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Die magische Formel: "Ich zÀhl bis drei ..."

t-online, Simone Blaß

Aktualisiert am 09.01.2017Lesedauer: 4 Min.
"Ich zÀhl bis drei ..." Keine Drohung, sondern Bedenkzeit.
"Ich zÀhl bis drei ..." Keine Drohung, sondern Bedenkzeit. (Quelle: blickwinkel/imago-images-bilder)
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Auf dem Spielplatz oder an der Supermarktkasse hört man es oft: ein zwischen den ZĂ€hnen herausgepresstes "Ich zĂ€hl bis drei" hören, mit dem MĂŒtter und VĂ€ter versuchen, ihre Kinder zur Vernunft zu bringen. Macht diese Methode ĂŒberhaupt Sinn? Und wann kommt man damit bei der Erziehung sicher nicht mehr weiter?

Man stellt Regeln auf und sie werden nicht eingehalten, man setzt Grenzen und sie werden ĂŒberschritten. Fast alle Eltern kĂ€mpfen immer wieder mit diesem Problem. Schließlich ist es auch ein ziemlicher Balanceakt zwischen verstĂ€ndnisvoller Erziehung und eingeforderter Disziplin. Sieht man diese aber mal nicht als Zwang, Unterordnung und Verzicht, sondern als Zeichen von gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, Regeln einzuhalten, dann enden Erziehungsversuche auch nicht im lauten wĂŒtenden und damit letztendlich hilflosen Elternchaos. Da ist sich die Elterntrainerin und dreifache Mutter Christine Wermter sicher.

1-2-3-Magic

Die 1-2-3 Formel, auf die sich auch ihr Ratgeber mit dem gleichen Titel bezieht, beruht auf Thomas Phelans "1-2-3 Magic"-Methode. Der amerikanische Psychologe wollte so Eltern, aber auch PĂ€dagogen, ein leicht zu erlernendes Hilfsmittel an die Hand geben, um verstĂ€ndnisvoll und geduldig konsequent zu sein. Sein Erziehungsratgeber wurde in 20 Sprachen ĂŒbersetzt und ĂŒber eine Million Mal verkauft.

Zwischen Stopp- und Startverhalten unterscheiden

Wobei man bei der 1-2-3 Formel darauf achten muss, ein sogenanntes Stopp-Verhalten (ein Verhalten, das beendet werden soll) von einem Start-Verhalten (einem Verhalten, das wir gerne öfter sehen wĂŒrden) zu unterscheiden. Zimmer aufrĂ€umen, schlafen gehen, am Tisch sitzen bleiben, etwas ĂŒben, Sporttasche frĂŒhzeitig packen - all das sind Start-Verhalten. Und dafĂŒr ist die Methode völlig ungeeignet. Hier gilt es nĂ€mlich, die Motivation des Kindes zu wecken und es zu unterstĂŒtzen.

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Typisches Stopp-Verhalten hingegen sind schreien, streiten, andere auslachen, mit dem Essen spielen, andere an den Haaren ziehen oder bei einem wichtigen Telefonat zu stören. Richtig angewendet handelt es sich also nicht um eine unterschwellige Drohung, sondern um einige Sekunden Bedenkzeit, um die richtige Entscheidung zu treffen.

SpÀtestens nach der Grundschule verliert die Methode ihren Sinn

Die 1-2-3 Formel funktioniert am besten zwischen dem Kleinkindalter und der dritten, vierten Klasse. Dann allerdings wird nicht mehr so einfach respektiert, dass Eltern Regeln vorgeben wollen. Und schon gar nicht so. Denn welcher ZehnjĂ€hrige und gar welcher Jugendliche will sich schon auszĂ€hlen lassen? Er oder sie wird die ZĂ€hlerei mit Sicherheit albern finden. Die Zeit der Verhandlungen beginnt. Und zwar, so Thomas Gordon in seinem Bestseller "Familienkonferenz", bis eine Lösung gefunden ist, die sowohl die BedĂŒrfnisse der Kinder als auch die der Eltern befriedigt.

Bei einem Machtkampf verlieren alle Beteiligten

Hier kann man lediglich noch zum inneren ZĂ€hlen greifen. Um sich selbst unter Kontrolle zu halten. "Bei der Drei lassen Sie eine Auszeit folgen - Sie verlassen den Raum." Es gibt Situationen, da ist es durchaus sinnvoll, eine Konfliktlösung ein wenig nach hinten zu schieben, die GemĂŒter sind zu erhitzt und ein Machtkampf bringt nie etwas. Außer Frust.

Das gilt ĂŒbrigens auch fĂŒr die ganz Kleinen. Befindet sich das Kind gerade mitten in der Trotzphase, muss man besonders behutsam mit ihm umgehen. Denn wĂ€hrend eines Tobsuchtsanfalls ist es nicht möglich, auf diese Weise zu ihm durchzudringen. Beharrt man trotzdem darauf, könnte das nur zu einer unnötigen Eskalation fĂŒhren.

Keiner weiß, was bei drei passiert 


Wichtig dabei ist, dass dem Kind bewusst ist, was passiert, wenn es die Entscheidung nicht im Sinne der Eltern trifft. Wermter bevorzugt die begrenzte Auszeit - fĂŒr jedes Lebensjahr wird hier etwa eine Minute gerechnet. Doch man muss kein BefĂŒrworter der Auszeit sein, um die 1-2-3 Methode erfolgreich anzuwenden. Es gibt auch andere Folgen, die man einsetzen kann. Wobei diese umso unmittelbarer folgen sollten, je kleiner das Kind ist.

Wie sagt Frank Ramond in seinem Lied "Ich zĂ€hl bis drei" so schön? "Ein jeder folgt, steht stramm, pariert, weil keiner weiß, was bei drei passiert 
" Wissen es die Eltern auch nicht, macht es definitiv keinen Sinn. Denn unsere Kinder merken schnell, wenn wir mit unserem Erziehungslatein am Ende sind. Und natĂŒrlich nutzen sie es dann aus. Man muss sich also absolut im Klaren darĂŒber sein, dass man konsequent sein muss, wenn man bis drei zĂ€hlen will. Man sollte vorher wissen, was bei drei passiert und das Kind sollte ebenfalls darĂŒber informiert sein, dass sein Handeln gegen die Regeln bestimmte Konsequenzen haben wird, die ihm ziemlich sicher nicht gefallen werden.

Kindliche Wut muss man aushalten können

Hier liegt das nĂ€chste Problem. Es macht definitiv keinen Spaß, ein wĂŒtendes Kind auszuhalten. Und dass das Kind wĂŒtend wird, versteht sich von selbst, schließlich beschneidet man mit der ZĂ€hlmethode meist seinen ausgeprĂ€gten Taten- und Unternehmungsdrang. Teilweise sind die WiderstĂ€nde sogar so heftig, dass es innerlich wehtun kann - abhĂ€ngig natĂŒrlich von Alter und Charakter des Kindes. Viele Eltern haben einfach keine Lust, sich einer solchen Auseinandersetzung zu stellen, in der man eventuell auch mal einiges aushalten muss.

Zu einer einmal getroffenen Entscheidung zu stehen, dazu gehört immer auch ein gewisser Mut. Und der fehlt vielen Eltern im Umgang mit ihren Kindern. Wobei hier nicht von sturer Prinzipientreue die Rede sein soll.

Kinder nehmen Eltern sinnvolle Grenzen nicht ĂŒbel - im Gegenteil

Manchen fehlt es aber gar nicht am Mut, sie möchten mit ihren Kindern grundsĂ€tzlich auf einer Ebene kommunizieren. "Eltern, die es mit der Partnerschaftlichkeit in der Erziehung ĂŒbertreiben, laufen Gefahr, sich vom Wohlwollen ihrer Kinder abhĂ€ngig zu machen", so die sozialpĂ€dagogische Familienberaterin. "Sie fĂŒrchten, die Zuneigung der Kinder zu verlieren, wenn sie beharrlich auf der Einhaltung einmal gesetzter Regeln bestehen." Kurz gesagt, es könnte die Gefahr bestehen, dass das Kind einen weniger liebt, wenn es eine klare Grenze gesetzt bekommt. In dieser Hinsicht allerdings sind sich die meisten Fachleute einig, dass diese Sorge völlig unbegrĂŒndet ist.

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