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Tim Lobinger exklusiv: "Muss ich sterben, um zu leben?"

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Buch über Kampf gegen Leukämie  

Lobinger: "Muss ich sterben, um zu leben?"

13.04.2018, 09:28 Uhr | Tim Lobinger

Tim Lobinger exklusiv: "Muss ich sterben, um zu leben?". Tim Lobinger während der zweiten Chemo-Behandlung im April 2017: Seit Monaten kämpft er gegen Leukämie. (Quelle: Riva-Verlag)

Tim Lobinger während der zweiten Chemo-Behandlung im April 2017: Seit Monaten kämpft er gegen Leukämie. (Quelle: Riva-Verlag)

In "Verlieren ist keine Option" beschreibt Ex-Stabhochspringer Tim Lobinger seinen Kampf gegen Leukämie. Hier lesen Sie vorab, wie er sich vor der entscheidenden Behandlung von seiner Familie verabschiedet.

Die Nachricht schockierte viele Sport-Fans: Tim Lobinger, der einst als erster deutscher Stabhochspringer die sechs Meter übersprang, leidet erneut unter Blutkrebs. Am Montag kommt sein Buch "Verlieren ist keine Option" auf den Markt, indem er seinen langen Leidensweg schildert.

Exklusiv bei t-online.de lesen Sie das erste Kapitel vorab.

Von Tim Lobinger

Dienstag, 25. Juli 2017

"Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Piep, piep, piep, guten Appetit!"

Okki lacht aus vollem Herzen, hebt seine Ärmchen und klatscht in die Hände.

Wir sitzen am Esstisch, meine Frau Alina, unser 21 Monate alter Sohn Okkert, Alinas Mama Brigitte, ihre Tante Traudl und ich. Es gibt Boeuf à la mode mit Semmel- und Kartoffelknödeln, das Traudl auf meinen Wunsch gekocht hat. Das letzte Abendmahl. Ich gebe mich heiter und unbefangen, dabei steckt mir schon seit dem Nachmittag ein dicker Trä­nenkloß im Hals.

Ich muss Abschied nehmen von meiner Familie, von meinem Zuhause für viele Wochen. Ich muss Abschied nehmen vor allem von Okki, den ich während der gesamten Zeit im Krankenhaus nicht sehen darf.

Es gibt zwar kein kategorisches Besuchsverbot, aber erstens würde mein kleiner Sohn den obligatorischen Mundschutz nie und nimmer anbehalten, und zweitens würde es ihn irritieren, seinen Papi so zu sehen, nicht in den Arm genommen zu werden – wo Kuscheln doch das ganz große Thema bei uns beiden ist.

Es bricht mir das Herz

Vielleicht bilde ich mir das nur ein: Der Kleine spürt seit Tagen, dass etwas im Busch ist. Nie hat er sich so oft, so eng und so lange an mich geschmiegt. Alina, Oma, Traudl – alle waren zu Statisten degradiert. Papa, nichts als Papa. Und jetzt ist der Moment gekommen, da ich Okki meine körperliche Zuwendung, unser "Männer-Ding", entziehen muss. Ich habe ihm in den letzten Tagen wiederholt erzählt, dass ich für eine ganze Weile fort sein werde. Dass ich ihn jetzt schon vermisse. Dass er gut auf Mama aufpassen muss.

Tim Lobinger am 15. Mai 2017 zwischen Blutplättchen-Infusion und Blutkontrolle. Hier ist ihm seine Erkrankung deutlich anzusehen. (Quelle: Riva-Verlag)Tim Lobinger am 15. Mai 2017 zwischen Blutplättchen-Infusion und Blutkontrolle. Hier ist ihm seine Erkrankung deutlich anzusehen. (Quelle: Riva-Verlag)

Natürlich kann er meine Erklärungen nicht rational ver­arbeiten. Aber ich sehe an dem liebevollen und irgendwie irritierten Blick aus seinen blauen Augen, dass er intuitiv checkt, was Sache ist.

Es bricht mir das Herz, und niemand soll es merken. Wir reden über dies und das. Banalitäten, die mir noch einmal das Gefühl von Normalität, von Alltag vermitteln.

Geboren am 3. September 1972 in Rheinbach, war Tim Lobinger der erste deutsche Stabhochspringer, der im Freien die Sechs-Meter-Marke übersprang. Er holte bei Europameisterschaften Bronze und Silber. Später arbeitete er als Athletiktrainer bei den Fußballern von RB Leipzig. Er hatte Auftritte im TV bei "Let's Dance" und "Schlag den Star". Am 3. März 2017 wurde bei ihm eine besonders aggressive Form der Blutkrankheit Leukämie diagnostiziert.

Was mir ab morgen blüht, wird alles andere als normal und alltäglich sein: Ich werde für rund sechs Wochen in die Isolierstation im Klinikum rechts der Isar in München eingewiesen und auf den Showdown meines seit vier Monaten andauernden Kampfes gegen die Leukämie vorbereitet werden: die Stammzelltransplantation.

Ohne sie, und das stand seit dem Moment der Diagnose fest, gibt es für mich keine Chance. Morgen in einer Woche wird – so viel weiß ich – ein mir unbekannter junger Mann, der sich irgendwann in seinem Leben für eine Knochenmarkspende entschieden hat, in der Nähe seines Wohnorts das Spenderblut abgeben. Zu meiner Erleichterung wird meinem Spen­der der quälende Eingriff erspart, der vor Jahren bei einer umfangreichen Knochenmarkentnahme noch unvermeidbar gewesen wäre. Heutzutage bekommt der Spender vor der Abgabe rund eine Woche lang Spritzen in den Bauch, um die Stammzellproduktion anzukurbeln – was natürlich un­angenehm ist. Das Prozedere selbst ist aber eher unspektakulär, es ähnelt einer normalen Blutspende.

Das Buch "Verlieren ist keine Option" erscheint am Montag, 16. April, im Riva-Verlag. (Quelle: Riva-Verlag)Das Buch "Verlieren ist keine Option" erscheint am Montag, 16. April, im Riva-Verlag. (Quelle: Riva-Verlag)

Kurz nach der Entnahme werden die Stammzellen aus diesem Spen­derblut, die in einer Art Schleudergang herausgefiltert werden, über den Zentralen Venenkatheter (ZVK) in meinen Körper übertragen. Der Vor­gang wird nicht lange dauern, eine Stunde, vielleicht noch weniger. Es wird nicht wehtun, mit etwas Glück wird es keine Nebenwirkungen ge­ben. Aber ab diesem Moment ist der Startschuss für den Wettlauf um mein Leben gefallen. Wird mein Körper die fremden Stammzellen an­nehmen? Wird mein neues Immunsystem anspringen?

Damit sich die Spenderzellen bei mir möglichst schnell zu Hause füh­len, beginnt morgen eine umfassende Behandlung zur Vorbereitung der Transplantation, die sogenannte Konditionierung. Sie startet mit einer Hochdosis-Chemo, der fünften seit meiner Diagnose. Sie soll die mög­licherweise noch verbliebenen Krebszellen in meinem Körper vernichten. Die neuen Blutzellen müssen hochkomplizierte Prozesse meistern – wenn sie darüber hinaus noch gegen aggressive Krebszellen kämpfen müssten, wäre das womöglich zu viel.

Das Warten auf Tag null

Als Nächstes werde ich Infusionen mit sogenannten Immunsuppres­siva bekommen, die mein Immunsystem peu à peu ausradieren – so weit, dass am Tag der Transplantation von mir nur noch ein Hauch übrig sein wird. Wie heißt es in einem Song von Falco: "Muss ich sterben, um zu leben?" Genau so ist es: Ich werde fast sterben müssen, um weiterleben zu können.

Bezeichnenderweise werden die Konditionierungstage mit Minus-Zahlen markiert. Meine morgen beginnenden Kliniktage heißen dann minus sieben, minus sechs, minus fünf und so weiter. Tag null ist Tag der Transplantation. Von da an geht es aufwärts, zumindest was die Zählerei betrifft. Ob es mit mir aufwärtsgeht, wird einzig und allein davon abhän­gen, wie gut die neuen Stammzellen ihrer Aufgabe gewachsen sind. Sie müssen dann allein klarkommen, den Weg ins Knochenmark finden, sich dort ansiedeln, ein neues, gesundes Immunsystem in meinem Körper auf­bauen – und mir ein neues Leben schenken.

Ich weiß nicht, ob es einen Plan B gibt.

Eines dürfte aber feststehen: Es geht um alles oder nichts.

Nach dem Abendessen gehen wir alle eine Runde spazieren. Es hat gereg­net, in den Straßen wimmelt es von Pfützen, und Okki, in seinem Matsch- Outfit, ist in seinem Element. Als es erneut zu regnen anfängt, gehen die Mädels zurück zur Wohnung. Okki und ich bleiben noch. Er furcht mit seinen Gummistiefeln durch das Wasser, quiekt vor Freude und macht seine Skippings, bei denen das Wasser nur so aufspritzt – während mir die Tränen übers Gesicht laufen.

Eine letzte Nacht, ein letztes Frühstück.

Alina hat beim Bäcker frische Semmeln und Brezen geholt. Ich kaue bedächtig, lausche andächtig dem Geräusch des Kaffeeautomaten, fülle noch einmal Wasser und Bohnen nach, leere den Kaffeesatzbehälter.

Alina steht mit dem Autoschlüssel in der Tür und schaut mich sorgen­voll an: "Timmi, wir müssen …"

Okki rollt geschäftig meinen Koffer aus dem Schlafzimmer über den Flur vor die Haustür. Ein letzter Kuss, dann übernimmt Oma.

Tim Lobinger 2005 beim Stabhochsprung. (Quelle: imago/Laci Perenyi)Tim Lobinger 2005 beim Stabhochsprung. (Quelle: Laci Perenyi/imago)

Ich hieve den Koffer ins Auto, Alina sitzt schon am Steuer.

Als wir losfahren, schaue ich nochmals zum Schlafzimmerfenster, hin­ter dem Okki meist steht und mir zuwinkt, wenn ich das Haus verlasse. Aber er ist nicht da. Seine Oma will es ihm und mir nicht schwerer ma­chen, als es eh schon ist.

Nun steht er also unmittelbar bevor, der Höhepunkt im schwersten Wettkampf meines Lebens, der am 3. März dieses Jahres begann. 

Was am 3. März geschah, lesen Sie morgen bei t-online.de.

Verwendete Quellen:
  • "Verlieren ist keine Option" von Tim Lobinger (Riva-Verlag)

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