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Kiel: Was hinter der wiederholten Bauern-Demo steckt

Stimmen zur Demo  

Warum die Bauern auf die Straße gehen – und was Kieler sagen

05.03.2020, 14:19 Uhr
Kiel: Was hinter der wiederholten Bauern-Demo steckt. Milchkuh "Joga" steht bei einer Demonstration vor dem Landeshaus: In Kiel haben die Bauern erneut protestiert. (Quelle: dpa/Carsten Rehder)

Milchkuh "Joga" steht bei einer Demonstration vor dem Landeshaus: In Kiel haben die Bauern erneut protestiert. (Quelle: Carsten Rehder/dpa)

In Kiel haben erneut Hunderte Landwirte gegen die Agrarpolitik protestiert. t-online.de hat mit den Betroffenen über ihren Frust – und ihre Forderungen gesprochen.

Vor dem Landeshaus, entlang der Kiellinie und auf dem Exerzierplatz standen am Donnerstag in Kiel wieder die Trecker – um die 1.000 Zugmaschinen sollen es laut Veranstaltern gewesen sein. Für mehrere Stunden blockierten die Trecker den Verkehr in weiten Gebieten der Innenstadt. Mit ihrer erneuten Sternfahrt ins Zentrum von Kiel wollten die aus ganz Schleswig-Holstein angereisten Bauern einmal mehr ihrer Unzufriedenheit mit der aktuellen Agrarpolitik deutlich machen.

Beeke Vollbehr (39) aus Fargau-Pratjau:

Beeke Vollbehr: Sie unterstützt ihren Bruder auf der Demo. (Quelle: Sven Raschke)Beeke Vollbehr: Sie unterstützt ihren Bruder auf der Demo. (Quelle: Sven Raschke)

"Mein Bruder ist mit dem Trecker hier, und ich mache Bilder und stelle sie in unsere Facebook-Gruppen. Wir sind ja gut vernetzt. Wir sind hier, weil wir gehört werden wollen und damit nicht mehr hinter unserem Rücken entschieden wird, sondern dass man mit uns spricht. Und dass man einfach mal anerkennt, was wir leisten. Denn im Moment haben wir den Eindruck, dass die Bauern nicht mehr erwünscht sind. Aber von den Leuten hier bekommen wir viel Zustimmung."

Hans-Detlef Hamann (75) aus Kiel:

Hans-Detlef Hamann: Er sieht die Landwirtschaft in Gefahr. (Quelle: Sven Raschke)Hans-Detlef Hamann: Er sieht die Landwirtschaft in Gefahr. (Quelle: Sven Raschke)

"Die Aussicht, dass die deutsche Landwirtschaft bestehen kann, ist in Gefahr. Wir müssen den Rückhalt haben, dass wir für unsere Produkte ausreichend bezahlt werden. Die Mehrzahl der Bauern würde gern auf Bio umsteigen. Aber der Handel nimmt uns das nicht ab, weil es zu wenige kaufen."

Timo Wiese (34) aus Buchholz:

Timo Wiese: Er hofft, dass Familienbetriebe erhalten bleiben. (Quelle: Sven Raschke)Timo Wiese: Er hofft, dass Familienbetriebe erhalten bleiben. (Quelle: Sven Raschke)

"Ich erhoffe mir, dass fundierte wissenschaftliche Entscheidungen getroffen werden und die Familienbetriebe in Schleswig-Holstein erhalten werden. Ich kann verstehen, wenn die Leute im Stau genervt sind. Aber wenn das ein Problem für sie ist, dann sollen sie mit uns diskutieren. Ich glaube, unser Protest wird nicht viel bringen. Wir haben zu wenig Stimmen, die gehört werden – auch dadurch, dass es immer weniger Betriebe gibt. Aber es muss Hoffnung geben. Irgendwie wird es weitergehen, aber nicht unter diesen Bedingungen."

Gegen 11 Uhr versammelten sich die Landwirte vor dem Landeshaus in Kiel, um ihre Forderungen den Landespolitikern zu verkünden – darunter Umwelt- und Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht, der zuhörte und selbst zu den Bauern sprach.

So haben Kieler auf den Protest reagiert

Bei den Kielern stießen die Bauern überwiegend auf Zustimmung. Zwar zeigten sich einige Autofahrer, die wegen der Demo im Verkehr feststeckten, genervt. Die meisten Menschen zeigten aber Verständnis für die Situation der Landwirte.

Dirk Seibert (48):

Dirk Seibert: Er nimmt auch das Im-Stau-stehen in Kauf. (Quelle: Sven Raschke)Dirk Seibert: Er nimmt auch das Im-Stau-stehen in Kauf. (Quelle: Sven Raschke)

"Ich finde die Demonstration in Ordnung. Dass ich im Stau stehe, nehme ich in Kauf. Die Bauern haben schließlich auch ihre Rechte, und ganz ehrlich: Die haben hart zu kämpfen."

Nina Mingers (23):

Nina Mingers: Sie fährt mit de Fahrrad.  (Quelle: Sven Raschke)Nina Mingers: Sie fährt mit de Fahrrad. (Quelle: Sven Raschke)

"Mich stört der Stau nicht, ich fahre ja Fahrrad. Die Demo ist jetzt vielleicht nicht so gut für die Umwelt, aber die Bauern haben durchaus das Recht, mit ihrem Protest auf sich aufmerksam zu machen. Und sie machen es für einen guten Zweck, denn so kann es nicht weitergehen."

Petra (57) Löw und Reiner Löw (58):

Petra und Rainer Löw: Sie haben offenbar Verständnis für die Proteste. (Quelle: Sven Raschke)Petra und Rainer Löw: Sie haben offenbar Verständnis für die Proteste. (Quelle: Sven Raschke)

"Man muss schon auf das Problem aufmerksam machen. Wir machen uns ja jetzt auch nur Gedanken, weil wir das hier erleben.", sagt Petra. Reiner ergänzt: "Ich finde das auch in Ordnung. Aber ich glaube, man lebt selbst nicht immer so, dass man die Bauern unterstützt. Man greift im Supermarkt meist doch zum günstigen Sonderangebot."

Bauern sehen Bevölkerung nicht als Gegner

Auch die angesprochenen Bauern sehen die übrige Bevölkerung nicht als Gegner. Und einige blicken trotz ihrer als kritisch empfundenen Lage auch positiv in die Zukunft.

Hans-Heinrich Holst aus Dithmarschen:

v (Quelle: Sven Raschke)Hans-Heinrich Holst: Er sieht bereits kleine Erfolge. (Quelle: Sven Raschke)

"Wir machen das hier schon seit Monaten, und es wirkt langsam. Früher hat man uns ja gar nicht für voll genommen. Jetzt geht die Politik schon auf uns ein und setzt sich mit uns an einen Tisch."

Moritz Vester (40) aus Volsemenhusen:

Moritz Vester: "Wir schaffen das als Gesellschaft", sagt er.  (Quelle: Sven Raschke)Moritz Vester: "Wir schaffen das als Gesellschaft", sagt er. (Quelle: Sven Raschke)

"Das System funktioniert so, wie es jetzt ist, für keinen – weder für die konventionellen noch für die Bio-Landwirtschaft. Ich möchte, dass die Politik endlich den Mut hat, gegen das Lebensmitteleinzelhandels-Kartell vorzugehen. Denn im Endeffekt haben wir da ein Marktversagen. Auch Bioprodukte werden verramscht. Und die Politik muss aufhören, alles zu regeln, und stattdessen Rahmenbedingungen schaffen für eine sinnvolle Entwicklung. So viel Solidarität unter Landwirten habe ich noch nie erlebt. Wir schaffen das als Gesellschaft."

Verwendete Quellen:
  • Gespräche vor Ort

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