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Warum manche einfach nicht ans Telefon gehen

Von dpa
29.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Untrainiert, unwillig oder wirklich Àngstlich? Dass jemand einfach nicht ans Telefon geht, kann verschiedene Ursachen haben.
Untrainiert, unwillig oder wirklich Àngstlich? Dass jemand einfach nicht ans Telefon geht, kann verschiedene Ursachen haben. (Quelle: Christin Klose/dpa-tmn./dpa)
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NĂŒrnberg (dpa/tmn) - Die Auflistung ist absteigend: 14 Minuten Browser, 10 Minuten Instagram, 5 Minuten SchrittzĂ€hler, 3 Minuten Whatsapp. Telefon: eine Sekunde.

Das, was Tobias Langs Smartphone an einem Montag bis zur Mittagszeit an Nutzungszeiten aufgezeichnet hat, ist nicht reprÀsentativ. Denn der 29-JÀhrige ist Journalist, telefonieren gehört also zu seinem Beruf - eigentlich. Trotzdem nimmt er zum Teil immer noch ungern den Hörer in die Hand. Vor allem, wenn jemand anruft.

Wenn es etwa um eine Reservierung im Restaurant ging, hat Lang frĂŒher oft andere zum Hörer greifen lassen. Und Bekannte mĂŒssen manchmal immer noch mehrmals durchklingeln, bis er sich durchringt, abzuheben. Sogar im Job lĂ€sst er Anrufer teils links liegen und wartet lieber auf eine Mail. "Es reißt mich aus dem heraus, was ich gerade mache, ich muss mich auf einen Menschen einlassen", erklĂ€rt Tobias Lang seinen Unwillen. "Da habe ich manchmal einfach keine Lust dazu."

Jungen Menschen fehlt die Übung

Tobias Lang ist nicht der Einzige, der Telefonieren eher zu den unangenehmen TĂ€tigkeiten im Leben zĂ€hlt. Manche Menschen entwickeln sogar regelrechte Panikattacken, wenn ein Anruf bevorsteht. Und gerade jungen Menschen fehlt offenbar schlicht und ergreifend die Übung.

Denn um mit ihren Freunden Kontakt zu halten, nutzen mehr als drei Viertel der Jugendlichen Messenger oder SMS, wie eine Studie des IT-BranchenverbandsBitkomaus dem Jahr 2017 zeigt. Auf dem zweiten Platz folgt das persönliche GesprÀch, Telefonate waren nur bei gut einem Drittel der Befragten das Mittel der Wahl.

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"Junge Leute haben tatsĂ€chlich mehr Probleme als frĂŒher", meint Uschi Schöllhammer. Sie ist Telefontrainerin, ĂŒber ihr Institut in Bamberg gibt sie Kurse fĂŒr Mitarbeiter in Telefonzentralen, im Kundenservice oder fĂŒr Azubis. Die Diplom-Psychologin erklĂ€rt die Telefonscheu so: "Die Situation ist fĂŒr viele schwierig, weil sie absolute mentale PrĂ€senz erfordert." Bei schriftlichem Austausch sei das anders. E-Mails, Text- oder Chat-Nachrichten kann man noch einmal lesen, sich mit der Antwort Zeit lassen. Am Telefon muss man sofort reagieren.

Dazu kommt, dass Anrufer den Menschen am anderen Ende der Leitung nicht sehen. "Das macht Telefonieren ein bisschen verstörend", sagt Schöllhammer. Wenn der GesprĂ€chspartner nicht antwortet, sieht man nicht, ob er genervt, unaufmerksam, abgelenkt ist - oder einfach nicht verstanden hat. Die gute Nachricht: Telefonieren lĂ€sst sich trainieren. Sogar dann, wenn hinter der Angst vor Anrufen tiefere GrĂŒnde stecken.

Symptome wie bei einer Panikattacke

Christine Rummel-Kluge hat immer wieder mit Menschen zu tun, fĂŒr die Telefonate ein echtes Problem sind. "Kalter Schweiß, Herzklopfen, trockener Mund - Symptome wie bei einer Panikattacke", beschreibt die Ärztin, die an der Uniklinik in Leipzig eine Spezialambulanz fĂŒr Angststörungen leitet, die Probleme ihrer Patienten.

Solche FÀlle seien keine Seltenheit, meist trÀten sie im Rahmen von Sozialphobien auf, sagt Rummel-Kluge. Es tauchten zwar immer wieder auch Begriffe wie Telefon- oder Telefonier-Phobie auf, das sei aber keine eigene Erkrankung.

Im Prinzip geht es darum, dass direkte Kommunikation Betroffene viel Überwindung kostet. "Eine Patientin musste sich beschweren, weil ihre Heizung nicht funktionierte, und hatte Angst, etwas Falsches zu sagen", erzĂ€hlt Rummel-Kluge. Solche Menschen schrieben dann lieber eine E-Mail oder ließen Bekannte den Anruf ĂŒbernehmen.

Das verschlimmert die Situation auf Dauer aber nur. "Die HĂŒrde verkleinert sich nur, wenn man ĂŒbt", sagt Christine Rummel-Kluge. Kliniken bieten dafĂŒr etwa Trainings fĂŒr soziale Kompetenz an. In Rollenspielen können kritische Situationen durchgespielt werden. Und auch Freunde, Angehörige oder Kollegen sollten lieber Hilfe anbieten, als dem anderen alles abzunehmen, rĂ€t die Ärztin.

Wichtige Botschaften vorher aufschreiben

Das kann durch Ermutigen passieren, indem man schwierige GesprĂ€che ĂŒbt, in die Rolle etwa des Vermieters oder des wĂŒtenden Kunden schlĂŒpft und im Anschluss konstruktives Feedback gibt. Vielen ist aber schon geholfen, wenn man sie einfach ernst nimmt.

"Was Chefs manchmal falsch machen: Sie melden Mitarbeiter zu Telefontrainings an, ohne sie vorher zu informieren", erzÀhlt Psychologin Schöllhammer. Damit erreiche man vor allem eine Krankmeldung am betreffenden Tag.

Wenn die Aufregung vor einem Anruf steigt, kann man sich gut mit Papier und Stift vorbereiten, erklĂ€rt Schöllhammer. Wichtige Botschaften sollte man sich vorher aufschreiben, ebenso den Namen des GesprĂ€chspartners, das Thema oder das eigene Anliegen. In schwierigen Situationen sind vorformulierte Antworten ein Rettungsanker, etwa: "Ich mache mich kundig und rufe zurĂŒck."

Wichtig: Dabei dĂŒrfen ruhig auch Fehler passieren, nicht jedes Telefonat muss perfekt laufen, beruhigt Schöllhammer. "Lieber fĂŒnf schlechte als gar keines." Sonst werde die Angst vor einem Telefonat nur noch grĂ¶ĂŸer. Zudem rĂ€t die Psychologin dazu zu lĂ€cheln und sich auf die Atmung zu konzentrieren. "Das versetzt einen gleich in eine andere Stimmung."

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