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Beim Upcycling wird Müll zum Möbel aufgearbeitet

Upcycling  

Beim Upcycling wird Müll zu Möbeln

07.03.2012, 11:43 Uhr | Simone Andrea Mayer, dpa-tmn

Beim Upcycling wird Müll zum Möbel aufgearbeitet. Upcycling: Einst haben diese Tischbeine vor Venedig den Gezeiten-Stand angezeigt. (Quelle: Riva)

Upcycling: Einst haben diese Tischbeine vor Venedig den Gezeiten-Stand angezeigt. (Quelle: Riva)

Nachhaltigkeit wird in der Möbelproduktion immer wichtiger. Stühlen, Schränke und Co. sollen nicht mehr nur gut aussehen. Die Verbraucher achten zunehmend auch darauf, dass für die Herstellung die Umwelt nicht übermäßig belastet wurde und die am Produktionsprozess beteiligten Menschen anständig behandelt wurden. Dieser nun schon länger anhaltende Trend zur Nachhaltigkeit wird nun noch erweitert. Unter dem Stichwort "Upcycling" möbeln immer mehr Designer alte Holzabfälle zu sehenswerten Stücken auf.

Die Lampe ist aus einer alten, vom Wasser beanspruchten Schiffsplanke. Auf der Tischplatte trampelten mal Bauarbeiter in schwindelerregender Höhe herum, und am Material der Kommode fraßen sich Muscheln einst im Meer satt: Wertloses Holz, das wirklich keiner mehr braucht und das irgendwo verrotten sollte, holen sich Designbegeisterte für teures Geld in den Wohnraum.

Müll wird zum Möbel

"Upcycling" nennen Branchenexperten diesen Trend. Angelehnt sei der Begriff an "Recycling", erläutert Markus Grossmann, Vertriebsleiter von Bauholz Design. Beim Recycling werden Abfälle wiederverwertet. Upcycling geht einen Schritt weiter: Zwar wird hierbei ebenfalls altes Material noch einmal genutzt, aber im Gegensatz zum Recycling wird es dabei veredelt und wertvoller gemacht. Müll wird hier zum Möbel, und mitgeliefert wird oft noch eine spannende Herkunftsgeschichte.

Holzmöbel mit Vorgeschichte

Die Kölner Möbelschmiede Luna Design beispielsweise sammelt auf einer Farm nördlich von Kapstadt altes Holz von Schiffsdecks, Fensterrahmen oder aussortierten Möbeln. Es wird getrocknet und dann zu Bilderrahmen weiterverarbeitet - jeder aus einer anderen Holzsorte, manche mit mehr, andere mit weniger Lackspuren aus dem früheren Leben.

Bauholz Design nutzt das Holz von alten Baugerüsten. "Das Holz liegt bei Gerüstbauern in Deutschland einfach herum. Wir sammeln es ein und verwerten es weiter", erzählt Vertriebsleiter Grossmann. So entstehen Tische, Bücherregale oder dekorative Holzstelen. Auch Hersteller Thielemeyer schwimmt mit seinen mannshohen Leuchten mit auf der Upcycling-Welle: als Schiffplanken waren die einst auf ganz anderen Wellen unterwegs.

Der italienische Hersteller Riva verwendet Pfähle, die jahrelang im Salzwasser der Lagune von Venedig von Weichtieren angefressen wurden. Die "Briccole" zeigen hier den Stand der Gezeiten an. Nach fünf bis zehn Jahren, erläutert das Unternehmen, sei das Eichenholz aber so korrodiert, dass es ausgetauscht werden muss. Riva ließ bekannte Designer eine ganze Kollektion aus dem vom Salzwasser beanspruchten Eichenholz entwickeln: einen Glastisch, in dem die Pfähle als Beine so angeordnet sind, wie sie aus dem Wasser ragen könnten. Auch eine Kommode, mit vielen perfekt runden Fraßlöchern der Muscheln an der Front, ist Teil der Kollektion.

Manchmal müssen die Designer sogar unter die Erde gehen, um an wertvolles Holz zu kommen: Der Kauri-Baum in Neuseeland darf nur zu rituellen Zwecken gefällt werden. In den Sümpfen des Landes sind aber uralte Kauris vergraben und konserviert. Riva lässt sie ausgraben.

Upcycling-Möbel sind gut fürs ökologische Gewissen

Deutliche Spuren des Verfalls, Wurmlöcher und vor allem Faulfraß im Holz: Warum mag sich so etwas jemand in die Wohnung stellen? "Die Menschen empfinden etwas Nostalgisches und Wertiges an diesen Hölzern", versucht sich Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef bei Bonn an einer Erklärung. Sie nennt das den "emotionalen Gedanken", der zur Kaufentscheidung führe.

Aber natürlich spielt auch die Umwelt eine entscheidende Rolle: "Werkstoffe werden nicht einfach weggeschmissen, sondern weiterverwendet", sagt Geismann. "Ich glaube, das Interesse an solchen Stücken wächst, weil die Menschen die Ressourcenschonung immer mehr im Blick haben."

Neben dem moralisch guten Gefühl, dass für diese Möbel kein Baum mehr extra gefällt werden musste, haben die Stücke noch einen weiteren Vorteil: In ihrem ersten Leben hat das Holz bereits gearbeitet. "Da die Bohlen Wind und Wetter ausgesetzt waren und der Verwitterungsprozess das Holz unempfindlich gemacht hat, arbeitet es kaum noch", wirbt Bauholz Design. "Die massiven Möbel brauchen also keine weitere Behandlung oder Pflege."

Nicht immer stimmen die Geschichten der Hersteller

Doch nicht immer sei das Holz auch so alt und habe so einen ungewöhnlichen Lebenslauf, wie die Firmen es sagen. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass nicht jedes Holz auch wirklich alt ist", gibt sich Branchenkennerin Geismann skeptisch. "Da sitzt jemand und trimmt das Holz auf alt. Der Verbraucher darf sich nicht veräppeln lassen."

Für diesen ist es aber schwierig, die Märchen der Hersteller als eben solche zu enttarnen. Es ist kaum möglich zu unterscheiden, ob ein Stück Holz wirklich alt ist, oder nur so bearbeitet wurde, das es alt aussieht. Vor allem ein Laie stößt hier an seine Grenzen, wie auch Geismann zugeben muss. Dem Verbraucher bleibt also nur, die Herkunftsgeschichte des Holzes kritisch zu hinterfragen und selbst zu entscheiden, ob sie ihm stimmig vorkommt. Viele Menschen wird das wohl nicht reichen.

Upcycling ist kein Trend für den Massenmarkt

Nicolette Naumann, Bereichsleiterin der Messe Frankfurt für die Konsumgütermesse Ambiente, sieht in diesem Umstand kein Problem – ganz im Gegenteil: "Sind wir doch mal ehrlich: Die Materialien, die tatsächlich an Bauholz erinnern, sind in erster Linie für eine sehr avantgardistische Zielgruppe geeignet. Das wird so nicht im Massenmarkt passieren."

Massentauglicher seien da schon Hölzer, die weniger stark bearbeitet würden, oder gar absichtlich ein natürlicheres Aussehen bekämen, sagt Naumann. Der Trend zu diesem Mehr an Natur hat bereits seit einigen Jahren an Fahrt gewonnen: Die Oberflächen sind rau und wirken bewusst ungeschliffen und naturbelassen. Materialehrlichkeit nennen das Design-Experten. Man soll einem Möbel ansehen, aus welchen Werkstoffen es gefertigt wurde.

Risse, kleine Löcher und sonstige Fehler im Material wie Astlöcher werden nicht nur im Holz belassen, sondern teils sogar künstlich nachgearbeitet. Oder man stellt sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Holzklotz in den Raum: Vitamin Design beispielsweise hat unter dem vielsagenden Namen "Klotz" einen aus einem Eichenstamm gehauenen Hocker mit Astlöchern und Rissen im Angebot, der wahlweise auch als Beistelltisch genutzt werden kann.

Upcycling-Möbel sind im Alltag eher unpraktisch

Einen Nachteil haben die neuen alten Möbel aber: Im Alltag scheitert manches Stück am Praxistest. Durch die rauen Oberflächen stehen Teller schief, und Gläser kippen leicht. In Ritzen und Rissen fängt sich der Staub und kann nur schwer wieder entfernt werden. Und in den winzigen Holzwurm- und Muschellöchern eines Esstischs bleiben Speisereste und sonstiger klebriger Kleinschmutz haften. "Gerade in einem Haushalt mit Kindern machen diese Stücke wenig Sinn", weist auch Geismann auf die praktischen Schwächen vieler Upcycling-Möbel hin. Es seien dann doch eher dekorative Ausstellungsstücke.

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