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Zimmerpflanzen doch kein Wundermittel f├╝r sauberere Luft

Von dpa
08.11.2019Lesedauer: 4 Min.
Zwei Pflanzen stehen im Halbschatten einer Jalousie in der Mittagssonne.
Zwei Pflanzen stehen im Halbschatten einer Jalousie in der Mittagssonne. (Quelle: Daniel Karmann/dpa./dpa)
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Philadelphia (dpa) - Pflanzen in der Wohnung oder dem B├╝ro sehen nicht nur gut aus, sondern sind auch wichtig f├╝r ein gesundes Raumklima - so zumindest eine oft verbreitete Ansicht.

Tats├Ąchlich scheinen die F├Ąhigkeiten von Efeu, Drachenbaum und Co. zur Luftreinigung allerdings viel geringer zu sein als bislang angenommen. Das ist zumindest das Ergebnis einer US-Studie ├╝ber fl├╝chtige organische Verbindungen in Wohnungen. Wesentlich effektiver sei es, wenn man regelm├Ą├čig l├╝fte, so das Fazit der Forscher im "Journal of Exposure Science and Environmental Epidemiology".

"Pflanzen sind gro├čartig, aber sie reinigen die Raumluft nicht schnell genug, um einen Effekt auf die Luftqualit├Ąt ihres Zuhauses oder ihres B├╝ros zu haben", erl├Ąutert Michael Waring vom Drexel University College of Engineering in Philadelphia. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bryan Cummings ├╝berpr├╝fte er ein Dutzend Untersuchungen aus 30 Jahren und stellte fest, dass der Luftaustausch in Zimmern - ob nat├╝rlich oder durch Bel├╝ftungssysteme erzeugt - die Konzentration fl├╝chtiger organischer Verbindungen (VOC, Volatile Organic Compounds) viel schneller senkt, als es Pflanzen k├Ânnen.

Pflanzen selbst sondern auch VOC ab, was sich f├╝r die meisten Menschen beispielsweise bei einem Waldspaziergang wohltuend auswirkt. Daneben gibt es aber auch VOC in Form von L├Âsemitteln und anderen synthetisch hergestellten Stoffen, die ab einer bestimmten Konzentration sch├Ądlich wirken k├Ânnen. Bei letzteren wurde bislang davon ausgegangen, dass Zimmerpflanzen diese effektiv aus der Luft filtern k├Ânnten - eine Annahme, die nun widerlegt scheint.

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Christian Lindermayr und Andrea Ghirardo vom Helmholtz Zentrum M├╝nchen ├╝berrascht dieses Ergebnis nicht. So habe schon die Untersuchung von Stickstoffmonoxid (NO) ergeben, dass Pflanzen diesen zwar messbar aufnehmen k├Ânnen, allerdings in viel geringerem Ma├če als erhofft, so Biochemiker Lindermayr. Sein in Italien geborener Kollege Ghirardo erg├Ąnzt mit Blick auf VOC, Untersuchungen in W├Ąldern h├Ątten durchaus gezeigt, dass B├Ąume in der Lage seien, deren Konzentration zu senken. "Wie und ob das mit Pflanzen in Innenr├Ąumen funktioniert, ist allerdings noch nicht hinreichend erforscht." Zudem w├╝rden manche Pflanzen einen besseren Gasaustausch schaffen als andere, darunter beispielsweise tropische Gew├Ąchse, die unter der dichten Baumdecke der Regenw├Ąlder mit wenig Licht ausk├Ąmen.

F├╝r Waring und Cummings hat der weit verbreitete Irrglaube seinen Ursprung in einem ber├╝hmt gewordenen Experiment der Nasa. Die US-Raumfahrtbeh├Ârde experimentierte 1989 mit Pflanzen, um die Luft in Raumschiffen zu verbessern, und erkl├Ąrte danach, dass diese im R├Ąumen krebserregende Chemikalien aus der Luft entfernen. Das Problem bei solchen Experimenten sei jedoch, so Waring, dass sie in einer geschlossenen Kammer in einem Labor durchgef├╝hrt worden seien - also einer Umgebung, die wenig mit einer Wohnung oder einem B├╝ro gemein habe.

Die Umweltingenieure schreiben:

"Typisch f├╝r diese Studien ist beispielsweise, dass eine Topfpflanze in eine versiegelte Kammer gestellt wurde - oft mit einem Volumen von einem Kubikmeter oder weniger - in die eine einzelne fl├╝chtige organische Verbindung eingelassen wurde." Deren Zerfall sei dann ├╝ber den Verlauf von vielen Stunden oder gar Tagen verfolgt worden. Um die realen Effekte von Zimmerpflanzen auf die Luftqualit├Ąt zu ├╝berpr├╝fen, wandten Waring und Cummings nun die Clean Air Delivery Rate (CADR) an. Dieser Bewertungsstandard misst die Effizienz von Luftreinigern. Dabei wird die Raumgr├Â├če und das Volumen der pro Minute produzierten Reinluft ber├╝cksichtigt und die Entfernung von wichtigen Schadstoffen aus der Raumluft bewertet.

F├╝r fast alle untersuchten Studien konnten Waring und Cummings diesen CADR-Wert berechnen. Die beiden stellten dabei fest, dass die Rate, mit der Pflanzen den Anteil fl├╝chtiger organischer Verbindungen reduzieren, erheblich geringer war als die beim Luftaustausch in Geb├Ąuden. Der Gesamteffekt von Pflanzen auf die Raumluftqualit├Ąt spielte also kaum eine Rolle. Nach Berechnungen von Waring und Cummings w├Ąren zwischen 10 und 1000 Pflanzen pro Quadratmeter Nutzfl├Ąche erforderlich, damit diese mit dem L├╝ftungssystems eines Geb├Ąudes oder sogar nur mit ein paar offenen Fenstern in einem Haus konkurrieren k├Ânnen.

Dennoch pl├Ądieren die Autoren der Studie nun nicht daf├╝r, auf Topfpflanzen etwa in B├╝ros zu verzichten. "Indem Zimmerpflanzen dazu beitragen, ein biophileres Raumklima zu schaffen, k├Ânnen sie sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken, was sich auch in Produktivit├Ątsverbesserungen f├╝r Unternehmen niederschlagen kann", schreiben sie - ein Aspekt, den auch Lindermayr und Ghirardo betonen. Biophilie ist die Liebe zum Lebendigen.

Zudem setzten Pflanzen mit der Photosynthese Sauerstoff frei und n├Ąhmen Kohlendioxid auf, was positiv f├╝r die Luftqualit├Ąt sei, sagt Ghirardo und f├╝gt hinzu: "Au├čerdem sind sie nachhaltig, erneuerbar und ben├Âtigen im Vergleich zur energieverbrauchenden modernen Filtertechnologie weniger "Wartung"." Gerade in einer relativ geschlossenen Umgebung wie den energiesparenden Passivh├Ąusern k├Ânnten Pflanzen durchaus n├╝tzlich f├╝r die Luftqualit├Ąt sein. Allerdings stecke das Wissen ├╝ber die Luftreinigung durch Pflanzen noch in den Kinderschuhen - hier seien noch ein gutes St├╝ck Forschung n├Âtig. Hilfreich w├Ąre zudem eine Reduktion der VOC-Emissionen, die etwa von M├Âbeln oder Farben ausgingen, erg├Ąnzt Lindermayr.

"Dies ist sicherlich ein Beispiel daf├╝r, wie wissenschaftliche Erkenntnisse im Laufe der Zeit irref├╝hrend oder falsch interpretiert werden k├Ânnen", bilanziert Waring. "Es ist aber auch ein gro├čartiges Beispiel daf├╝r, wie wissenschaftliche Forschung derartige Ergebnisse st├Ąndig ├╝berpr├╝fen und in Frage stellen sollte, um der Wirklichkeit dessen, was tats├Ąchlich um uns herum geschieht, n├Ąher zu kommen."

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