werden live im Internet erz├Ąhlt wie bei der Adaption von Goethes "Werther" des Kollektivs "punktlive".

Staatstheater Augsburg hat eigene Digital-Sparte

Erprobt werden aber auch interaktive Formate, bei denen Zuschauer sogar auf den Fortgang des Geschehens Einfluss nehmen k├Ânnen. Oder Publikum und Schauspieler begegnen sich g├Ąnzlich im kollektiven virtuellen Raum, dem sogenannten Metaversum, wie beim Elektrotheater.

Zu den Vorreitern in Deutschland z├Ąhlt das Staatstheater Augsburg, das schon zahlreiche VR-Produktionen anbietet - vor allem Ballett und Schauspiel. Das Theater hat dazu eine eigene Digital-Sparte ins Leben gerufen. Am Nationaltheater Mannheim wurde 2021 das Institut f├╝r Digitaldramatik gegr├╝ndet. Es soll erforschen, "wie Texte f├╝r neue digitale B├╝hnen entstehen k├Ânnen". Einblicke dazu gibt es auf der bei Jugendlichen beliebten Plattform TikTok.

"Alle Theater werden sich der digitalen Transformation stellen m├╝ssen", betont der Direktor der Dortmunder Akademie f├╝r Theater und Digitalit├Ąt Marcus Lobbes. Diese Entwicklung habe schon vor der Corona-Pandemie begonnen, doch die Schlie├čungen h├Ątten als Booster gewirkt. Die Dortmunder Akademie versteht sich als Labor f├╝r das Theater der Zukunft. Lobbes: "Wir werden seit zwei Jahren von Anfragen ├╝berrannt."

"Digitalen Wandel aktiv gestalten"

Erst voriges Jahr hat sich das Theaternetzwerk "Digital" gegr├╝ndet, dem B├╝hnen nicht nur in Deutschland, sondern auch in ├ľsterreich und der Schweiz angeh├Âren. "Wir wollen den digitalen Wandel aktiv und mit den Mitteln der Kunst gestalten; wir m├Âchten uns neue Spiel- und Handlungsr├Ąume erschlie├čen, wollen den physischen B├╝hnenraum ins Digitale erweitern und neue Formen der Zusammenarbeit testen", hei├čt es dort. Auch der Deutsche B├╝hnenverein bereitet die Gr├╝ndung einer Arbeitsgruppe "Digitales" vor, um Erfahrungen zu b├╝ndeln.

Das Publikum stehe solchen neuen Formaten offener gegen├╝ber als oft angenommen, berichten Lobbes und der Augsburger Intendant Andr├ę B├╝cker. "Wir wollen das Theater nicht als physischen Versammlungsort abschaffen", stellt B├╝cker klar. "Es wird neben analogen B├╝hnen k├╝nftig aber verst├Ąrkt auch digitale B├╝hnen geben. Und es geht darum, die R├Ąume f├╝r darstellende Kunst und f├╝r Erz├Ąhlungen zu erweitern."

Zun├Ąchst seien klassische Theaterabonnenten die Nutzer gewesen, schildert B├╝cker die Erfahrungen seines Hauses. Viele h├Ątten das dann Kindern und Enkeln weiter empfohlen: "Es wurden sehr viele Gutscheine gekauft." Inzwischen w├╝rden die Angebote oft von Menschen genutzt, die vorher nie im Theater waren. Dazu pr├Ąsentiert sich sein Haus inzwischen auch auf Gamer-Plattformen im Internet. Gerade bei Videospielern ist VR weit verbreitet. Und den Theatern er├Âffnen sich mit dem Digitalen weit gr├Â├čere Reichweiten. So kann man sich die Augsburger Produktionen weltweit auf die VR-Brille laden.

"Personeller Vielfaches gr├Â├čer"

F├╝r die Zwickauer B├╝hne war der "Erlk├Ânig" eine Herkulesaufgabe. Ihr kleines Team sei st├Ąndig an Grenzen gesto├čen und trotz langj├Ąhriger Regie-Erfahrung habe sie viel neu lernen m├╝ssen, erz├Ąhlt Gerboc. Der personelle und finanzielle Aufwand sei ein Vielfaches gr├Â├čer als bei einer klassischen B├╝hneninszenierung. F├╝r ihr Haus war die Produktion daher nur mit F├Ârdermitteln und Partnern zu stemmen. Dennoch wird eine Fortsetzung vorbereitet. In der Balladenreihe nehmen sich die Zwickauer als n├Ąchstes "Die Goldgr├Ąber" von Emanuel Geibel und Georg Trakls "Melusine" vor - ebenfalls in 360 Grad virtueller Realit├Ąt.

Und wie geht es den K├╝nstlern, wenn das Publikum k├╝nftig daheim mit VR-Brille sitzt und kein Applaus zur├╝ckkommt? Puppenspieler Calum MacAskill vergleicht das Ganze mit einer Flaschenpost ans Publikum: "Ich werde den Empf├Ąnger nicht sehen, aber ich wei├č, es gibt ihn und hoffe, das St├╝ck macht ihm Freude."

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