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Wie Hagener Schüler an das Unrecht des Naziregimes erinnern

Von Thomas Besche

Aktualisiert am 28.01.2020Lesedauer: 3 Min.
Eine Todesanzeige in einer Hagener Zeitung: Mit dieser ungewöhnlichen Aktion haben Schüler auf eine grausame Praxis der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht.
Eine Todesanzeige in einer Hagener Zeitung: Mit dieser ungewöhnlichen Aktion haben Schüler auf eine grausame Praxis der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht. (Quelle: Facebook-Seite Historische Bilder Hagen)
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Mit einer Aktion sorgten Schüler aus Hagen zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus für Aufmerksamkeit. Sie schalteten eine Todesanzeige für eine Hagenerin, die der Nazi-Willkür zum Opfer fiel.

Welchem Leid und welcher Willkür die Menschen im Nationalsozialismus ausgeliefert waren, zeigt sich in der Geschichte der 17-jährigen Gerda Oberbeck aus Hagen. Sie starb am 24. Juni 1939 im Allgemeinen Krankenhaus Hagen (AHK), dem Vorgänger des auch heute noch größten Hospitals der Stadt, das seit 2016 den Namen "Agaplesion Allgemeines Krankenhaus Hagen" trägt. Eine Schülergruppe aus Hagen machte mit einer Todesanzeige in einer Hagener Zeitung am Montag, dem 75. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung, auf das Schicksal des jungen Mädchens aufmerksam.

Oberbeck wurde damals vom Gesundheitsamt der Stadt als "minderwertig" und "erbbelastet" eingestuft und in Briefen aufgefordert, sich im AKH zu melden. Nachdem sie dieser Aufforderung nicht freiwillig nachkam, verhafteten Polizisten sie an ihrem Arbeitsplatz in der Ketten-und Munitionsfabrik Ruberg und Renner im Klosterviertel und brachten sie ins Krankenhaus. Dort wurde Oberbeck zwangssterilisiert, einige Wochen später starb die junge Frau an den Folgen der Operation. In der nun erschienenen Todesanzeige heißt es zu Beginn: "Liebe Gerda, wir kennen dich nicht, aber wir wissen, dass du in der Albrechtstraße wohntest."

Auf Zwangssterilisation aufmerksam machen

Verantwortlich für den Text sind 15 Studierende des Rahel-Varnhagen-Kollegs (RVK) im Alter zwischen 19 und 25 Jahren, die sich im Rahmen eines Projektkurses für den Geschichtsunterricht dem Thema Zwangssterilisation in der NS-Zeit in Hagen widmen. "Diese Opfer sind der Öffentlichkeit in Hagen meist unbekannt, wo es meiner Ansicht nach generell einen großen Nachholbedarf in der Aufarbeitung der NS-Geschichte gibt", sagt Lehrer und Projektbetreuer Pablo Arias, der am RVK Spanisch und Geschichte unterrichtet. Laut seiner Angaben gab es ab 1934 knapp 400.000 Zwangssterilisierungen im NS-Deutschland und etwa 1.000 in Hagen. Patientenmorde (etwa an Behinderten) gibt er mit 300.000 und gut 300 in Hagen an.

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Die Schüler nutzten für ihre Veröffentlichung Archivdaten, die ihnen der ehemalige RVK-Lehrer Rainer Stöcker zur Verfügung stellte. Das Schicksal von Gerda Oberbeck berührte sie besonders. Die Personendaten sind alle belegt, ihre Geschichte ist in den Akten gut dokumentiert. "Die Schüler waren mit großem Eifer bei der Sache, sie fanden diese Aufgabe sehr wichtig. Lokale Geschichte ist eben spannender. Da spielte die emotionale Komponente auch eine große Rolle, weil es sich um eine 17-Jährige handelt", sagt Arias.

Die Idee mit der Todesanzeige ist nicht ganz neu und abgekupfert, wie Arias zugibt. Der jüngst verstorbene ehemalige Hagener Universitätsprofessor und Heimathistoriker Hermann Zabel veröffentlichte in seinem Buch "Hohenlimburg unterm Hakenkreuz" ein Zeitungsinserat von 1995 in der "Westfalenpost", das ebenfalls an ein jüdisches NS-Opfer aus Hagen erinnert.

Finanzierung aus Preisgeld

400 Euro plus Mehrwertsteuer kostete die Anzeige in der "Westfalenpost", die das Zeitungshaus den Schülern rabattierte. Finanziert wurde sie zudem durch Einnahmen aus einem Preisgeld für ein Lehrerprojekt und den Hagener Geschichtsverein. "Anfänglich war die Zeitung misstrauisch und wollte uns nur eine gewerbliche Anzeige zur Verfügung stellen. Doch dann hat sie nachgegeben und eine Todesannonce akzeptiert", sagt Arias. Ursprünglich ist der Nachruf länger, musste aber aus Kostengründen gekürzt werden.

Die Schüler wollen weiter die Aufmerksamkeit auf Hagener Euthanasie-Opfer in der NS-Zeit lenken. Die Planungen für eine Schulausstellung zum Thema im Mai laufen vielversprechend.

Krankenhaus zeigte wenig Interesse

Enttäuscht ist Arias übrigens vom Agaplesion AKH, das seiner Meinung nach wenig Interesse an der Aufarbeitung der Firmengeschichte in der NS-Zeit hat. Der Pädagoge hatte in seiner Funktion als Mitglied des Hagener Geschichtsvereins beim Krankenhaus um eine Genehmigung zur Veröffentlichung eines Fotos eines angeblich an der Euthanasie betroffenen Arztes für eine Ausstellung gefragt.

"Alle Ärzte, die in der Ausstellung erwähnt werden sollen, sind seit mindestens 50 Jahren tot oder nicht mehr im AKH tätig. Die jüngsten Ärzte sind um 1900 geboren worden. Das AKH hat keine Entschädigungen oder rechtliche Nachteile zu befürchten, wenn diese Fotos öffentlich erscheinen", sagt Arias.

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In einer t-online.de vorliegenden Mail vom 11. September 2018 berief sich die Leiterin der Unternehmenskommunikation auf die Persönlichkeitsrechte eines betroffenen Arztes und wollte deswegen das Foto nicht zur Verfügung stellen. "Warum das Haus in Hagen eine Aufarbeitung der Geschichte erschwert, ist mir unklar", sagt Arias.

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