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Bonner wollen gemeinsames Wohnprojekt für bezahlbaren Wohnraum starten

Gegen steigende Mietpreise  

Bonner wollen gemeinschaftliches Wohnprojekt starten

Von Klaas Tigchelaar

15.06.2021, 21:02 Uhr
Bonner wollen gemeinsames Wohnprojekt für bezahlbaren Wohnraum starten. Tessa Pariyar, Tochter Shanti und Hamza Smaiti vor dem Haus Wolkenburg: Sie wollen einen bezahlbaren Wohnraum für eine Wohngemeinschaft schaffen. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Tessa Pariyar, Tochter Shanti und Hamza Smaiti vor dem Haus Wolkenburg: Sie wollen einen bezahlbaren Wohnraum für eine Wohngemeinschaft schaffen. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Miet- und Kaufpreise für Immobilien sind längst in schwindelerregende Höhen geschossen. Auch weil bezahlbarer Wohnraum knapp ist und es zu wenig sozialen Wohnungsbau gibt, erscheint diese Idee verlockend: ein Haus kaufen, das keinen Eigentümer hat, sondern als gemeinschaftliches Wohnprojekt ausschließlich den Bewohnern gehört. Dass das auch ohne dickes Portemonnaie funktioniert, zeigen das Haus Wolkenburg und das Gut Krausfeld in Bonn.

Den zwölf Bewohnenden der Wohngemeinschaft "Haus Wolkenburg" in Bonn-Kessenich wurde zum 30. Juni vom Vermieter gekündigt, nun suchen sie nach einer Kauf-Immobilie für mindestens acht Personen, welche sie nach dem Prinzip des Solidarverbundes Mietshäuser Syndikat (MHS) bewohnen möchten.

Nach wie vor klingt die Idee, ein Haus zu kaufen, ohne es selbst zu besitzen, wie eine versponnene, linksradikale Wunschvorstellung, welche die Regeln der Marktwirtschaft ignoriert. Angesichts von 165 realisierten Projekten nach diesem Prinzip in Deutschland ist dieses Konzept aber vielleicht doch eine Alternative zu unbezahlbarem Wohnraum.

Wohnraum, kein Spekulationsobjekt

Das Grundkonzept ist recht einfach: Mehrere Bewohnende gründen mit dem MHS eine GmbH (anteilig 51% für die Bewohner, 49% für das Syndikat) und kaufen ein Haus, in dem die Bewohnenden als Eigentümer leben. Ihnen gehört das Haus, solange sie darin wohnen, wer auszieht, verliert sein indirektes Eigentumsrecht. Es wird eine monatliche Miete gezahlt, die deutlich unter dem lokalen Quadratmeterpreis liegt. Hiermit werden die laufenden Kosten und die Kredit-Abtragung des Hauses finanziert, sowie die Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten.

Das Haus bleibt dauerhaft in der Hand der Bewohnenden, die selbstbestimmt über alle Aspekte des Zusammenwohnens entscheiden. Sie helfen auch dabei, dass Wohnraum nicht noch stärker zum Spekulationsobjekt für Wohlhabende wird. Das 1992 in Freiburg gegründete Mietshäuser Syndikat, welches seine Wurzeln in der Hausbesetzer-Szene hat, tritt dabei als nicht-kommerzieller Berater und Vermittler auf. Auch fungiert das MHS als Bindeglied zwischen den Hausprojekten in ganz Deutschland, und sorgt dafür, dass die Häuser von den Bewohnenden nicht verkauft werden können und somit langfristig als Spekulationsobjekte vom Immobilienmarkt verschwinden.

Kündigung wegen Eigenbedarf

"Wir haben unserem Vermieter vor einem Jahr erklärt, dass wir sein Haus gerne kaufen möchten, um es als Wohnprojekt nach der Idee des Mietshäuser Syndikats zu bewohnen", erklärt Tessa Pariyar vom Haus Wolkenburg. "Daraufhin hat er uns kurzerhand wegen Eigenbedarf gekündigt." Ihr Haus wird schon seit den 1980ern als Wohngemeinschaft bewohnt. Das Verhältnis zum Vermieter ist angespannt, da er sich kaum um Reparaturen kümmert und das Haus von den Bewohnern laut eigener Aussage notgedrungen selbst instand gehalten werden muss.

Anfang Juni hat der Vermieter ein zweistöckiges Gerüst im Treppenhaus des Hauses errichten lassen, welches Flucht- und Rettungswege versperrt. "Diese Maßnahme verstehen wir als reine Schikane, denn eine Dringlichkeit der Sache ist nicht erkennbar", heißt es vom Hausprojekt Wolkenburg hierzu auf Facebook. "Wir haben uns schon viele Objekte in Bonn angeguckt und auch ein konkretes Haus in Aussicht", erzählt Hamza Smaiti, "aber zur Sicherheit haben wir alle ab Juni erst einmal Zimmer angemietet, die wir recht kurzfristig wieder kündigen können, sobald unser Hausprojekt Realität wird."

Zusammenleben als Bereicherung

Im bisherigen Mietshaus leben zwölf Bewohner aus Deutschland, Nepal, Marokko und Bulgarien, deren Tagesabläufe als Schreiner, Fahrradkurier, Studentin oder Bürokraft sich grundlegend unterscheiden. Doch allen gemein ist der Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnraum und verträglichen Mieten.

Der statistische, durchschnittliche Mietpreis in Bonn liegt nach einer Übersicht der Nettokaltmieten der Stadt von 2020 zwischen 6,75 Euro/m² (einfache Lage, Baujahr 1955, unsaniert) und 11,40 Euro/m² (Gründerzeithaus, sehr gute Wohnlage, saniert). Schaut man sich jedoch in verschiedenen Immobilienportalen die Mietangebote in Bonn an, kommt man kaum auf eine Kaltmiete von unter 10 Euro/m², egal in welchem Viertel man sucht. 

"Es ist natürlich momentan schwierig, konkrete Zahlen zu nennen, da wir noch keinen Kaufvertrag unterschrieben haben", so Pariyar. "Wir hoffen aber, dass wir bei rund 350 Euro pro Zimmer kalt landen können, enthalten sind dabei natürlich auch die Gemeinschaftsräume wie die Küche, Badezimmer, der Wohnbereich und der Garten."

Tessa Pariyar, Tochter Shanti und Hamza Smaiti im Garten ihres Gemeinschaftshauses in Bonn. (Quelle: Klaas Tigchelaar)Tessa Pariyar, Tochter Shanti und Hamza Smaiti im Garten ihres Gemeinschaftshauses in Bonn. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Direktkredite bestimmen die Miete

Um an Eigenkapital für den großen Kredit bei der Bank zu kommen, setzt man auf private Kleinkredite ab 500 Euro. Diese können mit einem zu vereinbarenden Zinssatz zwischen 0 und 2 Prozent vermittelt werden und befristet oder unbefristet aufgesetzt werden. Die Rückzahlung erfolgt immer als gesamte Summe, die Frist zur Rückzahlung beträgt ein halbes Jahr für Beträge bis 50.000 Euro, und ein Jahr für Beträge darüber.

"Je höher der Eigenkapitalanteil beim Hauskauf ist, desto niedriger fallen die Mieten für die Bewohner aus", rechnet Johannes vom Hausprojekt vor, der seinen Nachnamen nicht in der Presse lesen möchte. Banken wie die Gemeinschaftsbank GLS vermitteln regelmäßig Kredite für solche Hausprojekte, "aber es gab auch schon ein paar Häuser, die mit einem Kredit der lokalen Sparkasse finanziert werden konnten", ergänzt Pariyar.

WG-Leben, aber auch Gewerbe

Je mehr Wohnfläche das Haus letztlich hat, desto mehr Leute können einziehen. Potenzielle neue Mitbewohnende sind ausreichend vorhanden, die Bewohnenden stehen über die sozialen Medien im regen Austausch mit anderen Wohnprojekten, Immobilienanbietern, aber auch mit Leuten, die sich angesichts steigender Mieten für das Konzept interessieren.

Für das neue Projekt von Haus Wolkenburg müssen neue Bewohnende natürlich eine gewisse WG-Affinität mitbringen: "Ob jemand einziehen darf, hängt viel von der Sympathie ab, wir entscheiden das letztlich gemeinsam im Plenum", so Smaiti. Aber es muss nicht zwingend eine Wohngemeinschaft sein, um die Projektidee zu realisieren. Auf dem "Grethergelände" in Freiburg, der Wiege des Mietshäuser Syndikats, befinden sich auch verschiedene Wohnungen, ein Strandcafé, und ein Radiosender. Auch der Handwerkerhof Ottensen in Hamburg als Hofgemeinschaft mit 15 Gewerken wurde nach dem Kauf 2011 anhand der Prinzipien des Sozialverbundes des Mietshäuser Syndikat gestaltet.

Gut Krausfeld

Und während die Bewohner des zukünftigen Haus Wolkenburg noch nach dem passenden Gebäude suchen, hat sich in der Altstadt das Gut Krausfeld als solidarisches Wohnprojekt angesiedelt, hierfür wurde im August 2020 der Kaufvertrag unterschrieben.

Auch hier war das Mietshäuser Syndikat an der Realisierung beteiligt, 9 Bewohnende zwischen 25 und 40 Jahren wohnen dort zusammen, die "in unterschiedlichen Lebensphasen stehen und in diversen gesellschaftlichen und beruflichen Feldern tätig sind", so die eigene Internetseite.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Bewohnern vom Hausprojekt Wolkenburg
  • Mailverkehr mit Jochen Schmidt vom Mietshäuser Syndikat
  • Webseite der Stadt Bonn
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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