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ÜberbehĂŒtete Kinder rebellieren mit gefĂ€hrlichen Mutproben

t-online, Nicola Wilbrand-Donzelli

Aktualisiert am 08.12.2015Lesedauer: 4 Min.
Jugendliche: Werden Mutproben immer gefÀhrlicher?
Jugendliche testen ihre Grenzen. Werden Mutproben immer gefÀhrlicher? (Quelle: /Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Mutproben gehören zur Jugend wie die erste Liebe, Stress mit den Eltern oder Zoff in der Schule. Doch die Suche nach dem Kick scheint immer extremer zu werden. Was dahinter steckt, erklÀrt ein Experte.

"Es ist fĂŒr Pubertierende zwischen 14 und 18 Jahren – das gilt insbesondere fĂŒr Jungs – nichts Ungewöhnliches, in diesem Lebensabschnitt nach Herausforderungen mit einem prickelnden Spaß- und Spannungsfaktor zu suchen. Denn um erwachsen werden zu können, mĂŒssen Jugendliche immer wieder ihre Grenzen austesten. Das ist seit eh und je so- gleichgĂŒltig ob es sich um ĂŒbermĂŒtige Experimente mithilfe einer Pferdekutsche vor hundert Jahren handelt oder ob schnelle GefĂ€hrte des 21. Jahrhunderts im Spiel sind", sagt der SozialpĂ€dagoge Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz fĂŒr Erziehungsberatung (BKE).

Adrenalin-Kicks mit und ohne Action

Zu den berĂŒhmtesten filmischen und literarischen Mutproben zĂ€hlen die rasante Autofahrt bis an die Klippe im 50er-Jahre-Kultfilm "Denn sie wissen nicht, was sie tun" mit James Dean. Ebenso der Sprung vom Schuldach in Erich KĂ€stners "Fliegendem Klassenzimmer" oder der Balanceakt auf dem Giebel einer Ziegelei im Kinderbuchklassiker "Die Großstadtkrokodile".

Mutproben mĂŒssen nicht immer actiongeladen sein. Jugendliche testen ihre Grenzen auch mit Rauschmitteln oder LadendiebstĂ€hlen, genauso wie mit "exotischen" Mahlzeiten, bei denen Spinnen oder KĂ€fer tapfer verspeist werden mĂŒssen. Zum fragwĂŒrdigen Challenge-Katalog gehören auch Experimente, die die StrapazierfĂ€higkeit des eigenen Körpers testen, indem beispielsweise so lange wie möglich unter Wasser die Luft angehalten, die Nase mit Tabasco gespĂŒlt oder heißes Kerzenwachs auf die Zunge getrĂ€ufelt wird.

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Jungs haben mehr Erfahrung mit Mutproben

Die UniversitĂ€t Duisburg-Essen hat "Mutproben in der Jugendzeit" in einer gleichnamigen Studie 2003 genauer beleuchtet. Die Wissenschaftler befragten SchĂŒler aus Nordrhein-Westfalen. 33 Prozent der MĂ€dchen und 42 Prozent der Jungen gaben an, sich schon einmal einer Mutprobe unterzogen zu haben. Meistens handelte es sich um vergleichsweise harmlose Herausforderungen wie RegenwĂŒrmer essen, sich in Bernnnesseln legen oder bei Dunkelheit durch den Wald marschieren.

SpektakulÀre Mutproben mit tragischem Ausgang

Obwohl das Gros der Jugendlichen offenbar nicht den Hang hat, sich spektakulĂ€r in Szene zu setzen, entsteht durch Berichte ĂŒber spektakulĂ€re FĂ€lle der Eindruck, dass Mutproben immer gefĂ€hrlicher werden: Junge Leute setzen sich auf ICE-Gleise, balancieren auf AutobahnbrĂŒcken, lassen sich beim "Car-Rafting" auf Inlinern ziehen, legen sich beim "Planking" stocksteif in Bauchlage auf das Sims eines geöffneten Hochhausfensters oder riskieren als S-Bahn-Surfer Kipf und Kragen.

Solche Abenteuer gehen manchmal tragisch aus: Im April 2015 kam ein 18-JĂ€hriger beim S-Bahn-Surfen in Berlin ums Leben, weil er an eine SignalbrĂŒcke knallte. In Bayern starb zwei Jahre zuvor ein Jugendlicher an KnochenbrĂŒchen und inneren Verletzungen, nachdem ihn seine Kumpels mit Klebeband an ein Spielplatzkarussell gebunden und es mit Hilfe eines Autos extrem beschleunigt hatten. Das Video des Action-Stunts sollte – so die Idee vor dem UnglĂŒck – auf Plattformen wie Youtube fĂŒr Furore sorgen.

Videos ermuntern Nachahmer

Auch TV-Sendungen wie die populÀre US-Serie "Jack-Ass" kultivieren und verbreiten solche gefÀhrlichen Experimente. "Die Hemmschwelle, solche Spiele selbst auszuprobieren, wird so weiter gesenkt", kommentiert der SozialpÀdagoge Ritzer-Sachs.

Der Kölner Sportsoziologe und Jugendforscher JĂŒrgen Raithel fragte 182 Jungen und MĂ€dchen zwischen 13 und 17 Jahren nach ihrer Bereitschaft, etwas Riskantes zu tun. Jeder sechste Junge konnte sich vorstellen, an einer hohen BrĂŒcke ohne Sicherungsseil herumzuklettern, jeder zwölfte traute sich zu, von einem 50 Stundenkilometer schnellen LKW abzuspringen und immerhin zehn Prozent der Jungen und drei Prozent der MĂ€dchen wĂŒrden ihren Mut beim S- oder U-Bahn-Surfen unter Beweis stellen.

ÜberbehĂŒtete Kinder auf der Suche nach dem Kick

Nicht nur nicht nur die DauerverfĂŒgbarkeit von inspirierenden, medialen Vorbildern veranlasst Jugendliche, ihre irrwitzigen Ideen in die Tat umzusetzen. Laut Ritzer-Sachs schaffe eine Kombination verschiedener Faktoren die Anreize fĂŒr Mutproben. Dazu zĂ€hle beispielsweise der Wunsch, Tabus zu brechen, sich Anerkennung in der Clique zu verschaffen oder schlechte Schulnoten beziehungsweise sportliche Misserfolge zu kompensieren.

Aber auch elterliches ÜberbehĂŒten begĂŒnstige die Bereitschaft von Teenagern, sich auf Gefahren einzulassen. "Kinder, die ihren Schulweg jahrelang nicht alleine laufen, nie auf einen Baum klettern dĂŒrften und in beinahe allen Lebenslagen an die Hand genommen und begleitet werden, können nur schwer ihre psychischen und physischen Grenzen kennen lernen, um mit einem gesunden SelbstgefĂŒhl Herausforderungen anzugehen."

Das heißt: In Watte gepackte Sprösslinge von "Helikopter-Eltern" haben eher das BedĂŒrfnis, sich durch gefĂ€hrliche und unerlaubte Aktionen abzugrenzen, als Kinder, die schon frĂŒh ihre FĂ€higkeiten ausprobieren durften. Die unheilvolle Mischung aus Befreiungsakt und SelbstĂŒberschĂ€tzung kann den Hang zu riskanten Mutproben befeuern.

Gesundes SelbstgefĂŒhl wirkt Leichtsinn entgegen

Wie können MĂŒtter und VĂ€ter gegensteuern, damit ihr Sprössling im Teenageralter nicht den gefĂ€hrlichen Kick sucht? Hier helfe am besten, wenn Kinder schon frĂŒh ein gesundes SelbstgefĂŒhl entwickeln könnten, rĂ€t der Experte. Sie sollten von ihren Eltern die Gewissheit mit auf den Weg bekommen, auch mal Mist bauen zu dĂŒrfen. "Das schafft eine solide Basis, um spĂ€ter extremen Formen des Leichtsinns entgegen zu wirken."

Auch wĂ€hrend der PubertĂ€t lĂ€sst sich jugendlicher Übermut oft noch in vernĂŒnftige Bahnen lenken, zum Beispiel durch Abenteuersportarten wie Mountainbiken oder im Kletterpark.

Riskante Mutproben haben Suchtpotential

Solche AktivitÀten zeigten aber nur dann Wirkung, meint Ritzer-Sachs, wenn Jugendliche nicht vorher schon mal Erfahrungen wie beispielsweise S-Bahn-Surfen gemacht habe. Dann verpufften solche gut gemeinten Initiativen und erscheinen den Kids wie der Besuch auf einem langweiligen Kinderspielplatz. Wenn extreme Abenteuer und die Suche nach dem Kick zur Sucher werden, könne hÀufig nur eine professionelle Verhaltenstherapie helfen, den gefÀhrlichen Kreislauf zu durchbrechen, warnt der Erziehungsexperte.

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