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Twitter-Ärger: Was Jan Böhmermann mit den Corona-Demos zu tun hat

MEINUNGTwitter-Ärger  

Was Jan Böhmermann mit den Corona-Demos zu tun hat

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

09.09.2020, 19:28 Uhr
Twitter-Ärger: Was Jan Böhmermann mit den Corona-Demos zu tun hat. Jan Böhmermann und Teilnehmer einer Corona-Demo: Der TV-Moderator ist auf Twitter Ziel von Protesten, die dem Vorgehen von Covid-Zweiflern ähneln. (Quelle: imago images/Jochen Eckel)

Jan Böhmermann und Teilnehmer einer Corona-Demo: Der TV-Moderator ist auf Twitter Ziel von Protesten, die dem Vorgehen von Covid-Zweiflern ähneln. (Quelle: Jochen Eckel/imago images)

Jan Böhmermann blockte Tausende Nutzer auf Twitter – und viele davon brüsten sich damit, als sei es ein Erfolg. Ähnlich trotzig gebaren sich Corona-Demo-Besucher. Es geht um Kontrolle.

TV-Moderator Jan Böhmermann hat ein Buch geschrieben. Ende dieser Woche erscheint es, und pünktlich dazu gab er jüngst der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview. Darin erklärt er, warum er Leute auf Twitter von den Inhalten seines Accounts ausschließt: "Bevor ich jemanden blockiere, schaue ich immer genau, was die posten." Insgesamt habe er knapp 14.000 Leute blockiert. 

Wer selber twittert, den überrascht diese Rigorosität nicht. Böhmermann hat über zwei Millionen Follower. Ich mit knapp 100.000 auch nicht wenige, aber im Vergleich bin ich ein Glühwürmchen und Böhmermann ist die Sonne. Rein statistisch bekomme ich nur einen Bruchteil der inakzeptablen Reaktionen ab, mit denen er sich rumschlagen muss. 

Die Reaktionen auf Böhmermanns Interview zeigen deutlich: Die Corona-Demos sind Social Media in Reinkultur, übersetzt auf die Straße. 

Seine Haltung polarisiert

Auf Twitter, dem Medium der stets Aufgeregten, gibt es nun zwei Lager: Die einen prangern an, wie er es wagen könne! Zu blocken! Frechheit! Schließlich lebt er als ZDF-Gesicht von unseren Gebühren! Übersetzt: Wir wollen die Kontrolle darüber, wie er sich verhält. Er steht dank Rundfunkbeitrag in unseren Diensten! 

Eine hanebüchene Argumentation, die ich, ebenfalls ja Mitarbeiterin eines öffentlich-rechtlichen Senders, hinlänglich kenne. Natürlich völliger Quatsch, denn mit der Rundfunkgebühr erwirbt man ja nicht die Serviceleistungen "Anpöbeln, Bedrohen, Beleidigen ohne Konsequenzen".

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online.de filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Andere auf Twitter reagieren auf Böhmermanns restriktives Regime mit kindlichem Trotz. Man brüstet sich damit, von ihm geblockt worden zu sein und veranstaltet einen Überbietungswettbewerb wie auf dem Grundschulhof: Wer war früher geblockt und wer wird von mehr Leuten geblockt? Böhmermanns Entscheidung, sich diese Leute und ihr Gift vom sprichwörtlichen Leib zu halten, kehren diese so um in eine angeblich selbst und schon lange vorher durch sie zumindest innerlich erfolgte Abgrenzung. Nach dem Motto: Wir finden den eh doof und wollten ja eh nie mit ihm spielen!

Trotziger Stolz darüber, von Böhmermann geblockt zu sein

Sie verklären eine Entscheidung, auf die sie keinen Einfluss hatten, zu einer, die sie selber schon viel früher getroffen haben. Auch dies der Versuch, sich selbst und anderen eine Kontrolle zu suggerieren, die man nicht hat. Böhmermanns Block begründen sie mit dessen vermeintlicher Feigheit vor einer Auseinandersetzung mit ihnen und/oder seinem insgeheimen Wissen, dass er ihnen argumentativ und/oder intellektuell unterlegen ist. Sie machen ihn klein und befreien sich damit aus ihrer faktischen Unterlegenheit. Sie machen sich größer, als sie sind. 

So wie auf den Corona-Demos. Vor knapp zwei Wochen, auf der großen hier in Berlin, war allen, mit denen ich gesprochen habe, eines gemein: SARS-CoV-2 ist für sie nicht in erster Linie ein Virus, sondern ein Distinktionsmerkmal. Sie halten sich für schlauer, besser informiert und mutiger als alle anderen. Die Umfragen zeigen zwar: Der klar überwiegende Teil der Bevölkerung hält die Corona-Maßnahmen für gut oder sogar noch nicht strikt genug. Diese schweigende Mehrheit aber bleibt einfach zu Hause – oder aber eben den (Diskussionen in den) Sozialen Medien fern.

In der Demo kann man vergessen, dass man Minderheit ist

Aber wer auf die Straße geht und dort mit allen Sinnen erlebt, wie viele andere dort sind, kann schnell verdrängen, einer Minderheit anzugehören – ebenso wie im Netz. Wenn man das will. Und diese Leute wollen das. Sie sind überfordert, sie sind genervt, sie sind vielleicht teilweise auch lange genug die Deppen gewesen in ihrem Dorf, von dem aus sie sich in den Zug zur Demo nach Berlin gesetzt haben. All das wollen sie nicht mehr sein. Nicht mehr allein, nicht mehr die da unten, denen gesagt wird, was sie zu tun haben. Jetzt zeigen sie, um zum Schulhof-Bild zurückzukommen, die lange Nase. Denen da oben, den “Eliten” aus Politik, Journalismus und Wissenschaft. Denen, die vorgeben und kontrollieren, wo man eine Maske zu tragen hat und was passiert, wenn man es nicht tut.

Menschen brauchen Kontrolle. Und wenn sie sich ohnmächtig fühlen, hilft es, Kontrolle zu suggerieren. Sich selbst und anderen. Dabei helfen ihnen ihre Demos, ihre kruden Auswertungen von Statistiken und zum Teil auch pure Aggression und Lautstärke. Und die stetig wiederholte Falschbehauptung, mit Millionen anderen auf der Straße zu sein.

Man kann diese Menschen nicht blocken. Bei manchen sollte man das auch nicht tun, auch nicht im übertragenen Sinne; sie sind für Argumente und Debatten noch erreichbar. Was aber hie wie da, im Netz als auch in der Öffentlichkeit, geht und wichtig ist: nicht schweigen. Konstruktiv aussprechen, was man denkt. Gar nicht mal konfrontativ, sondern vom eigenen Standpunkt aus einen Ton setzen. Denn sonst wird es irgendwann im reellen Leben wie auf den Plattformen: wir gegen die. Und das kann niemand wollen.

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