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Hype um ChatGPT an Schulen: Warum eigentlich noch lernen? Zukunftsszenarien


KI-Revolution an Schulen
Worum wir uns wirklich sorgen müssen

MeinungEine Kolumne von Bob Blume

25.11.2023Lesedauer: 5 Min.
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Lehrerin stützt den Kopf in die Hände (Symbolbild): Die Herausforderungen an den Schulunterricht verändern sich. (Quelle: U. Grabowsky/photothek.net/imago-images-bilder)

Der Chatbot ChatGPT hat einen Hype ausgelöst. Längst dringt Künstliche Intelligenz in alle Lebensbereiche vor. Auch in Schulen. Wie sollten diese damit umgehen? Drei Zukunftsszenarien.

Vielleicht müssen wir nicht unbedingt mit dem Weltuntergang beginnen. Zwar warnt der Experte Ben Goertzel davor, dass sich Künstliche Intelligenz (KI) schon in drei Jahren der menschlichen Kontrolle entziehen könnte. Doch damit ist er weitgehend allein. Die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen fasst zu Beginn ihres Buches "Der elektronische Spiegel" die vorherrschende Meinung der meisten Experten so zusammen: "Künstliche Intelligenz ist nicht intelligent."

Ist also alles Gerede von der Revolution der Berufe und des Lernens übertrieben? Nicht ganz. Denn es kommt darauf an, wie wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Und zwar besonders in der Schule. Es bahnen sich drei Szenarien an, von denen nur eins als annehmbar erscheint.

1. Das Bullshit-Szenario

Das erste Szenario könnten man das Bullshit-Szenario nennen. In einem bekannten Essay des amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt umreißt dieser das Phänomen Bullshit als Ort zwischen Wahrheit und Lüge. Aber während sich die Lüge an der Wahrheit orientiert, indem sie verkehrt wird, ist dem Bullshitter die Wahrheit egal.

In einem solchen Szenario bescheißen sich alle gegenseitig: Die Schülerinnen und Schüler, indem sie die KI ihre Aufgaben schreiben lassen (was sie schon heute tun), und die Lehrkräfte, indem sie ihre Arbeiten korrigieren lassen (was sie teilweise schon tun). KI-Expertinnen wie Katharina Zweig weisen zu Recht darauf hin, dass beides ethisch und professionell problematisch ist.

Bob Blume ist Lehrer und Autor.
Bob Blume ist Lehrer und Autor. (Quelle: privat)

Bob Blume

Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Aktivist. Er schreibt Bücher zur Bildung im 21. Jahrhundert und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. In seiner Kolumne für t-online kommentiert er aktuelle Bildungsthemen mit spitzer Feder und Rotstift im Anschlag. Man findet Blume auf Twitter und auf Instagram, wo ihm über 100.000 Menschen folgen. Sein Buch "10 Dinge, die ich an der Schule hasse" ist überall erhältlich.
Hier geht's zu Blumes Instagram-Auftritt.

In dem Bullshit-Szenario entfernen sich die jüngeren und älteren Menschen vom eigentlichen Sinn der Bildung. Der britische Philosoph Alfred North Whitehead definierte einst Bildung als "Erwerb der Kunstfertigkeit, sich Wissen nutzbar zu machen". Bildung ist dabei kein Set an Wissen, sondern eine Tätigkeit, die immer weitergeht. In der Schule geht es aber zu oft noch darum, was am Ende herauskommt, als darum, wie der Prozess bis zum Ergebnis vonstattengeht.

Ein System, in dem die eigentliche Tätigkeit des Lernens aber gar nicht in der Schule stattfindet, wird von der KI unterlaufen. KI-Experten sprechen von stochastischen Papageien. Damit ist gemeint, dass Chatbots nachplappern und sich des Sinns nicht selbst bewusst sind. Sie rechnen Wahrscheinlichkeiten aus. Allerdings sind die Produkte dieser Rechenprozesse teilweise erstaunlich präzise, formal perfekt und strukturiert. Referate, Hausaufgaben und Tests lassen sich damit allemal sehr gut bestehen. Und dies trifft nun auf eine Schule, die sich mit Veränderungen sehr schwertut.

Klar, an einigen Stellen wird digitalisiert. Natürlich ganz nach den Bedingungen des föderalen Systems. Also überall anders und mit unterschiedlichem Erfolg. Am Schluss werden dann wieder dieselben Klassenarbeiten so wie vor 50 Jahren geschrieben: mit Stift, Zettel und allein am Platz. Wer will den Schülern da verübeln, dass sie die KI nutzen, wenn sie es können und es keiner überprüfen kann?

2. Das Hype-Szenario

In einer Art Gegenbewegung kann dies zum zweiten Szenario führen. Nennen wir es das Hype-Szenario. Es ist eine – je nach Betrachter – als Utopie oder Dystopie zu bezeichnende Entwicklung, in der sich der Glaube durchsetzt, dass in der Schule nur Dinge vermittelt werden sollten, die direkte Anwendung finden können.

In dem Szenario kann die KI bequem jene unbeliebten Tätigkeiten übernehmen, die vermeintlich sowieso niemand "braucht". Gedichtinterpretationen schreiben, eine Definition formulieren, einen Testaufbau beschreiben. Dass ChatGPT und Co. dazu neigen zu halluzinieren, also Dinge zu erfinden und damit jungen Leute schon früh die Fähigkeit des genauen Prüfens nehmen – geschenkt. Mithilfe von ChatGPT können die überkommenen Tätigkeiten outgesourct werden, sodass sich die Schüler um die wahren und richtigen Kompetenzen kümmern können. Diese werden gerne als "Future Skills" beschrieben, womit Fähigkeiten gemeint sind, die man in der Zukunft brauchen wird.

Woher die Experten, die von den "Future Skills" sprechen, ihr Wissen darüber haben, welche Zukunftsfähigkeiten das sind, wird nicht immer klar. Gerne wird in progressiven Zirkeln mit frischen Phrasen davon abgelenkt, dass es genauso schwer ist, zu formulieren, was eine Zukunftskompetenz ist, wie zu sagen, was eigentlich aus dem Bildungsplan gestrichen werden sollte.

In dem Hype-Szenario könnte die KI aber wenigstens all das tun, was sich nicht auf den ersten Blick als gewinnbringend für die schöne neue Zukunft erweist. Wer das für übertrieben hält, sollte sich mal anschauen, was so in den sozialen Medien wie TikTok oder auf der sterbenden Kurznachrichtenplattform X (vormals Twitter) als progressiv gilt, oder besser: als zeitgemäß. Das ist immer gerade das, was jemand als Hobby hat und zufällig Richtung zukunftsweisender Fähigkeit aufpolieren kann.

Das Hype-Szenario ist das Bullshit-Szenario mit Glitter. Denn auch hier besteht die Gefahr, dass sich die Lernenden vom eigenen Lernen entfernen. Vielleicht hat dann die KI das Drama analysiert. Aber wenn ich das Schöne nie durch die Auseinandersetzung erlebt habe, werde ich nach der Schule nicht ins Theater gehen wollen. Kultur lebt auch von der Auseinandersetzung mit schwierigen Stoffen, die sich nicht durch den intelligenten Taschenpapagei ersetzen lässt.

3. Das Sinnvoll-Szenario

Das letzte Szenario ist, Sie ahnen es: ein wenig langweilig. Es nimmt KI wie Elektrizität an und fragt: Wie könnte die Technik so eingesetzt werden, dass sie sinnvoll für mich ist? Und welche Nutzung ist für mich weniger sinnvoll? Was sich einfach anhört, birgt höchst philosophische Fragen, denn es betrifft die Haltung. Und sie herauszubilden ist ungleich schwerer, als mit einem Test zu drohen oder damit, dass nun jede schriftliche Aufgabe durch den KI-Lügendetektor gejagt wird (ja, die gibt es schon, weshalb Schüler ChatGPT extra Fehler in ihre Plagiatsaufsätze bauen lassen. Bullshit eben).

Doch selbst das langweilige Szenario würde die Schule für immer verändern. Denn wieso sollte eine Person ganz vielen auf die eine Art und Weise etwas erklären, wenn die Erklärung automatisiert auf den verschiedensten Niveaustufen ablaufen kann? Lehrkräfte sind dann immer noch wichtig, aber eben für andere Dinge. Nicht fürs Vortragen – auch wenn das natürlich eine Alternative bleibt –, sondern fürs Helfen. Für die Beziehung. Für Fragen. Und natürlich für die vielen Dinge, die KI nicht tun kann und niemals wird tun können: menschlich sein. Inspirieren. Motivieren.

Um das letzte Szenario wahr werden zu lassen, müssen wir uns dennoch beeilen. Wir müssen dem Hype folgen, um ihn gelassen zu sehen. Wir müssen die Entwicklungen ernst nehmen, um über sie zu lächeln. Und wir müssen mit Schülerinnen und Schülern darüber sprechen, warum etwas wichtig, relevant oder interessant ist. Und wenn es das nicht ist, wie es das werden könnte. Ganz oft. Denn noch mehr Bullshit, als sowieso schon im Umlauf ist, können wir uns nicht leisten.

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