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Warum finden viele Chinesen soziale Kontrolle so gut?

dpa, Andreas Landwehr

24.07.2018Lesedauer: 4 Min.
In Rongcheng sind Portr├Ąts von "Modellb├╝rgern" ausgestellt: Die Zahl der erworbenen Punkte unterscheidet gute von schlechten B├╝rgern und dient als pers├Ânliches F├╝hrungszeugnis.
In Rongcheng sind Portr├Ąts von "Modellb├╝rgern" ausgestellt: Die Zahl der erworbenen Punkte unterscheidet gute von schlechten B├╝rgern und dient als pers├Ânliches F├╝hrungszeugnis. (Quelle: Andreas Landwehr/dpa-bilder)
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In China unterscheiden Sozialpunktesysteme zwischen guten und schlechten B├╝rgern. Erstaunlich viele Chinesen bef├╝rworten das, zensieren sich in sozialen Medien und trennen sich von "Freunden", weil diese den eigenen Punktestand verschlechtern k├Ânnten.

Es sind Instrumente der totalen ├ťberwachung: Das kommunistische China will bis 2020 landesweit ein Sozialpunktesystem der Beh├Ârden einf├╝hren, das Vertrauensw├╝rdigkeit ermitteln und zwischen guten und schlechten B├╝rgern unterscheiden soll. Schon heute messen ├Ąhnliche kommerzielle Sozialkreditsysteme der gro├čen Internetkonzerne Alibaba und Tencent die Kreditw├╝rdigkeit von zig Millionen Internetnutzern. Es ist wie mit dem Big Brother in George Orwells Roman "1984" ein tiefer Eingriff in die Privatsph├Ąre. Westliche Kritiker warnen vor einem "digitalen Totalitarismus".

Mehrheit der chinesischen B├╝rger begr├╝├čt das Sozialpunktesystem

Doch unter Chinesen gibt es dahingehend wenig Problembewusstsein: Das Sozialpunktesystem wird von der gro├čen Mehrheit sogar positiv bewertet, wie eine neue Studie der Freien Universit├Ąt Berlin ermittelt hat. 49 Prozent der 2.209 Befragten ├Ąu├čern ihre "starke Zustimmung", w├Ąhrend 31 Prozent "irgendwie zustimmen". Zusammen ergab die Online-Umfrage also 80 Prozent Zustimmung. Das Ergebnis ist ├╝berraschend ÔÇô aber mindestens so interessant sind die Gr├╝nde, warum so viele diese Werkzeuge der sozialen Kontrolle auch noch gut finden.


Nach Ansicht der Forscher, die auch Einzelinterviews f├╝hrten, steckt dahinter eine tiefe Vertrauenskrise in Chinas Gesellschaft, wie auch 76 Prozent in der Umfrage best├Ątigten. Keiner traut mehr dem anderen. Skandale um Nahrungsmittel oder aktuell um schadhafte Impfstoffe ersch├╝ttern jedes Mal neu den Glauben in die F├Ąhigkeit der Aufsichtsorgane, das Leben der Menschen vor Betr├╝gern und anderen "schlechten" Menschen zu sch├╝tzen. Korruption ist weit verbreitet. Beh├Ârden sind unt├Ątig. Es fehlt im kommunistischen System an einer unabh├Ąngigen Justiz, die f├╝r Gerechtigkeit sorgen k├Ânnte.

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Sozialpunktesystem bietet Chinesen Sicherheit und Orientierung

"Weil sie das Gef├╝hl haben, niemandem trauen zu k├Ânnen, sind viele Menschen dem Sozialkreditsystem positiv gegen├╝ber eingestellt", sagt Professorin Genia Kostka, die Autorin der Studie. Es gibt Orientierung, bewertet nicht nur Menschen, sondern auch Unternehmen. "Trotzdem ist es nur die zweitbeste L├Âsung. Die Regierung k├Ânnte an besseren Regularien und einer wirksamen Umsetzung arbeiten." Mit effektiven Beh├Ârden, Rechtsstaatlichkeit und wirksamer Aufsicht lie├če sich Vertrauen schaffen. "Die Regierung hat aber auch ein Interesse an der Sammlung dieser Daten", sagt die Professorin. "Ihr geht es um soziale Kontrolle."

Chinas Online-Riesen, die weltweit Vorreiter bei mobilen Zahlsystemen ├╝ber Smartphones sind, sammeln heute schon flei├čig Daten ├╝ber Konsumverhalten und Zahlungskr├Ąftigkeit ihrer Kunden. So wird die Kreditw├╝rdigkeit festgestellt, wobei auch der Punktestand der jeweiligen Freunde eine Rolle spielt. "In der Transformation in China hat sich das Kreditsystem der Banken und auch das regulatorische und rechtliche System zu langsam entwickelt", schildert die Professorin. "Das sind Fehler, die im Prozess passiert sind." Privatleute bekommen bei Banken nur schwer kommerzielle Kleinkredite. Daf├╝r aber ├╝ber den Alibaba-Kreditarm Sesame Credit oder bei Tencent ÔÇô auf der Grundlage der Punktezahl ihres Sozialkreditkontos.

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Die Sozialpunktesysteme der Beh├Ârden hingegen sind zwangsweise. Doch sind sie erst in gut 40 Pilotprojekten im Land eingef├╝hrt. Auch hier ist ein hoher Punktestand als "guter" B├╝rger notwendig, um bei der Bank einen Kredit zu einem normalen Zins f├╝r einen Wohnungskauf zu bekommen. Punktabzug gibt es f├╝r Regelverst├Â├če, Verkehrsvergehen oder Zahlungsverzug bei Rechnungen.

Allzu kritische ├äu├čerungen in sozialen Medien k├Ânnten eines Tages auch dazu f├╝hren, dass jemand im Punktesystem nach unten rutscht, warnen Kritiker. Mit Spenden oder Freiwilligenarbeit l├Ąsst sich das Konto wiederum auff├╝llen.

Fehlende Pressefreiheit l├Ąsst kaum Raum f├╝r Kritik

Ohne eine freie Presse in China gibt es kaum Problembewusstsein oder Sorgen ├╝ber Missbrauch. "Es gibt in den staatlich gelenkten Medien wenig kritische Berichterstattung", schildert Professorin Kostka. Die Regierung verkauft das System mit dem Argument, Vertrauen schaffen zu wollen. "Da stellt sich die Frage, ob es ihr die ├ľffentlichkeit hier einfach abkauft, weil es als Ersatz f├╝r das schlechte Rechtssystem funktioniert." Die Mehrheit versteht es auch nicht als ├ťberwachung, sondern vielmehr als Werkzeug, "die Lebensqualit├Ąt zu verbessern" und "institutionelle und regulatorische L├╝cken" zu schlie├čen.

Die N├╝tzlichkeit der Kreditsysteme von Online-Konzernen ebnet auch den Weg f├╝r das politische Punktesystem. "Es gibt heute auch mehr Vorteile als Nachteile durch das System. Vielleicht wird versucht, die Leute daran zu gew├Âhnen und zu k├Âdern", sagt Kostka mit Blick auf die kommerziellen Systeme, die 80 Prozent der Befragten nutzten. Nur 7 Prozent waren nach eigenem Wissen Teil der noch weniger verbreiteten Sozialpunktesysteme der Beh├Ârden. Beide Systeme tauschen sich heute schon dar├╝ber aus, wie Daten verkn├╝pft werden k├Ânnen.

Seit jeher schn├╝ffelt der kommunistische Staat im Privatleben der Chinesen herum. "Die Leute sind ohnehin daran gew├Âhnt, dass alles kontrolliert wird", sagt Kostka. "Da ist der Sprung, dass die Regierung auf diese Weise Daten sammelt, nicht so gro├č." Es geht der F├╝hrung aber auch um die Erziehung ihrer Untertanen. Viele der Befragten gaben an, ihr Verhalten schon ge├Ąndert zu haben oder sich online selbst zu zensieren. Fast jeder F├╝nfte (18 Prozent) teilt andere Inhalte, weil er Teil eines Sozialpunktesystems ist. Genauso viele haben sich auf sozialen Medien schon von "Freuden" getrennt, weil deren schlechter Punktestand potenziell die eigene Vertrauensw├╝rdigkeit verringern k├Ânnte.

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